Nadine, 31, lebt mit Alex, 39, und den gemeinsamen Töchtern Naya, 5, und Ayana, 2, in Greifensee ZH.
Während meiner Berufslehre in der Pflege kam ich früh mit Krankheit, Leiden und Tod in Berührung. Was mich damals als Teenager am meisten frappierte: Was hatte es auf sich mit Patienten, die wahrlich schlecht dran, aber augenscheinlich glücklich waren? Sie hatten Schicksalsschläge erlitten und so vieles verloren – und trotzdem Grund zur Freude.
Ich erinnere mich an einen älteren Herrn, einen in vieler Hinsicht geplagten und so fröhlichen Menschen, der seine Begeisterung gern teilte. Für das Gefieder eines Vogels, den Baum, der die Farben wechselte. Mir war schleierhaft, wie ihn Unspektakuläres derart beglücken konnte. Er blieb nicht der Einzige, der mich verblüffte mit einer mir unerklärlichen Lebensfreude. Ich fing an, Leute zu fragen, warum sie bei allem, was sie durchmachten, eine so positive Einstellung hatten.
Ich nehme meinen Töchtern nicht jedes Problem ab. Was ich oft sage: Ich stehe hinter dir – probiere es nochmals, ich bin da.
Die Antwort war immer gleich: Sie schöpften Zufriedenheit aus Beziehungen; sei es zu Angehörigen oder Freunden. Diese Patientinnen haben meine Definition von Glück geprägt – es ist das, was wir mit unseren Lieben teilen.
Andere Länder, anderes Glück
Wie unterschiedlich Menschen Glück deuten und ausleben, fällt mir auf, wenn ich die Familie meiner Mutter in Brasilien besuche. Meine Verwandten haben mich gelehrt, dass Freud und Leid nahe beieinander liegen, man sich todtraurig und im nächsten Moment himmelhoch jauchzend fühlen kann. Dazu kommt mir die Beerdigung meines Grossvaters in den Sinn: wie die Trauer über seinen Verlust alle erfasste, die Wucht, mit der sie ihrem Kummer freien Lauf liessen, um Stunden später ebenso ausgelassen den Verstorbenen zu feiern.
Das möchte ich meinen Töchtern vorleben: dass die schweren Gefühle ebenso zum Leben gehören wie die leichten, dass Glück nicht bedeutet, keine Probleme zu haben, sondern Wege zu finden, um damit umzugehen. Sie sollen lernen und ausprobieren dürfen, was ihnen in schwierigen Momenten hilft. Darum eile ich ihnen nicht sofort zu Hilfe, wenn sie nicht mehr weiterwissen, fange nicht gleich an zu trösten, wenn sie frustriert, traurig oder hingefallen sind.
Was ich oft sage: Ich stehe hinter dir – probiere es nochmals, ich bin da. Ich versuche, mit ihnen zu teilen, was mir hilft, wenn ich gereizt, müde oder traurig bin. Etwas davon ist bei Naya zum Selbstläufer und so zum Ritual geworden: Wenn alles schiefläuft, dreht sie die Musik auf und ruft: «Tanzen!» Dann hüpfen wir zu dritt auf dem Sofa, die Mädchen abwechselnd auf meinem Arm, und tanzen, bis wir wieder lachen können.
Was macht mich als Mutter glücklich?
Ich glaube, wir können Kinder nicht einfach «glücklich machen». Wenn ich als Mutter eines gelernt habe, dann, dass sie unser Spiegel sind. Darum muss ich bei mir anfangen: Wer bin ich, was brauche ich, damit es mir gut geht? Die postpartale Depression nach Nayas Geburt gab den Ausschlag, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen – meine Töchter sind die Motivation, es weiterhin zu tun.
Ich muss wissen, was Glück für mich bedeutet, damit ich sie darin unterstützen kann, ihres zu finden. Meines zeigt sich in unspektakulären Momenten: wenn wir alle zusammen im Wohnzimmer sind, Naya zeichnet und Ayana knetet, ich am Laptop herumwerkle und Alex einen Film schaut zum Beispiel. Jeder macht ein bisschen etwas für sich – trotzdem sind wir beieinander, geniessen ohne viel Aufhebens die Nähe zu viert.
Es sind nicht die grossen Ausflüge, die bleiben. Was mich nährt: Ich weiss noch genau, wie gut es sich anfühlt beisammen zu sein.
Von Alex habe ich gelernt, dass es keine grossen Sprünge und nicht immer viele Worte braucht, um sich verbunden zu fühlen. Wir unternehmen auch gerne etwas – aber nichts liebe ich so sehr wie unser perfektes Chaos: diesen heimeligen, selten aufgeräumten Lebensraum im Wohnzimmer, wenn ihn alle dem eigenen Zimmer vorziehen. Wenn ich an meine Kindheit denke, die sehr glücklich war, sind es nicht die Ausflüge in den Europa-Park, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind und mich noch heute nähren. Keine Ahnung, wo wir überall waren – aber ich weiss noch genau, wie gut es sich anfühlte, beisammen zu sein.






