Was Paare stark macht
Familienleben

Was Paare stark macht

Viele wünschen sich eine Partnerschaft fürs Leben. Doch meist kommt es spätestens auf halbem Weg zu Krisen: Alltagstrott und Stress nagen an der Beziehung. Wie geht Liebe in Zeiten der Multioptionsgesellschaft?
Text: Virginia Nolan 
Bilder: Rita Palanikumar / 13 Photo
Vor nicht allzu langer Zeit war die Familie in erster Linie eine Arbeitsgemeinschaft. Heute ist sie in der Regel ein Produkt der Liebe. Nicht wirtschaftliche Überlegungen, sondern romantische Ideale lassen uns eine Partnerschaft eingehen und gemeinsam Kinder bekommen. In der Hoffnung, dass bleibt, was verbindet: Neun von zehn Paaren in der Schweiz bezeichnen sich bei der Eheschliessung als glücklich und eine Scheidung für sich als undenkbar. Die Statistik spricht bekanntlich eine andere Sprache: Hierzulande scheitern zwei von fünf Ehen, in fast der Hälfte aller Fälle sind davon minderjährige Kinder betroffen. Und selbst alte Liebe rostet: Immer öfter trennen sich auch Paare, die 20 oder mehr Jahre verheiratet waren. 
Zwei von fünf Ehen ­scheitern hierzulande. Trotzdem bleibt die lebenslange Partnerschaft das Ideal der überwältigenden Mehrheit.
Trotzdem bleibt die lebenslange Partnerschaft das Ideal der überwältigenden Mehrheit, ganz gleich, in welchem Alter man die Menschen befragt. 85 Prozent der Bevölkerung heiraten, und selbst drei Viertel der Geschiedenen laufen wieder in den Hafen der Ehe ein. Wie kommt es, dass Wunsch und Wirklichkeit in der Liebe so weit auseinanderklaffen? Gibt es ein Rezept, um diese Kluft zu schmälern? Warum geraten auch erfüllte Partnerschaften in Schieflage? Können wir etwas dagegen tun? Und ist es überhaupt möglich, langfristig zu begehren, was wir schon haben? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen beginnt nicht bei den Geheimnissen einer gelungenen Partnerschaft, sondern bei den Beziehungskillern.

Wenn sich Stressfaktoren ­summieren

Zum Beispiel Stress. Druck im Job, Schulprobleme des Kindes, der Haushalt, ein finanzieller Engpass: Wir alle sind mit der einen oder anderen Herausforderung dieser Art konfrontiert und sehen darin vermutlich keinen Trennungsgrund. Treten solche Belastungen in der Summe auf, sieht es anders aus. In Umfragen zu Paarkonflikten rangiert Stress als Auslöser weit oben. Und er gehört – nebst Kommunikationsproblemen und gewissen Persönlichkeitsmerkmalen der Partner – zu den drei gewichtigsten Risikofaktoren für eine Scheidung. Das zeigt eine Metastudie der University of California in Los Angeles, in die Daten von mehr als 45 00 Ehepaaren mit einflossen.
Zum Problem wird Stress, wenn er nicht aufhört. Dann gefährdet er die Beziehung in vielerlei Hinsicht.
«Es gibt zwei Arten von Stress», sagt Guy Bodenmann, Paarforscher, -therapeut und Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. «Unter Makro­stress versteht man einschneidende Ereignisse wie einen Schicksalsschlag. Eine solche Belastungsprobe erschüttert Paare, und während manche gestärkt daraus hervor­gehen, zerbrechen andere daran. Mikro­stress hingegen, ausgelöst durch vielfältige alltägliche Erfordernisse, ist in allen Partnerschaften ein Thema.» Der meiste Alltagsstress hat Bodenmann zufolge nichts mit der Paarbeziehung selbst zu tun, wir bringen ihn nach Hause – übrigens auch in Form von Kindern, die im Leben ihrer Eltern ein durchaus gewichtiger externer Stressor sind. Zum Problem wird Stress, wenn er nicht aufhört.
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Chronischer Alltagsstress gefährdet die Partnerschaft in vielerlei Hinsicht: Er reduziert Zeit und Gelegenheit für gemeinsamen Austausch und Erlebnisse, die das Wir-Gefühl festigen, erhöht das Risiko für körperliche und psychische Störungen und fördert problematische Verhaltensweisen, die wir unter günstigeren Umständen besser im Griff hätten. Unter Stress sind wir dominanter, kleinlicher, aufbrausender oder verschlossener, als uns selbst lieb ist – und bekommen auch die schlechten Seiten des Gegenübers öfter zu spüren. Wir geraten aneinander oder fangen an, dem anderen aus dem Weg zu gehen. Dann wird zur Mangelware, was jeder Beziehung Halt gibt: ein liebes Wort, nette Gesten, körperliche Nähe, Gespräche. «Alltagsstress unterhöhlt die Beziehung schleichend. Es häufen sich schlechte Gefühle an, bis wir den anderen nur noch durch die negative Brille sehen», sagt Bodenmann. «Schliesslich lassen uns sogar Komplimente misstrauisch werden, weil wir dahinter Sarkasmus vermuten. Das Resultat ist eine zunehmende Entfremdung.»

Stress: Geteiltes Leid ist halbes Leid

Wie gut Partnerschaft gelingt, hängt massgeblich davon ab, ob Paare in der Lage sind, Stress gemeinsam zu bewältigen. Dies setzt einerseits voraus, einander aufmerksam zu begegnen und nachzufragen, wenn das Gegenüber gestresst wirkt. Andererseits braucht es Fingerspitzengefühl, damit in der Kommunikation nicht ein Beziehungskiller zum nächsten führt. Paar­forscher Guy Bodenmann von der Universität Zürich hat ein Dreiphasenmodell entwickelt, das helfen soll, den Partner bei Stress zu unterstützen. Zur Illustration das folgende Beispiel: Die Frau wurde bei der Arbeit mit Kritik konfrontiert, die ihr zu schaffen macht, und der Mann fragt nach.

Phase 1: Zuhören (20 Minuten)
Die ersten 20 Minuten gehören der gestressten Partnerin. Sie soll erzählen können, was vorgefallen ist. Der Partner beschränkt seine Rolle vorerst aufs Zuhören und versucht zu verstehen, was sein Gegenüber beschäftigt. Er kann offene, interessierte Fragen stellen («Was, glaubst du, war der Grund für diese Kritik?»), gibt aber keine Ratschläge («Ach komm, gib nichts auf dessen Meinung, du weisst ja, was das für einer ist»). Diese verstärken bei der Partnerin nur das Gefühl, nicht angemessen zu reagieren, und bringen sie zum Schweigen. Vielmehr soll er immer wieder kurz zusammenfassen, was er vom Stress seiner Partnerin verstanden hat.

Phase 2: Unterstützung anbieten (10 Minuten)
Jetzt geht es darum, dem Gegenüber emotionale Unterstützung anzubieten. In besagtem Fall könnte der Mann seiner Partnerin vermitteln, dass er ihre Gefühle nachvollziehen kann («Du hattest dich für dieses Projekt so ins Zeug gelegt, ich verstehe deine Enttäuschung»). Hilfreich ist auch, der gestressten Person mit wertschätzenden, mutmachenden Worten zu begegnen («Vergiss nicht, dass du in deiner Arbeit wirklich gut bist. Das hast du mehrfach bewiesen») und, falls es sich anbietet, von einer eigenen Erfahrung im Zusammenhang mit einer ähnlichen Situation zu berichten. Danach – nicht früher – kann der Partner problem­bezogene Vorschläge machen («Wie wäre es, mit der Teamleiterin das Gespräch zu suchen?»). In Phase zwei hat hauptsächlich der Unterstützer das Wort, während die Partnerin das Gesagte auf sich wirken lässt.

Phase 3: Feedback geben (5 Minuten)
Jetzt ist es an der Zeit – und in besagtem Beispiel an der Frau –, dem Partner eine Rückmeldung zu geben: Was war an seiner Unterstützung hilfreich («Es hilft mir, dass du meinen Ärger nachvollziehen kannst»), wo hätte man sich allenfalls mehr Verständnis gewünscht («Was du als Nebenschauplatz bezeichnest, gehört für mich allerdings auch zum Problem»)? Wichtig ist, dass die Rückmeldung auch Lob und Anerkennung enthält. Wird die Unterstützung durch den Partner als selbstverständlich hingenommen, schmälert dies seine zukünftige Bereitschaft dafür. Bodenmann rät Paaren, solche Stressgespräche möglichst oft zu üben, um sich aufeinander einstellen und im Bedarfsfall wirksamer unterstützen zu können.

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