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Geschwister – die längste Beziehung des Lebens

Lesedauer: 10 min
Kinder können selten mit ihren Geschwistern, aber noch seltener ohne sie. Sie rivalisieren ein Leben lang um die Liebe ihrer Eltern. Sie sind einander Halteseil, aber auch lästige Fessel.
Text: Claudia Landolt

Bilder: Gabi Vogt / 13 Photo

Weisst du noch, als wir von unserem kleinen Bruder fünfzig Rappen verlangten, damit er unser Zimmer betreten durfte? Weisst du noch, als wir einander durchs Haus gejagt haben, jeder bewaffnet mit einem Deospray unseres grossen Bruders? Weisst du noch, wie oft du mich gehauen hast, weil ich dir angeblich einen Legostein geklaut habe?

Jeder, der Geschwister hat, kennt solche Geschichten. Man sucht sie sich nicht aus, die Geschwister. Man wird vor ihnen, nach ihnen oder zwischendrin in die Familie geboren und muss seinen Platz finden. Mit ihnen, gegen sie. Man bleibt ihnen lebenslang verbunden, meist länger als den Eltern oder dem Partner oder den eigenen Kindern. «For better or worse», wie die Engländer sagen.

Eine ambivalente Beziehung

«Auf Gedeih und Verderb»: Diese Ambivalenz ist typisch für viele Geschwisterbeziehungen. Innige Vertrautheit, Rivalität, Eifersucht, gegenseitige Unterstützung, Gleichgültigkeit, Liebe und Hass – alles kommt vor zwischen Geschwistern. Nichts wird ausgelassen.

Zum Beispiel bei Benjamin. Der Elfjährige sagt über seine beiden Geschwister: «Moritz wollte immer mit meinen Lego spielen und befand, das wären seine. Nie gab er sie zurück. Und meine Schwester erlaubt mir nicht, ihr Bad zu benutzen, bloss weil es näher an ihrem Zimmer liegt.»

Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife – nur Geschwister können beides.

Kurt Tucholsky

Oder der elfjährige Matthias. Kaum kreuzen die Freundinnen seiner siebenjährigen Schwester auf, wird der ansonsten recht angepasste Junge zum grässlichen Störenfried. Er ärgert die Mädchen so lange, bis der Besuch weinend abzischt und er mitsamt Eltern zur Aussprache geladen wird. Fragt man ihn, weshalb ihn die Mädchen stören, sagt er: «Weil sie sich wie die Chefs aufführen!»

Und da gibt es noch Lara. Die 13-Jährige ist das jüngste von vier Geschwistern und das einzige Mädchen in der Familie. Sie ist eine langsame Esserin. Aber eine organisierte: Sie hebt alles fein säuberlich angeschrieben im Kühlschrank auf, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu essen. Doch dazu kommt es nie: Irgendein Bruder ist immer schneller. Ja: So gemein!

Der Geschwisterkomplex

Jeder, der Geschwister hat, kennt das eigenartige Band, das Schwestern und Brüder verknüpft – allen Verschiedenheiten zum Trotz. Die Geschwisterforschung in der Psychologie hat sich lange nur auf die problematischen Aspekte dieser Beziehung konzentriert. Vorherrschendes Thema: die geschwisterliche Rivalität und Eifersucht.

Das beginnt beim ersten Brudermord in der Geschichte der Menschheit. Kain erschlägt seinen Bruder Abel, weil er sich benachteiligt fühlt. Ebenso sind die biblischen Geschichten von Jakob und Esau, Josef und seinen Brüdern oder dem verlorenen Sohn Eifersuchtsdramen. Auch in Mythen und Märchen wird das Thema der Bevorzugung des einen und der Zurücksetzung des anderen Kindes aufgegriffen.

Geschwister sind unsere ersten Spielpartner. Wir empfinden mit ihnen Gefühlspremieren wie Liebe, Wut und Eifersucht.

Susann Sitzler, Buchautorin «Geschwister»

Rivalität unter Geschwistern, das scheint über alle Zeit- und Kulturgrenzen hinwegreichende grundsätzliche, ja urmenschliche Erfahrung zu sein: das Gefühl, bedroht zu werden durch die anderen, ungleiche Chancen zu haben, nicht verstanden zu werden. Gleichzeitig – gerade so, als ob das eine untrennbar mit dem anderen verbunden sei – berichten all die Geschwister-Geschichten aber auch vom Gegenteil: von einer tiefen Verbundenheit zueinander, von gegenseitiger Unterstützung und Versöhnung.

Die US-amerikanische Autorin Francine Klagsbrun hat für ihr Buch «Der Geschwisterkomplex» zahlreiche erwachsene Brüder und Schwestern interviewt. Sie war überrascht von der grossen Emotionalität der befragten Geschwister. In den Interviews für das Buch hätten sich plötzlich reife Frauen angegiftelt, als befänden sie sich wieder mitten auf dem Pausenplatz. Gestandene Männer hätten sich in kleine, unsichere Jungs verwandelt, sobald man auf den grossen, allmächtigen Bruder zu sprechen kam.

Geschwister: Zwei Brüder und eine Schwester essen zusammen
Mögen sich – und raufen gerne: Michelle, 14, mit ihren Brüdern Beni, 11, und Moritz, 9.

Es ist eben aus besonders haltbarem Material, das unsichtbare Band, das die Geschwister verbindet. Selbst wenn man es manchmal gern durchtrennen würde, gelingt das nur schwer. Man kann selten mit Geschwistern, aber noch seltener ohne sie.

Geschwister sind die schärfsten Kritiker

Anders als die Beziehung zu den Eltern ist die geschwisterliche Beziehung nicht von Abhängigkeit und Hierarchie geprägt, sondern beruht auf Gleichberechtigung. Bruder und Schwester sind einander die herrlichsten und direktesten Kritiker. Die eigenen Geschwister zu kritisieren, fällt ja leicht: Die Kritik ist nicht, wie die der Eltern, mit Strafe verbunden, und sie zieht nicht, wie in Freundschaften, einen Rückzug oder Kontaktabbruch mit sich.

Der deutsche Psychoanalytiker Horst Petri («Geschwister – Liebe und Rivalität») sagt, diejenige Liebe, die zu Selbsteinsicht und Veränderung anregt, sei am ehesten in Geschwisterbeziehungen möglich. Psychologen machen denn auch geltend, dass die Beziehungen unter Geschwistern in der Regel als positiv und glückstiftend empfunden werden – jedenfalls wenn es gelingt, anders und doch gleichberechtigt zu sein.

Geschwisterliebe ist nicht naturgegeben. Auch wenn wir uns das vielleicht wünschen.

Susann Sitzler, Buchautorin «Geschwister»

Kindern sind all diese komplizierten Zusammenhänge natürlich nicht bewusst. Sie sind clevere Anarchisten und torpedieren, zumindest in jungen Jahren, den Sozialkodex der Erwachsenen. Dass es dabei zu- und her geht wie im Wilden Westen, ist völlig normal. Schon Kurt Tucholsky wusste: «Indianer sind entweder auf Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife – nur Geschwister können beides.» Ohne Streitereien geht das nicht ab. Sehr zum Leidwesen der Eltern, die bereits vom allmorgendlichen Zank darum, wer zuerst Nutella bekommt, total genervt sind.

Reibungen gehören dazu

Denn wir Eltern hätten gern, dass Brüderchen und Schwesterchen in trauter Einigkeit durchs Leben gehen. Etwa so wie Hänsel und Gretel, händchenhaltend im dunklen Wald. Leider eine vollkommen unrealistische Vorstellung, denn welche Beziehung läuft schon ohne Reibungen und Widerstände ab?

«Ein Leben mit Kindern geht nicht ohne Spannungen ab», meint Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind. Nähe könne nie widerspruchsfrei sein. Und wenn Kinder nicht wie Hänsel und Gretel, sondern manchmal wie Hund und Katz seien, störe dies nicht nur die Ruhe der Erwachsenen, sondern kratze am Lack von deren Vorstellungen. «Spannend am Elternsein wäre jedoch», so Heidi Simoni, «neugierig zu bleiben und zu entdecken, wer und wie jedes Kind ist.» Auch wenn das eine oder andere vielleicht gerade sehr schwer zu verstehen sei.

Ein Bruder hebt den andern hoch
Die beiden Brüder Moritz, 9, und Beni, 11, sind meist unzentrennlich.

Verdächtige Harmonie

Kinder, die sich reibungslos vertragen, sind sogar eher verdächtig. Besonders intensive und – im erwachsenen Sinne – konfliktfreie Beziehungen unter Geschwistern entstehen nämlich dann, wenn den Kindern zuverlässige elterliche Zuwendung vorenthalten wird. Wo die Elternliebe fehlt, werden die Geschwister füreinander wesentlich auf der Suche nach persönlicher Identität, sagt die Forschung. Hänsel und Gretel sind also höchst selten ein leuchtendes Vorbild – sondern vielmehr Ausdruck emotionaler Not.

Aber es gibt auch die magischen Momente. Zwischen Geschwistern, die altersmässig eng beieinanderliegen, entspinnt sich oft sehr viel gemeinsames Erleben. Sie entwickeln ihre eigene Sprache, sie verständigen sich mit einem Code, der nur ihnen gilt. Sie lernen zu teilen und fürsorglich zu sein, sie wissen um die Ängste des anderen und kennen seine kleinen Marotten. Sie versuchen, gemeinsam ihren Willen durchzusetzen, und lernen schon früh, dass sich manches zu zweit eher erreichen lässt.

Geschwister werden, so sagt die Psychologie, wie alle nahestehenden Menschen zu inneren «guten» Objekten und sind entscheidend für das Selbstwertgefühl. Geschwister können Kraftquellen sein, denen man in der eigenen Entwicklung viel verdankt. Entsteht diese Nähe nicht, sind in der Regel die Eltern schuld. Ziehen sie ein Kind dem anderen vor, entstehen Eifersucht, Rivalität und Neid.

Der ungleiche Elternblick

«Favoritism» heisst ein jüngerer Zweig der Geschwisterforschung. Er untersucht den ungleichen Blick auf die eigenen Kinder. Denn die unterschiedlich verteilte Liebe ist Realität: Die Untersuchung der Soziologieprofessorin Katherine Conger ergab, dass 65 Prozent der Mütter und 70 Prozent der Väter der 384 untersuchten Geschwisterpaare mit ihren Eltern eine Vorliebe für eines ihrer Kinder zeigten, meist für das älteste. Keine einfache Sache für die Kinder, findet auch Heidi Simoni. «Für Kinder wird es schwierig, wenn sie sich an starre Koalitionen halten müssen und sie in ihrer Kindheit oder lange darüber hinaus das Papa- oder Mamakind sind.»

Es allen Kindern gleich recht machen zu wollen, ist allerdings eine Erwartung, die nicht zu erfüllen ist. Horst Petri fordert die Eltern auf, sich von dieser Verpflichtung zu lösen, die sie völlig überfordert. «Das liegt in der Grundstruktur jeder menschlichen Beziehung. Entscheidend für das Einvernehmen in der Familie sind ja auch die Wesensmerkmale, die ein Kind mitbringt.»

Wichtig ist jedoch, dass keine elterlichen Werturteile gefällt werden: Wenn das kluge Kind auch als das bessere gilt, kann aus unvermeidlicher Rivalität bitterer Hass werden. Der Liebling der Eltern bezahlt dies mit der Ablehnung des Verlierers.

Seltene Brüche

Trotzdem sind regelrechte Brüche in Geschwisterbeziehungen relativ selten. «Es gibt aber tatsächlich Geschwister, zwischen denen die Chemie nicht stimmt», sagt Heidi Simoni. «Eine grundsätzliche Unvereinbarkeit ist wohl aber eher selten.» Meistens kommt es laut Horst Petri dazu, wenn die «eigene Lebensbilanz ausnehmend negativ und die der Geschwister überaus positiv bewertet wird».

Letztlich geht es immer wieder um Macht. Viele Kinder imitieren die elterliche Autorität und setzen sie bei den Jüngeren brutal ein, manchmal um einige Grade brutaler als die Eltern. Bei kleineren Kindern darf der jüngere Bruder nicht mitspielen, wenn der ältere Besuch vom Freund hat. Rumms, ist die Türe zu! Der Finger noch drin? Oooh, Pech gehabt.

Drei Geschwister auf einer Schaukel
Geschwister: Es ist die längste Liebe unseres Lebens. Ob wir wollen oder nicht.

Im Erwachsenendasein werden die Machtspiele deutlich subtiler. Nur so ist es zu erklären, dass etwa Alexandra, 35, eine Anwältin aus Zürich, ihre Wohnung jedesmal auf Hochglanz trimmt und frische Blumen besorgt, wenn die ältere Schwester ihren Besuch ankündigt. «Sonst gibt sie mir wieder durch ein paar missbilligende Blicke zu verstehen, wie chaotisch ich sei.»

Schlimm wird es aber auch, wenn die ältere Schwester dann kein lobendes Wort für das picobello aufgeräumte Zuhause findet. Dann mutiert die erfolgreiche Rechtsanwältin ganz schnell zum kleinen Mädchen, das sich nach Anerkennung der überlegenen Schwester sehnt.

Geschwister sein heisst nicht, dass man sich liebt. Geschwister sein heisst, dass man zusammengehört, ohne sich lieben zu müssen.

Susann Sitzler, Buchautorin «Geschwister»

Uralte Vertrautheit

Zum Glück unterliegen Geschwisterbeziehungen einem Wandel. Sind sie in der Kindheit geprägt von engem Miteinander mit allen Facetten, beginnt in der Pubertät nicht selten eine Phase der Abgrenzung. Danach zerstreuen sich Kinder oft in alle Himmelsrichtungen, leben, studieren und arbeiten in verschiedenen Städten und sind manchmal jahrelang getrennt.

Manche Geschwister sehen sich als Erwachsene nur ein- oder zweimal im Jahr. «Dies sagt noch wenig über die Vertrautheit und Verlässlichkeit der Erziehung aus», findet Simoni. «Dauernd zusammen sein und alles teilen zu müssen, kann sehr unecht und quälend sein.»

Drei Geschwister toben im Wald rum
Die Chemie stimmt: Matthias mit seinen Geschwistern im Wald.

Werden eigene Kinder geboren, bringt das die Geschwister oft näher zusammen. Oder wenn die Familie in eine Krise gerät, etwa durch eine Trennung oder eine Krankheit eines Elternteils. Aber im Alter rückt man dann wieder zusammen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, der Partner abwesend oder krank, die Pensionierung in Sicht rückt und die eigene Endlichkeit zum Thema wird – spätestens dann erinnert man sich wieder vermehrt an seine Geschwister.

Und die uralte Vertrautheit stellt sich wieder ein. Wie bei Helen und Elisa, zwei von vier Schwestern. Als Helens Mann starb, rückte die Lieblingsschwester wieder näher. «Ich bin einfach froh, dass Elisa da ist, auch wenn ich sie nicht ständig um mich herum haben muss», sagt Helen. Ohne ihre Schwester wäre sie sehr einsam gewesen.

Aber selbst im Alter ist man nicht gefeit gegen Geschwisterknatsch. Beim Thema Geld zum Beispiel. Das elterliche Testament ist ein grosser Prüfstein für Geschwister; gilt es doch als Massstab für die Zuwendung, um die man auch im hohen Alter noch kämpft. Horst Petri sagt: «Letztlich geht es nicht um die Frage nach den 10 000 Franken, sondern um die bange Frage: Wer war das Lieblingskind der Eltern?»