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Wenn Kinder in die Rolle der Eltern gedrängt werden

Aus Ausgabe
10 / Oktober 2026
Lesedauer: 6 min
Muss ein Kind Aufgaben übernehmen, die eigentlich für Erwachsene gedacht sind, spricht man von Parentifizierung. Die Folgen dieser Rollenumkehr können schwerwiegend sein.
Text: Stefanie Rietzler

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

In meinem Berufsalltag als Psychologin begegnet mir ein Thema immer wieder: Parentifizierung. Als ich auf Social Media den Gedanken teile, dazu einen Artikel zu schreiben, und nach Erfahrungen frage, explodiert mein Postfach mit Hunderten von persönlichen Erlebnisberichten.

So erzählt eine Mutter: «Wir waren sechs Kinder und allein zu Hause, als das jüngste am plötzlichen Kindstod starb. Warum man so viele Kinder allein lässt, frage ich mich noch heute. Ab diesem Zeitpunkt litt meine Mutter unter starken Panikattacken und wurde diese nicht mehr los.

Ich musste fortan zu Hause bleiben, wenn mein Vater arbeiten war und Oma keine Zeit hatte. Egal, ob ich bei einer Freundin war oder unterwegs, ich wurde angerufen und musste heimkommen. Einkaufen, kochen, aufräumen! Meine zwei älteren Geschwister halfen kaum mit.

Es kamen noch drei Kinder zur Welt. Beim jüngsten Bruder war ich 14. Mit ihm war ich öfter beim Kinderarzt als meine Mutter, ich habe ihn gewickelt, gefüttert, im Wagen ausgefahren. Die jüngeren Geschwister habe ich zur Musikstunde gebracht, eins vorn im Kindersitz, das andere hinten auf dem Rad. Ich habe beim Stromversorger angerufen und alles geregelt, wenn nicht bezahlt worden war. Bier oder Zigaretten musste ich mit schriftlicher Erlaubnis kaufen gehen. So was einem Kind aufzuladen, macht etwas mit einem.»

Was ist Parentifizierung?

Parentifizierung meint eine Rollenumkehr, bei der Kinder elterliche Aufgaben übernehmen müssen, die nicht altersangemessen sind und sie meist in ihrer eigenen Entwicklung hemmen.

Bei der instrumentellen Parentifizierung übernehmen Kinder Alltagstätigkeiten wie Putzen, Kochen, Einkaufen, Geschwisterbetreuung, Übersetzen oder Schriftverkehr. Sie verrichten nicht einfach ein «Ämtli» oder unterstützen die Eltern da und dort, sondern verspüren den Druck, allein Verantwortung zu übernehmen, weil die Eltern dazu kaum in der Lage sind.

Werden Kinder in die Elternrolle gedrängt, können sie ihre ­Bedürfnisse und Grenzen kaum kennenlernen, äussern oder ­verteidigen. 

Emotionale Parentifizierung ist deutlich subtiler, aber nachweislich schwerwiegender. Das Kind wird in die Funktion eines Erwachsenen gedrängt, der die Harmonie wahren, als Vertrauter eines Elternteils fungieren oder sich um das emotionale Wohl der Geschwister kümmern muss.

Eine Betroffene beschreibt das so: «Ich habe mich immer für das Glück meiner Mutter verantwortlich gefühlt. Wie eine Partnerin, weil mein Vater und sie keine funktionierende Beziehung führten. Wir Kinder waren ihr Lebensmittelpunkt. Wir waren dafür verantwortlich, ob es ihr gut oder schlecht ging.»

Armut, Sprachbarrieren oder Paarprobleme

Besonders häufig kommt es zu Parentifizierung, wenn ein Elternteil psychisch oder körperlich erkrankt, ein Familienmitglied stirbt, Armut oder Sprachbarrieren vorliegen. Viele Betroffene nennen auch gravierende Paarprobleme als Auslöser, wie folgendes Beispiel zeigt: «Meine Eltern haben sich getrennt, da war ich 15. Meine Geschwister waren ausgezogen und meinten, ich müsse mich jetzt als letztes Kind zu Hause um meine traurige Mutter kümmern. Ich musste zwischen den Eltern Nachrichten überbringen und vermitteln. Ich fand das ganz schlimm.»

Insbesondere Mädchen und ältere Kinder scheinen in Familien parentifiziert zu werden. Zudem trifft es häufig Kinder, die schon früh sozial, hilfsbereit und vernünftig wirken.

Parentifizierung hat gravierende Folgen

Werden Kinder in die Elternrolle gedrängt, wird ihnen ein Stück Kindheit und Jugend gestohlen. Manche ­leben in ständiger Angst, dass sich ein Elternteil sui­zidiert, wieder gewalttätig wird oder ihm im Rausch etwas zustösst. Viele Betroffene beschreiben das beklemmende Verantwortungsgefühl, sich immer allein um alles kümmern und alles im Griff haben zu müssen, nie Nein sagen zu dürfen.

Ihre Bedürfnisse und Grenzen wurden so oft übergangen, dass sie diese kaum kennenlernen, äussern oder verteidigen konnten. Vielmehr fühlen sich Betroffene rasch schuldig, wenn sie jemandem eine Bitte ausschlagen, sich ausruhen oder etwas für sich tun möchten. Die Erwartung von aussen, immer stark, zuverlässig und verfügbar zu sein und die Bedürfnisse aller anderen zu befriedigen, kann zu Perfektionismus und einem bedingten Selbstwert führen: Nur wenn ich für andere da bin und stets ihre Erwartungen erfülle, bin ich etwas wert.

All diese Erfahrungen wirken meist ins Erwachsenenleben fort. Gerade wenn Kinder über einen längeren Zeitraum emotional parentifiziert wurden, erhöht sich das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Burnout, Sucht und psychosomatische Symptome.

Zudem drängen derlei schmerzhafte Erfahrungen oft an die Oberfläche, wenn man selbst Mutter oder Vater wird. Manche bringen ihr Kind dann in dieselbe Rolle, die sie früher ausfüllen mussten – teils aus Gewohnheit, teils aus Erschöpfung: Ich habe mich in meiner Kindheit so viele Jahre aufgeopfert, jetzt bin ich mal dran!

Andere versuchen, den Kreislauf zu durchbrechen, arbeiten ihre Erfahrungen therapeutisch auf und versuchen neue Wege zu gehen. Aber auch dann weckt die Elternschaft oft widersprüchliche und schmerzhafte Gefühle: Man freut sich, dass die eigenen Kinder es besser haben und ihr Leben so unbeschwert geniessen können – und trauert gleichzeitig um die eigene verpasste Kindheit. Man entbindet die eigenen Kinder von Haushaltspflichten, ärgert sich aber insgeheim, wie vergleichsweise «faul» sie doch sind und dass man sich doch wieder allein um alles kümmern muss.

Was schützt Betroffene?

Viele Eltern berichten entsprechend, wie schwer es ihnen falle, das richtige Mass zu finden. Gleich fühlten sie sich schuldig, wenn sie ihre Gefühle zeigen oder ihr Kind bitten, das Zimmer aufzuräumen oder kurz das jüngere Geschwister zu hüten. Zu gross ist die Angst, dass das Kind sich – so wie sie damals – für das Wohl der Familie oder die elterlichen Emotionen verantwortlich fühlt.

Laut Forschung gibt es Schutzfaktoren, die die Auswirkungen von Parentifizierung abmildern. Dazu gehören andere erwachsene Bezugspersonen, bei denen sich das Kind sicher fühlt, und Hobbys, bei denen es einfach Kind sein darf.

Kinder sind nicht für das Wohl ihrer Eltern oder Familie verantwortlich.

Auch Hilfe von aussen wie Therapie oder Familienbegleitung wirkt. Darf das Kind nach aussen offen über die Sucht oder Depression der Eltern sprechen, sinkt der Druck, für sie lügen, alles geheim halten und allein ausbalancieren zu müssen.

Viele Betroffene beschreiben auch, wie wertvoll eine Lehrperson oder Nachbarin war, die signalisierte: Kinder sind nicht für das Wohl ihrer Eltern oder Familie verantwortlich. Es ist nicht okay, was dir aufgeladen wird. Schliesslich würde es vielen parentifizierten Menschen helfen, wenn ihre Eltern zu ebendieser Einsicht gelangten. Allzu häufig halten Familien an der Überzeugung fest, dass sie doch «gemeinsam alles gut geschafft» hätten und das Kind auch deshalb «so reif und vernünftig» wurde, weil es schon früh so viel getragen hat.