Pubertät: … denn sie wissen nicht, was sie tun
Entwicklung

Pubertät: … denn sie wissen nicht, was sie tun

Die Pubertät ist wie ein Sturm, der über Familien hinwegfegt. Eine Tortur für Eltern und Kinder. Im Unterschied zu Mama und Papa können die Jugendlichen jedoch meist nicht anders.
Text: Claudia Landolt
Fotos: Ruth Erdt
Schlechte Manieren habe die Jugend und verachte Autoritäten. «Sie widersprechen ihren Eltern, verschlingen bei Tisch ihre Süssspeisen und tyrannisieren die Lehrer.» Die Klage stammt nicht etwa von nervenschwachen Eltern im Pubertätsstress, sondern vom Philosophen Sokrates. Und der beklagte immerhin schon vor rund 2400 Jahren das Gebaren der heranwachsenden Söhne und Töchter seines Landes.

Daran geändert hat sich bis heute nicht viel. Die von Sokrates beschriebene Tyrannei sitzt in jeder guten Stube. Bei manchen beginnt das unmögliche Benehmen schon mit zehn Jahren. Sie benehmen sich zum Davonlaufen, boykottieren den Familienausflug oder verweigern grundsätzlich jede Antwort. Eltern, vor allem Mütter, fragen sich: Wo ist es hin, das freundliche Wesen von einst? Das Kind, das Milchzähne sammelte und freigiebig Küsse verteilte?
Wie lange müssen Eltern die Pubertät ihres Kindes aushalten? Die gute Nachricht: Es wird besser. Die schlechte: Es dauert.
Anna tastet sich seit nunmehr vier Jahren durch diese Zeit. Die 44-jährige Lehrerin ist Mutter zweier pubertierender Söhne von 14 und 16 Jahren. Der Jüngere gibt seit einem Jahr nur Ein-Wort-Antworten von sich. Was es an Hausaufgaben gibt? «Nichts.» Wie die Party bei David war? «Gut.» Wo er denn um Himmels willen seine nagelneue Jacke liegen gelassen habe? «Ähm.»

Sein älterer Bruder dagegen ist sehr redselig, allerdings nur, wenn er zu Hause ist – was selten der Fall ist. In der Schule ein As, gibt er mit seinen Kollegen gern das Enfant terrible. Zu Hause erzählt er Horrorgeschichten über Schlägereien oder Bier- und Kiff-Orgien im Park. Sein Pubertätsdasein gipfelt in regelmässigen Anrufen der Polizei um drei oder fünf Uhr morgens, ob man denn den randalierenden Sohn bitte abholen möchte.

Besser als gedacht

Jungs haben den Ruf, besonders häufig über die Stränge zu schlagen. Dabei gelten jene Knaben als besonders gefährdet, die viel Testosteron im Blut haben und früh in die Pubertät kommen. Das Hormon erhöht die Aggressivität. Dennoch: Straffälligkeit im juristischen Sinn ist selten.
«Nur ein kleiner Teil von fünf bis zehn Prozent überschreitet die Grenzen und wird straffällig», erklärt die Entwicklungspsychologin und emeritierte Professorin der Universität Bern, Françoise Alsaker. Sie stützt sich dabei auf das Ergebnis einer Studie an 7500 Jugendlichen aus dem Jahr 2007. Zur Überraschung der Forscher verstanden sich auch 85 Prozent der Befragten sehr gut mit den Eltern. Es gebe natürlich Konflikte, etwa um die Ausgehzeiten, aber nur selten bestünden grundlegende Auseinandersetzungen, welche die Beziehung dauerhaft beschädigten.
In der Pubertät sind Kinder besonders gestresst: Von der Schule. Von nörgelnden Eltern. Von blöden Mitschülern. Und der ersten Liebe.
Es muss also noch da sein, das freundliche Wesen. Ja, betonen die Pubertätsforscher. Es komme nur gerade nicht mehr heraus. In der Pubertät bilden sich im Gehirn neue Vernetzungen zwischen den Bereichen, die für Gefühle und Kontrolle zuständig sind. In dieser Zeit kann man seine Gefühle nicht so steuern, wie man das als Erwachsener kann. Und ist schon von Kleinigkeiten gestresst. New Yorker Wissenschaftler haben bei Mäusen das Hormon THP identifiziert, das bei Kindern und Erwachsenen nach Stresssituationen beruhigend wirkt. Bei pubertierenden Jugendlichen löst es jedoch das Gegenteil aus und erschwert so die Bewältigung von Problemen.
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Biologisch bedingte Faulheit

Die Unfähigkeit zur adäquaten Reaktion hat also biologische Gründe, das «Ey, du stressisch» ist quasi systembedingt. Zumal die Kids ja wirklich gestresst sind. Von der Schule, von nörgelnden Eltern, von blöden Mitschülern und der ersten Liebe. Dagegen helfe nur «pflanzenartige Lethargie», wie Autor Jan Weiler («Das Pubertier») schreibt. «Das pubertierende Kind kann nicht aufräumen, weil es keinen Bock auf Stress hat. Es kann nicht ans Telefon gehen, weil es das Klingeln unter Leistungsdruck setzt. Es hätte gerne Salz in der Sauce, isst diese aber auch ungesalzen, wenn es das Salz selber holen muss.» Die Faulheit, erzieherischer Pubertätskonfliktherd Nummer eins, ist nicht per se gewollte Rebellion.

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