«Die digitale Welt ist Nährboden für verschiedene Ängste»

Aus Ausgabe
02 / Februar 2026
Lesedauer: 7 min
Veränderte familiäre Strukturen und die Digitalisierung überfordern gewisse Kinder und führen zu einer Zunahme von Angststörungen, sagt Gregor Berger, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Umso wichtiger seien daher gute Bindungen zu unterschiedlichen Bezugspersonen.
Interview: Claudia Füssler

Bild: Getty Images

Herr Berger, warum haben Kinder und Jugendliche immer mehr Ängste?

Ich glaube, für Heranwachsende ist es ein grosses Problem, dass sich unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten derart tiefgreifend verändert hat. Man kann diese Veränderungen durchaus mit der industriellen Revolution vergleichen. Damit meine ich vor allem familiäre Strukturen und die digitale Welt. Hinzu kommt ein enormer Druck auf allen Ebenen: Schule, Freizeitaktivitäten wie Sport und Musik, zwischenmenschliches Miteinander.

Warum ist das problematisch?

Druck macht was mit einem. Während viele Jugendliche daran wachsen, reagieren einige darauf, indem sie psychische Probleme wie Depressionen, Ängste oder andere problematische Verhaltensweisen entwickeln. Was früher die Angst vor dem Säbelzahntiger war, ist heute die Angst vor sozialem Ausschluss oder die Angst, die Anforderungen in der Schule nicht mehr zu schaffen.

Können Sie die Veränderungen ­genauer beschreiben?

Nehmen wir die Gesellschaft, in der wir aufwachsen und leben. Früher war es völlig normal, dass man in Gemeinschaften mit vielen Familienmitgliedern aufgewachsen ist. Grosseltern, Onkel und Tanten wohnten in der Nähe; es war die Ausnahme, dass jemand beruflich wegzog.

Das gab eine Art Mehrgenerationenkontrolle, also ein soziales Aufeinander-Schauen, was jeder so treibt. Natürlich war das nicht nur gut, aber es gab der ganzen Gemeinschaft eine gewisse ­Sicherheit. Kinder konnten sich darauf verlassen, dass immer jemand da war. Das gibt es für viele so heute nicht mehr.

Und welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Kinder kommen immer früher mit der virtuellen Welt in Berührung. Dort sind sie den schlimmsten Bildern und Erfahrungen ausgesetzt ohne jegliche Begleitung durch Erwachsene. Es ist die Realität, dass neunjährige Mädchen verstört werden, weil sie dort beispielsweise einen Porno gezeigt bekommen.

Angststörungen: Experte Gregor Berger
Gregor Berger ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Er ist ärztlicher Leiter und Mitgründer von RappjMind AG, einer Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie in Rapperswil-Jona SG. Seine Schwerpunkte sind Depressionen, Angststörungen, ADHS und Psychosen.

In der Mittelstufe haben inzwischen mehr als die Hälfte der Kinder ein Handy – und damit Zugang zur digitalen Welt. Das sind tiefe Einschnitte im Vergleich zu einer Kindheit vor der Digitalisierung. Nicht nur, was die Inhalte im Netz betrifft, sondern auch die Art des Kommunizierens, die ständige Erreichbarkeit. Die Mehrheit der Kinder kommt mit dieser Entwicklung klar, doch diejenigen mit einer gewissen Disposition sind gefährdet, die erlebten Dinge nicht zu verarbeiten und eine psychische Störung zu entwickeln.

Welche Rolle spielen die Eltern als Begleiter ihrer Kinder bei ­diesem Wandel?

Sie sind ein enorm wichtiges Rollenvorbild für ihre Kinder. Vielen ist allerdings nicht klar, dass das nicht erst in der Schulzeit beginnt, sondern schon im ersten Lebensmonat. Wenn Eltern dann nur am Handy sind, trägt das wesentlich dazu bei, dass diese Kinder später als Teenager in der realen Welt nicht gut klarkommen.

Fehlt eine stabile Bindung, mangelt es an innerer Sicherheit, und Kinder lernen weniger gut, wie sich Unsicherheit anfühlt und wie man damit umgehen kann.

Auch wenn Eltern früh und intensiv Handys oder Tablets einsetzen, um die Kleinen zu beruhigen, kann das deren Entwicklung beeinträchtigen. Denn eine sichere Bindung zu Mutter und Vater ist in den ersten Lebensjahren zentral. Sie vermittelt dem Kind Schutz, Verlässlichkeit und das Gefühl, gesehen zu werden. Auf dieser Sicherheit aufbauend, kann es neugierig die Welt erkunden, sich schrittweise lösen und altersgerecht selbständig werden. Fehlt diese stabile Bindung, mangelt es an innerer Sicherheit, und Kinder lernen weniger gut, wie sich Unsicherheit anfühlt und wie man damit umgehen kann.

Warum ist das so?

Lassen es Eltern an Aufmerksamkeit mangeln, gehen wichtige Momente von Blickkontakt, Resonanz und gemeinsamer Regulation verloren. Zudem ist das kindliche Gehirn noch nicht ausreichend entwickelt, um digitale Inhalte sinnvoll einzuordnen. Das kann zu einer Überforderung führen und die Bindungs- und Autonomieentwicklung erschweren. Dann fehlt das essenzielle Gefühl von Sicherheit, dass man auch mal ohne Angst aus einer Bindung rausgehen und allein sein kann. Das ist aber keinesfalls allein die Schuld der Eltern. Es gibt insgesamt zu wenig Konstanz für Kinder.

Woran liegt das?

An den veränderten Strukturen. In meiner Generation zum Beispiel hat noch ein Einkommen pro Haushalt gereicht. Das geht heute meist nicht mehr, da müssen beide Elternteile arbeiten. Doch wir haben noch keine ausreichenden neuen Strukturen entwickelt, um das zu kompensieren.

Oder nehmen Sie die Schule: Wenn ein Kind von der Primar- in die Oberstufe wechselt, verliert es sein gewohntes Lehrerteam, und plötzlich sind für ein Kind zehn Lehrpersonen zuständig, von denen sich keiner verantwortlich fühlt. Das fällt in eine Zeit der Entwicklung, in der über die Hälfte aller psychischen Störungen ihren Anfang nehmen – am häufigsten Angststörungen. Haben Kinder aber seit der frühen Kindheit gesunde Bindungserfahrungen erleben können, kommen sie in vielen Fällen besser mit solchen Übergängen und wechselnden Bezugspersonen klar.

Was können Eltern also tun, um ihr Kind bestmöglich vor einer Angsterkrankung zu schützen?

Wichtig ist, dass sie von Anfang an einen guten Kontakt zum Kind haben und ihm altersgerechte Beziehungsangebote machen, die dem hohen Sicherheitsbedürfnis der frühen Kindheit gerecht werden. Dabei müssen diese Angebote mit der kontinuierlichen Autonomieentwicklung Schritt halten. Schwierig wird es, wenn Eltern eigene Ängste unbewusst auf das Kind übertragen und ihm so gewisse Dinge nicht zutrauen beziehungsweise vorenthalten. Es ist so wichtig, dass Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen können.

Das permanente Onlinesein verstärkt auch Mobbing und Ausgrenzung.

Was heisst das konkret?

Jedes Kind sollte ausserhalb seiner Familie eine Insel haben – vielleicht einen Sport- oder Musikverein. Ein solches Umfeld kann eine Spielwiese für eigene Erfahrungen sein. Dort kann es mit Gleichaltrigen interagieren, innere Ängste überwinden und es sieht, was andere im realen Leben so machen. Die Probleme entstehen dann, wenn ein Kind in Zeiten des Übergangs nicht mehr wirklich in der realen, sondern hauptsächlich in der digitalen Welt zu Hause ist. Das ist der Nährboden für verschiedenste Formen von Ängsten.

Was meinen Sie damit?

Soziale Medien sind vor allem bei Mädchen und jungen Frauen ein grosser Risikofaktor. Insbesondere die Angst, etwas zu verpassen, nicht mehr dazuzugehören, treibt sie um, 24 Stunden täglich und sieben Tage die Woche. Diese Angst, auch Fomo – Fear of missing out – genannt, ist omnipräsent, die Kinder kommen emotional nicht zur Ruhe. Der Wunsch nach sozialer Bestätigung ist so hoch, dass dahinter alles andere zurückstehen muss, sogar der Schlaf.

Das permanente Onlinesein verstärkt auch Mobbing und Ausgrenzung. Das passiert nun nicht mehr nur in der Schule, sondern rund um die Uhr. Dadurch hat auch die soziale Einsamkeit sehr stark zugenommen. Ein digitaler Chat kommt einfach nicht an ein Gespräch heran, bei dem man sich in die Augen schaut oder auch mal tröstend in den Arm nimmt. Der bereits genannte Schlaf beziehungsweise der chronische Schlafmangel ist ein weiterer Risikofaktor, unter dem inzwischen viele Kinder und Jugendliche leiden.

Warum das?

Viele Kinder, die zu uns kommen, haben das Handy nachts für vielleicht vier Stunden aus. Sie halten bis spät in die Nacht oder in die frühen Morgenstunden Kontakt mit ihren Freunden oder scrollen. Was uns zu einem weiteren Problem bringt: Es ist schier unmöglich, das Handy in die Hand zu nehmen, ohne auf die Themen Gewalt, Krieg, Klimakrise oder Ähnliches zu stos­sen. Alles belastende Informationen, die ein Kind erst mal verarbeiten muss.

Heisst das im Umkehrschluss, dass man von der digitalen Welt die Finger lassen sollte, wenn man Angststörungen vermeiden möchte?

Nein, das ist unrealistisch. Aber man sollte sich gerade als Mutter oder Vater im Klaren darüber sein, welche Auswirkungen die Nutzung digitaler Medien für das Kind haben kann. In dieser modernen Technik liegt ja auch eine Chance: Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten zur Prävention und Behandlung von Angststörungen.

Zum Beispiel kann man angeleitet durch Achtsamkeitsapps wie «Headspace» mit seinen Kindern Atemübungen machen. Auch im Bereich der Psychoedukation, also der Aufklärung über Erkrankungen, finden sich tolle Angebote im Netz und die Hemmschwelle ist natürlich sehr viel niedriger, sich als Elternteil hier zu informieren, statt zu einer Beratungsstelle zu gehen.