Luis war ein Jahr und acht Monate alt, als er zum ersten Mal ein Haselnussguetzli ass, zum Dessert nach dem Mittagessen. Als er kurz darauf einen fleckigen Ausschlag im Gesicht, am Hals und im oberen Brustbereich bekam, dachten sich seine Eltern erst nicht viel dabei: Es war ein heisser Sommertag im August und sie nahmen an, dass er die Sonnencreme nicht vertrug.
So bekam er am nächsten Tag nach dem Mittagessen erneut ein Nussstängeli – und dieses Mal war die Reaktion stärker: Quaddeln bildeten sich im Gesicht und um die Augen, er wurde lethargisch und schlief kurz darauf ein.
Bei Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie ist es wichtig, dass man dies seriös abklären lässt.
Marie-Hélène Corajod, Allergiezentrum Schweiz
Als er wieder aufwachte, war alles wieder gut. Aber für seine Eltern war klar: Luis hatte allergisch auf ein Nahrungsmittel reagiert. Und es mussten die Haselnüsse im Nussstängeli sein. Beide Male hatte er unmittelbar auf dessen Verzehr reagiert, und alle anderen Zutaten – Eier, Mandeln und Zucker – hatte er früher schon gegessen und gut vertragen. Die Kinderärztin bestätigte den Verdacht: Mit einem Prick-Test auf der Haut und nachfolgenden Blutuntersuchungen wies sie nach, dass Luis auf ein Haselnussprotein allergisch reagierte.
Prävention, aber richtig
«Bei Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie ist es wichtig, dass man dies seriös abklären lässt», sagt Marie-Hélène Corajod vom «aha! Allergiezentrum Schweiz». Um sicherzugehen, dass tatsächlich eine Allergie vorliegt – und um zweifelsfrei festzustellen, welches Nahrungsmittel der Auslöser ist. Sie erlebe immer wieder, dass Eltern allein aufgrund eines Allergieverdachts Nahrungsmittel vom Speiseplan streichen, als Vorsichtsmassnahme.
Dabei sei es zur Allergieprävention wichtig, dass Kinder bereits im ersten Lebensjahr auch potenziell allergieauslösende Nahrungsmittel wie Erdnüsse, Nüsse, Fisch, Ei und Milch erhalten – jeweils in altersgerechter Form, sofern sie sie vertragen. Zu dieser Erkenntnis führte eine 2015 publizierte britische Studie zur Prävention von Erdnussallergien.
Laut Allergiezentrum Schweiz treten Nahrungsmittelallergien bei zwei bis sechs Prozent der Kinder und bei zwei bis vier Prozent der Erwachsenen auf. Die meisten Nahrungsmittelallergien entwickeln sich schon bei der Beikosteinführung im Säuglingsalter. Aber prinzipiell kann eine Nahrungsmittelallergie in jedem Alter auftreten, also auch während der Kindergartenzeit oder später. Die häufigsten Nahrungsmittelallergien im Säuglings- und Kleinkindalter sind Allergien auf Milch, Ei oder Nüsse. Allergien auf Kuhmilch und Eier verlieren sich mit der Zeit oft wieder, sodass ab dem Kindergartenalter vor allem Nüsse und Erdnüsse häufige Auslöser sind.
Mit rund 60 Prozent gehören Nahrungsmittelallergien bei Kindern zu den Hauptauslösern einer Anaphylaxie, einer schnell einsetzenden, schweren allergischen Reaktion des Körpers, die mehrere Organsysteme betrifft und ohne sofortige Behandlung lebensbedrohlich sein kann. Sie zeigt sich typischerweise durch Symptome wie juckende Hautstellen, Atemnot, Magen-Darm-Beschwerden, Blutdruckabfall und Kreislaufversagen.

Das Notfallset stets griffbereit
Ist eine Nahrungsmittelallergie stark und das Risiko einer Anaphylaxie vorhanden, wird ein Notfallset zum ständigen Begleiter. So war es auch im Fall von Luis. Schon wenige Tage nach der Diagnose seiner Haselnussallergie stellten seine Eltern mehrere Notfallsets zusammen, um sowohl in der Kita als auch in mehreren Rucksäcken immer eines griffbereit zu haben.
Neben Antihistaminikatropfen für leichte Reaktionen, einem Kortisonpräparat für stärkere Symptome und einer genauen Anleitung zur Verwendung der verschiedenen Medikamente enthalten Luis’ Notfallsets zwei sogenannte Epipens, mit denen im Fall einer Anaphylaxie sofort Adrenalin in den Oberschenkel gespritzt werden kann.
In der Apotheke erhielten sie zudem einen Übungs-Epipen ohne Nadel und Adrenalin, der das Üben für den Notfall ermöglichte und mit dem sie sowohl Kita-Personal wie auch Grosseltern, Geschwister und die Tagesmutter instruierten. Alle, die Luis ohne seine Eltern betreuten, mussten wissen, wie sie im Notfall vorgehen müssen.
Eltern sollten die Kindergartenlehrperson frühzeitig über die Allergie des Kindes informieren.
Sybille Suter, Allergiezentrum Schweiz
Haselnussspuren in Nahrungsmitteln: eine Detektivarbeit
Dann hiess es: Haselnüsse konsequent meiden. Und zwar nicht nur in Produkten wie Gebäcken oder Nussschokolade, die ganz offensichtlich Haselnüsse enthalten. Sie mussten sämtliche Lebensmittel mit dem Hinweis «Kann Spuren von Haselnüssen enthalten» von ihrem Speiseplan streichen.
«Anfangs waren wir etwas überfordert», erinnert sich Luis’ Vater. «Aber wir haben uns ziemlich schnell daran gewöhnt und wir hatten auch Vertrauen in unser Umfeld und die Kita-Mitarbeitenden, dass sie die Situation ernst nahmen.» Es hiess einfach immer: Zutatenlisten studieren, in Restaurants nachfragen, bei Geburtstagsfesten ein eigenes Dessert mitbringen. Oftmals sei es nicht logisch: Dasselbe Produkt könne je nach Hersteller Haselnussspuren enthalten oder eben nicht.
«Am schwierigsten war es in Bäckereien», sagt er. «Und als Luis grösser wurde, mussten wir immer aufpassen, wenn andere Kinder draussen beim Spielen ihr Znüni mit ihm teilen wollten.» Für solche Fälle hatten sie unterwegs neben dem Notfallset oft auch Reiswaffeln mit Schokoüberzug mit dabei, die sie ihrem Sohn stattdessen anbieten konnten – auch hier kam einzig die Marke eines bestimmten Herstellers infrage, weil alle anderen mögliche Haselnussspuren deklarierten.
Die Kommunikation ist zentral
Während Eltern im Kleinkindalter meist mit dabei sind, beginnt mit dem Kindergarteneintritt eine neue Phase. Manche Buben und Mädchen sind zum ersten Mal regelmässig und über Stunden von den Eltern getrennt. Die Kinder werden selbständiger, beginnen, sich ohne die Eltern mit anderen Kindern zu verabreden.
Um diesen neuen Lebensabschnitt für ein Kind mit Nahrungsmittelallergie möglichst sicher zu gestalten, sei eine gute Kommunikation zentral, sagt Sybille Suter vom Allergiezentrum Schweiz: «Eltern sollten die Kindergartenlehrperson frühzeitig über die Allergie des Kindes informieren.» Es sollte kommuniziert sein, auf welches Lebensmittel und ab welcher Menge das Kind reagiert und wie bei einer Reaktion oder im Notfall gehandelt werden muss.
Werden die Symptome nicht frühzeitig behandelt, kann sich aus einem Heuschnupfen Asthma entwickeln.
Eva Untersmayr-Elsenhuber, Fachärztin
Hat das betroffene Kind Notfallmedikamente, sollte ein vollständiges Notfallset im Kindergarten deponiert und die Lehrpersonen über dessen Anwendung instruiert sein. «Erfahrungsgemäss hilft eine frühzeitige proaktive Kommunikation, um den Eintritt zu erleichtern, gegebenenfalls alle Beteiligten zu schulen und dadurch Sicherheit zu gewinnen», sagt Suter. Das Allergiezentrum Schweiz biete zur Unterstützung entsprechende Workshops für pädagogische Betreuungspersonen an.
Ausserdem sei es wichtig, die Allergie im Kindergarten auch mit den anderen Kindern zu thematisieren: «Neben Prävention und Sicherheit zum Handeln im Notfall ist Inklusion ein wichtiger Aspekt, damit ein allergiebetroffenes Kind eine schöne Kindergartenzeit erleben darf.»
Symptome frühzeitig behandeln
«Nach einer umfangreichen Schulung durch eine medizinische Fachperson kann man heute meist gut mit einer Allergie leben», sagt Eva Untersmayr-Elsenhuber. Sie ist Fachärztin für klinische Immunologie an der Medizinischen Universität Wien und forscht zu Allergieprävention und Möglichkeiten der Behandlung. Neben dem Vermeiden des Allergens sei es sehr wichtig, auch milde Symptome konsequent zu behandeln.
Bei ihren Patientinnen und Patienten, die an Atemwegsallergien leiden, zum Beispiel auf Pollen oder Hausstaubmilben reagieren, stellt sie oftmals fest, dass sie mit der Einnahme von Medikamenten am liebsten zuwarten möchten, bis es nicht mehr geht.
«Aber es ist ganz wichtig, Symptome frühzeitig zu behandeln», betont sie. So könne verhindert werden, dass eine Allergie schlimmer werde und sich zum Beispiel aus einem Heuschnupfen heraus zusätzlich allergisches Asthma entwickle. Denn ständige Entzündungsreaktionen im Körper begünstigen die Ausweitung der Allergie.
Symptome, Beratung und Behandlung
- Häufigste Anzeichen einer Nahrungsmittelallergie sind Hautreaktionen wie Rötungen oder Schwellungen, manchmal auch verbunden mit Unwohlsein, Bauchschmerzen oder Erbrechen. In seltenen Fällen können auch schwere allergische Reaktionen auftreten.
- Besteht der Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie, sollte dies medizinisch abgeklärt werden – damit Allergieauslöser zweifelsfrei bestimmt und künftig gemieden werden können und eine geeignete Behandlung festgelegt werden kann, auch abhängig von der Stärke der Allergie.
- Leichte Symptome wie Juckreiz, Kribbeln im Mund und Hals oder Rötungen und weitere Hautreaktionen lassen sich mit Antihistaminika lindern.
- Die Ärztin oder der Arzt kann in bestimmten Fällen zusätzlich ein Kortisonpräparat verschreiben. Es wird ergänzend verwendet und soll die Entzündungsreaktion des Immunsystems bremsen.
- Symptome wie Atemnot, Schwindel oder Herzrasen können auf eine Anaphylaxie hinweisen. In diesem Fall muss sofort Adrenalin in den Oberschenkel gespritzt und der Notruf 144 gewählt werden.
- Das «aha! Allergiezentrum Schweiz» bietet Betroffenen und Angehörigen kostenlose persönliche Beratung – telefonisch unter 031 359 90 50 oder schriftlich per Onlineformular.
Wann soll man desensibilisieren?
Wer stark unter einer Allergie leidet, sollte eine Allergen-Immuntherapie – auch Desensibilisierung genannt – ins Auge fassen. Dabei werden die auslösenden Allergene über mehrere Jahre in Form von Tabletten, Tropfen oder Spritzen verabreicht. Das sei zwar zeitaufwendig, sagt die Ärztin. Aber oftmals können dadurch die Beschwerden reduziert werden, manche Patienten würden dadurch ganz beschwerdefrei.
Allergen-Immuntherapien gibt es zum Beispiel für Pollen, Hausstaubmilben und Insektengift. Bei Nahrungsmittelallergien spricht man von oraler Immuntherapie. Für Kinder mit Erdnussallergie ist in Europa ein entsprechendes Medikament zugelassen, welches das Risiko schwerer Reaktionen stark reduziert. Auch bei Kuhmilch- und Hühnerei-Allergien wird die orale Immuntherapie in spezialisierten Zentren eingesetzt. Mehrere Studien zeigen zudem vielversprechende Ergebnisse bei weiteren Allergenen, insbesondere bei Weizen und verschiedenen Nüssen.
Bleibt die Allergie oder geht sie wieder weg?
Manche Nahrungsmittelallergien verschwinden auch von selbst wieder – allerdings sind die Chancen je nach Allergen unterschiedlich. Während sie bei Allergien gegen Milch und Ei gut stehen, bleiben Erdnuss- und Nussallergien oftmals ein Leben lang bestehen.
Luis hatte Glück: Schon nach den ersten Abklärungen sagte die Kinderärztin, dass die Möglichkeit bestehe, dass er die Allergie wieder verliere. Und so testeten sie ihn im Alter von dreieinhalb Jahren erneut. Nachdem ein Prick-Test auf der Haut und Blutuntersuchungen die Allergie diesmal nicht mehr nachweisen konnten, folgte ein Provokationstest im Spital: Zusammen mit seiner Mutter verbrachte Luis einen halben Tag in einem Spitalbett, wo er unter ärztlicher Aufsicht grösser werdende Portionen gemahlener Haselnüsse ass.
Häufigste Auslöser von Anaphylaxien
In der Schweiz erleiden jährlich etwa 10 von 100'000 Personen eine Anaphylaxie – eine plötzlich auftretende, potenziell lebensbedrohliche allergische Reaktion. Die häufigsten Auslöser verändern sich mit dem Alter: Bei Kindern dominieren Nahrungsmittelallergene wie Erdnüsse, Schalenfrüchte, Kuhmilch und Eier, während bei Erwachsenen vor allem Insektengifte, gefolgt von Arzneimitteln und Nahrungsmitteln Anaphylaxien verursachen.
Am Ende hatte er fast 100 Gramm gegessen – und zeigte auch eine Stunde nach der letzten Portion keine Reaktion. So durfte er sich nach dem Mittagessen in der Spitalkantine zum Dessert ein grosses Schoggistängeli mit Haselnüssen aussuchen.
Nun isst Luis regelmässig Haselnüsse – damit er seine neu gewonnene Toleranz nicht wieder verliert. Und wenn eines seiner Gspänli am Geburtstag einen Kuchen in den Chindsgi mitbringt, darf er ohne Angst mitessen.









