Eine Frage, die wir als Eltern immer wieder hören, lautet: «Wie haltet ihr es aus, so eng mit zwei Teenagern zu leben? Ist das nicht total anstrengend?». Zuweilen schwingt dabei ein leicht bemitleidender Ton mit. Das kommt nicht von ungefähr.
Wer meinen Blog «Das Glück reist mit» kennt, weiss: Wir verbringen im Alltag mehr Zeit mit unseren zwei Jugendlichen als die meisten anderen Familien. Seit bald sechs Jahren sind wir den grössten Teil des Jahres in unserem Wohnmobil unterwegs. Das bedeutet: gemeinsam auf kleinem Raum.
Unerfüllte Prophezeiungen
Unsere zwei Töchter gehören schon seit mehreren Jahren zu den «Teens». Seither gestaltet sich unser Zusammenleben nicht schwieriger. Im Gegenteil, es macht uns genauso viel Spass, mit Jugendlichen zu reisen, wie mit Kindern. Und auch wenn ihr Alltag nicht dem Durchschnitt entspricht – sie sind ganz «normale» Teenager. Die uns prophezeiten unangenehmen Veränderungen haben sich bis heute nicht bestätigt.
Seit der Antike berüchtigt
Skepsis gegenüber Jugendlichen ist kein modernes Phänomen. Schon Aristoteles beschreibt in seiner Rhetorik junge Menschen als impulsiv und stärker von Gefühlen geleitet. Auch in unserer Kultur geniessen sie nicht den besten Ruf. Auf diese Phase der kindlichen Entwicklung scheinen Mütter und Väter besonders ausdrücklich vorgewarnt werden müssen.
Selbst für unsere ältere Tochter schien der Gedanke ein Gräuel, irgendwann Teenager zu werden. Als sie sechs Jahre alt war, glich diese seltsame Spezies gemäss ihren Vorstellungen johlenden, ungehaltenen Rüpeln: unkontrollierbar, laut und ein bisschen gefährlich.
Teenager spüren Gefühle intensiver und üben gerade, diese zu regulieren.
Auch die jüngere Tochter fand es seltsam, wenn mir in ihrer Hörweite wohlwissend vorausgesagt wurde: «Geniess den Moment – sobald sie ein Teenager ist, wird sie nicht mehr mit dir kuscheln wollen.»
Welche Vorurteile bringen wir Teenagern entgegen und was steckt tatsächlich dahinter? Ich habe fünf gängige Klischees hinterfragt.
1. Teenager sind launisch und unberechenbar
Woher kommt das Klischee?
Das menschliche Gehirn macht während der Pubertät einen grossen Umbau durch. Die Amygdala ist in der Pubertät besonders aktiv. Sie ist ein kleiner Bereich im Gehirn, der blitzschnell bewertet, ob etwas bedeutsam oder gefährlich ist für uns.
Gleichzeitig ist das Frontalhirn noch nicht komplett ausgereift. Dieses ist zuständig für rationale Entscheidungen und die Impulssteuerung. Teenager spüren Gefühle tatsächlich intensiver und üben gerade, diese zu regulieren.
Gleichzeitig passiert eine starke hormonelle Umstellung. Nicht nur Sexualhormone verändern sich, auch das körpereigene Stresssystem wird empfindlicher. Jugendliche reagieren stärker auf soziale Bewertung, Konflikte oder Zurückweisung.
Stimmt es also?
Gefühle von Teenagern können extremer wirken. So schnell wie sie ausbrechen, sind sie oft wieder vorbei. Das bedeutet nicht, dass Jugendliche irrational sind und schon gar nicht, dass sie die Menschen um sich herum vorsätzlich oder böswillig den Höhen und Tiefen ihrer Gefühlswelt aussetzen.
Sehen Sie es eher wie das Wetter. Wenn es draussen regnet, schimpfen Sie nicht gegen den Himmel oder nehmen ihn persönlich. Sie öffnen Ihren Regenschirm und gehen Ihrem täglichen Geschäft nach.
2. Teenager sind rebellisch und oppositionell
Woher kommt das Klischee?
Ablösungsprozesse von den Eltern gehören zur menschlichen Entwicklung. Junge Menschen wollen herausfinden, wer sie sind, unabhängig von ihren Eltern. Widerspruch wird auch als Werkzeug zur Identitätsbildung eingesetzt. Wie soll man einen eigenen Standpunkt entwickeln, ohne sich von bestehenden Positionen abzugrenzen? Grenzen auszutesten und entgegengesetzte Meinungen zu generieren, bildet einen Teil dieses Ablösungsprozesses.
Rebellion kann ein Test sein: Hält die Beziehung, wenn ich anders bin als ihr? Ist die Antwort «ja», stärkt dies die Bindung.
Stimmt es also?
Manche Teenager rebellieren lautstark. Aber nicht jeder Teenager verhält sich auflehnend. Manche Jugendliche ziehen sich still zurück und andere sind sehr kooperativ – die Pubertät kennt viele Gesichter. Rebellion kann ein Test sein: Hält die Beziehung, wenn ich anders bin als ihr? Ist die Antwort «ja», stärkt dies die Bindung.
3. Teenager sind faul
Woher kommt das Klischee?
Während der Pubertät verschiebt sich der zirkadiane Rhythmus. Diese innere «24-Stunden-Uhr» des Körpers steuert, wann wir wach, müde, hungrig oder leistungsfähig sind. Das Schlafhormon Melatonin wird später ausgeschüttet, weshalb Teenager abends länger wach sind und morgens biologisch bedingt länger schlafen müssen.
Viele Jugendliche sind abends erst sehr spät müde und schaffen es morgens dafür kaum aus den Federn. Das führt bei manchen Erwachsenen zur Annahme, dass Jugendliche keine Lust auf Arbeit, Anstrengung oder Pflichten hätten.
Stimmt es also?
Sehr viele Teenager kriegen schlicht zu wenig Schlaf – auch bedingt durch äussere Faktoren wie einen sehr frühen Schulstart. Auch die grossen körperlichen Veränderungen strengen an. Das kostet Energie und führt oft zu passiveren Phasen. Dies als Faulheit zu bezeichnen, wäre jedoch unfair. Viele Jugendliche sind hoch motiviert. Nur eben für andere Dinge als Schularbeiten oder Zimmer aufräumen – ein weiteres Klischee, natürlich.
4. Teenager hören nur auf ihre Peers
Woher kommt das Klischee?
In der Adoleszenz wird die Peergroup, also der Austausch mit Gleichaltrigen, bedeutsamer. Ein gesunder Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Anschluss an Gruppen ausserhalb der Familie ist wichtig für die Identitätsbildung. Sich ausgeschlossen zu fühlen, ist für viele Teenager, wie auch für jeden anderen Menschen, eine schmerzhafte Erfahrung. Sie wird, wenn möglich, vermieden.
Stimmt es also?
Jugendliche sind nicht willenlose Opfer von Gruppenzwang. Sie entwickeln gerade ihre eigene Identität und dazu gehört das Ausprobieren von Zugehörigkeit und Abgrenzung. Fragen Sie Ihren Teenager, was er oder sie Besonderes in einer bestimmten Clique findet. Sie erhalten sicher eine schlüssige Antwort. Manchmal fehlen vielleicht schlicht Alternativen.
Auch wenn Jugendliche es nicht immer zeigen: Eltern bleiben wichtige Bezugspersonen.
5. Teenager wollen nichts von ihren Eltern wissen
Woher kommt das Klischee?
Ablösung ist, wie bereits erwähnt, ein zentrales Entwicklungsziel in dieser Phase. Jugendliche brauchen Distanz, um Eigenständigkeit zu erproben. Das wirkt für Eltern manchmal wie Ablehnung. Im öffentlichen und populärwissenschaftlichen Diskurs wurde insbesondere in den späten 1990er-Jahren zuweilen die Sicht verbreitet, dass Eltern in der Erziehung der Kinder kaum Einfluss hätten. Prägend seien vor allem die Peers.
Stimmt es also?
Auch wenn Jugendliche es nicht immer zeigen: Eltern bleiben sehr wichtige Bezugspersonen. Sie hören mit, beobachten genau und holen sich Rat – nur eben auf ihre Art und oft zeitversetzt. Es kann sein, dass Jugendliche ein Gespräch abbrechen («Jaja, schon gut...»), später aber genau das umsetzen, was zu Hause besprochen wurde.
Langzeitstudien aus den USA belegen: Elterliche Präsenz ist ein Schutzfaktor. Teenager leben sicherer und gesünder, wenn sie zwar viel Freiheit und Selbstbestimmung geniessen, die Eltern aber zum Beispiel jeweils wissen, mit wem sie sich wo aufhalten.
Vorurteile bleiben haften
Warum halten sich gewisse Vorurteile gegen Teenager so beharrlich? Liegt es daran, dass wir sie allzu gerne verbreiten?
Wir wissen aus der Bildungsforschung, dass sich die Erwartungen oder das Bild, welches Lehrkräfte von ihren Schülerinnen und Schülern haben, auf deren schulische Leistungen auswirken. Insbesondere dann, wenn sie negativ sind. Das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung findet sich auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen.
Teenager fokussieren ihre Energie auf das Wesentliche. Eine Eigenschaft, die uns Erwachsenen oft verloren geht.
Gemäss sozialpsychologischer Forschung existiert zum Beispiel der sogenannte «Andorra-Effekt». Dieser tritt in Kraft, wenn Menschen mit der Zeit Eigenschaften und Erwartungen übernehmen, die ihnen von anderen zugeteilt werden. Auch wenn diese ursprünglichen Zuschreibungen nicht stimmen.
Und nicht zuletzt wirkt auch der «Stereotype Threat» auf Jugendliche. Stereotypische Bilder über eine bestimmte Gruppierung bedrohen deren Ungezwungenheit. Die Leistung leidet darunter, wenn sich Zugehörige einer negativen gesellschaftlichen Erwartung bewusst sind. Zum Beispiel: «Mädchen sind schlechter in Mathe» oder «Migrantenkinder schaffen es weniger weit».
Zeit, unser Bild von Teenagern zu ändern
Könnte es sein, dass manche negativen Erwartungen, die wir an Jugendliche stellen, zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden? Wäre es förderlich, Jugendliche von gewissen gesellschaftlichen Klischees zu befreien? Eine bejahende Grundhaltung würde womöglich bereits viel bewirken.
Hier also die gute Botschaft für angehende Teenager-Eltern: Es gibt sehr vieles, auf das Sie sich freuen dürfen. Richten Sie Ihren Blick auf die positiven Qualitäten dieser spannenden Lebensphase. Jugendliche spüren viel, schnell und intensiv – das ist nur eine von vielen Stärken.
Diese Offenheit bildet die Grundlage für Empathie, Kreativität und moralisches Gespür. Teenager fokussieren ihre Energie oft auf das Wesentliche – das, was für sie Sinn macht und sich stimmig anfühlt. Eine wertvolle Eigenschaft, die uns im Erwachsenenleben zuweilen verloren geht.
Zum Abschluss lasse ich Ihnen die Worte meiner älteren Tochter, nachdem ich ihr diesen Text vorgelesen hatte: «Teenager werden nicht plötzlich zu einer anderen Spezies, vor welcher sich Eltern fürchten müssen. Wir sind immer noch eure Kinder und brauchen keine spezielle Behandlung, nur weil sich unser Körper verändert.»











