Panikattacken: «Ich war viel zu perfektionistisch»

Aus Ausgabe
02 / Februar 2026
Lesedauer: 4 min
Helena* bekommt als Teenager aus heiterem Himmel Panikattacken. Sie stellen ihr soziales Leben nahezu auf null. Eine Akzeptanz- und Commitmenttherapie, kurz ACT, hat der heute 18-Jährigen geholfen.
Aufgezeichnet von Claudia Füssler

Bild: Getty Images

Als mich die Panik zum ersten Mal überfallen hat, war für mich klar: Das wars, ich sterbe jetzt. Es war mitten im Sommer, ein lauer Abend, ich war 16 und gerade vom Schwimmbad heimgekommen. Ich hatte mich zu meinen Eltern auf die Terrasse gesetzt, meine zwei Brüder tobten auf der Wiese rum. Und ich weiss noch genau, wie ich plötzlich dachte: «Hä? Was ist denn los? Ich krieg keine Luft! O mein Gott, ich krieg wirklich keine Luft mehr!»

Ich habe hyperventiliert und angefangen zu zittern, gleichzeitig hatte ich Schweissausbrüche. Meine Eltern und Brüder sind auch sofort in Panik geraten und haben den Rettungsdienst gerufen. Weil meine Mutter laut um Hilfe geschrien hat, kam eine Nachbarin angerannt. Sie schaffte es, mich zu beruhigen, indem sie mich ansah und sagte: «Schau, du bist noch aufrecht. Du atmest sehr schnell, aber du atmest. Jetzt machen wir das gemeinsam ganz tief und ruhig.»

Das hat dann irgendwann funktioniert. Meine Eltern bestanden aber darauf, dass die Sanitäter mich mitnehmen und durchchecken lassen in der Klinik. Körperlich sei alles okay, lautete der Befund. 

Immer kürzere Abstände zwischen Panikattacken

Wenige Wochen später kam die nächste Panik­attacke, wieder aus heiterem Himmel. Die Abstände wurden immer kürzer. Ich hatte keine Ahnung, wodurch sie ausgelöst wurden, und obwohl mir mehrere Ärzte gesagt hatten, dass das nichts Gefährliches sei, war ich immer wieder davon überzeugt, dass ich diesmal wirklich sterben würde.

Das war nichts anderes als die Hölle. Vor allem wusste ich nicht, wann es wieder losgeht, und ich wollte auf keinen Fall, dass mich irgendjemand so sieht. Also blieb ich immer öfter zu Hause. Einer Freundin habe ich alles erzählt, sie aber gebeten, es für sich zu behalten. Andere haben sich schon gewundert, wieso ich mich so zurückzog, aber wirklich konkret nachgefragt, was mit mir los ist, hat eigentlich niemand.

Ich habe alles durchstrukturiert, weil ich das Gefühl haben wollte, wenigstens einen Teil meines Lebens unter Kontrolle zu haben.

Irgendwann haben wir alle die neue Realität akzeptiert. Mein Vater meditiert viel, er meinte, das würde mir auch guttun. Ich habs probiert – ihm zuliebe –, weil er meinte, meine Angst komme von zu viel Stress in der Schule und weil ich mich zu viel in den sozialen Medien rumtreibe. Aber für mich ist das nichts. Das haben meine Eltern auch akzeptiert, sie haben mich zu nichts gedrängt. Wenn ich gesagt habe: «Mir gehts okay», war das für sie auch so.

Ich habe funktioniert, sehr viel für die Schule gemacht, viel mit Freundinnen telefoniert. Und ich habe nach Möglichkeit alles durchstrukturiert, weil ich das Gefühl haben wollte, wenigstens einen Teil meines Lebens unter Kontrolle zu haben, wenn ich schon die Angst nicht kontrollieren konnte.

Professionelle Hilfe

So ging es den ganzen Herbst und Winter lang. Dann kam der Punkt, an dem meine Eltern meinten, so gehe das nicht mehr weiter. Die Freibäder hatten wieder geöffnet, und in den warmen Monaten findet dort eigentlich mein ganzes Leben ausserhalb der Schule statt. Nur, ich wollte nicht mehr.

Das war wie ein Alarmsignal. Meine Eltern pochten darauf, dass ich professionelle Hilfe bekomme. Weil es keine Aussicht auf einen schnellen Therapieplatz gab, der von der Kasse bezahlt wird, haben wir eine Psychotherapeutin für Selbstzahler genommen. Da war ich dann nach fünf Wochen dran.

Ich hatte keine Vorstellung davon, wie das abläuft, und dachte, ich würde da hingehen und wäre diese Attacken nach einem Treffen los – das war zumindest meine grosse Hoffnung. Aber es dauerte dann fast ein ganzes Jahr, bis ich zum ersten Mal eine komplett panikfreie Woche erlebte.

In der Zeit habe ich mich viel mit meinen Werten auseinandergesetzt und mit meiner Vorstellung von einem guten Leben. Ich lernte, dass ich viel zu perfektionistisch war und viel zu hohe Ansprüche hatte, was Schule, Freundschaften oder Aussehen betrifft.

Meine Neigung nach Kontrolle kann mir bei der Panik auch helfen.

Die Therapie zeigte mir, dass die Nähe von Familie und Freunden wichtiger ist als Perfektion. Und dass mir meine Neigung nach Kontrolle bei der Panik auch helfen kann. So habe ich Einfluss auf meinen Atem und kann ihn mit bestimmten Techniken gut kontrollieren. Was mir wiederum hilft, wenn ich merke, dass die Angst angerollt kommt. Das passiert zum Glück immer seltener.

Momentan mache ich ein freiwilliges Sozialjahr in Kopenhagen. Ich bin viel unterwegs mit neuen Freunden und mit alten, die zu Besuch kommen. Mein Plan fürs Frühjahr: ab ins Islands Brygge, sobald es die Temperaturen erlauben – das ist Kopenhagens Hafenbad.

*Name von der Redaktion geändert