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«Kein Kind steht morgens auf und denkt: Heute tue ich mal blöd»

Aus Ausgabe
06 / Juni 2026
Lesedauer: 6 min
Wie verändert sich der Umgang mit schwierigen Situationen, wenn eine Schule nach dem Prinzip der Neuen Autorität arbeitet? Regina Haller weiss es, sie hat das Konzept an ihrer Schule eingeführt.
Interview: Julia Meyer-Hermann

Bild: Marvin Zilm / 13 Photo

Frau Haller, viele Lehrpersonen ­haben heute das Gefühl, zwischen zwei Erwartungen zu stehen: Sie sollen verständnisvoll sein, gleichzeitig aber auch klare ­Führung übernehmen. Wie erleben Sie diesen Spagat im Schulalltag?

Ich kenne dieses Spannungsfeld sehr gut. Für mich hat sich dieser scheinbare Widerspruch aufgelöst, als ich verstanden habe: Es geht gar nicht darum, sich zwischen Nähe und Führung zu entscheiden. Beides gehört zusammen. Ich habe selbst lange in Systemen gearbeitet, in denen es vor allem Hausordnungen, Regelkataloge und Sanktionen gab.

Ich konnte mir das nie merken: Was ist jetzt genau verboten, was passiert wann? Als Schulleiterin habe ich das vereinfacht. Der entscheidende Schritt war für mich, wegzugehen von der Frage «Welche Regel wurde verletzt und welche Strafe folgt darauf?» hin zu «Welche Haltung haben wir – und was braucht dieses Kind in dieser Situation?».

Sie leiten die Schule Im Birch in ­Zürich nach dem Konzept der Neuen Autorität. Was unterscheidet diese Methode von autoritärer ­Pädagogik?

Als ich hier an der Schule die Verantwortung übernommen habe, habe ich zunächst einen Schulkodex eingeführt. Der besteht im Kern aus drei Sätzen: «Ich trage Sorge zu mir, ich trage Sorge zu den anderen, ich trage Sorge zu den Sachen.» Viele Kinder können sich an einen solchen Kodex halten. Der Unterschied zur klassischen autoritären Päda­gogik liegt für mich darin, wie wir mit Regelverstössen umgehen. Bei uns geht es nicht mehr darum, zu sagen: «Das ist verboten, welche Strafe folgt jetzt?», sondern: «Das sind unsere gemeinsamen Werte – welchen hast du in dieser Situation verletzt?»

Regina Haller, Schulleiterin
Regina Haller ist Schulleiterin der Gesamtschule Im Birch in Zürich und eine anerkannte Expertin im Bereich der Neuen Autorität. Sie hat dieses Konzept in ihrer Schule eingeführt und weiterentwickelt. Damit soll die Autorität der Lehrpersonen durch verschiedene Faktoren wie Präsenz, Widerstand oder Selbstkontrolle gestärkt werden. Gemeinsam mit Haim Omer hat sie das Buch «Raus aus der Ohnmacht» veröffentlicht. (Bild: ZVG)

Warum funktionieren Regelkataloge mit festen Konsequenzen Ihrer Meinung nach nicht?

Situationen sind nie gleich und auch die Ursachen für ein Verhalten sind sehr unterschiedlich. Zum Glück sind wir eine Schule und nicht die Justiz. Das heisst: Wir reagieren nicht nach dem Prinzip «gleiches Vergehen, gleiche Strafe», sondern schauen, wie Kinder lernen können, sich weiterzuentwickeln. Es gibt bei uns einen gemeinsamen Rahmen und klare Werte, aber die konkrete Reaktion kann – und muss – im Einzelfall unterschiedlich sein.

Die Kraft der Beziehung ist nicht zu unterschätzen. Es geht oft um das Sehen und Gesehenwerden.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel aus dem Schulalltag beschreiben?

An meiner Schule gab es zum Beispiel eine Lehrerin, die in ihrer Klasse eine Schülerin hatte, die immer wieder massiv störte. Sie besprach im Kollegium, dass sie mit den üblichen Mitteln nicht weiterkomme. Wir überlegten dann einen anderen Ansatz: Sie begann, diese Schülerin zu Beginn jeder Stunde ganz bewusst kurz anzusprechen. Dieser kurze persönliche Kontakt führte dazu, dass die Situation sich deutlich beruhigte und der Unterricht besser laufen konnte. Das wirkt im ersten Moment vielleicht ungerecht – weil andere Kinder weniger Aufmerksamkeit bekamen. Aber die Frage ist ja: Was hilft, damit der Unterricht für alle funktioniert? Und in diesem Fall war es genau das.

Was tun, wenn ein Regelverstoss trotz klarer Aufforderung bestehen bleibt?

Da fällt mir ein Beispiel aus einer Situation in der Mensa ein. Eine Gruppe Jugendlicher stand auf und liess den Tisch unaufgeräumt zurück. Der zuständige Sozialpädagoge sagte: «Bitte aufräumen» – sie gingen trotzdem. Er liess den Tisch nach Absprache mit der Mensaleitung unaufgeräumt stehen und ging der Gruppe nach ins Schulgebäude. Dort erklärte er die Situation dem Mathematiklehrer und machte den Schülern deutlich, dass das ihrem Kodex widerspricht. Nach dem Unterricht mussten die Jugendlichen zurückgehen und den Tisch aufräumen. Nicht als Strafe, sondern weil es die logische Konsequenz war: Der Tisch musste sauber sein. Der entscheidende Punkt ist: Die Jugendlichen merken, dass der Erwachsene dranbleibt.

Welche Rolle spielt die Beziehung zwischen Lehrpersonal und Lernenden?

Kein Kind steht morgens auf und denkt: «Heute tue ich mal blöd.» Gerade bei Kindern, die immer wieder auffallen, sollten wir uns die Frage stellen: Was steckt dahinter? Die Kraft der Beziehung ist dabei nicht zu unterschätzen. Es geht oft um das Sehen und Gesehenwerden. Ein ganz einfaches Beispiel dazu: Wenn ein Kind immer wieder unruhig wird und beginnt, den Unterricht zu stören, könnte man ganz klassisch Elterngespräche führen, das Kind abmahnen – das Übliche. Ein anderer Ansatz wäre: Ich als Lehrperson schaue mir an, was dieses Kind in seiner Freizeit macht. Wenn es zum Beispiel Fussball spielt, gehe ich vielleicht einmal kurz zu einem Spiel. Das ist keine Massnahme im klassischen Sinn, sondern ein Beziehungsangebot.

Das fordert von den Lehrpersonen ein hohes Mass an Aufmerksamkeit und Flexibilität.

Das stimmt schon. Aber immer wieder dasselbe zu tun, obwohl es nicht funktioniert, ist letztlich noch anstrengender. Ich weiss nicht, ob es das bei Ihnen auch gab, als Sie in der Schule waren: Bei uns sassen immer wieder dieselben vor der Tür. Die Erfahrung zeigt also, dass die konventionellen Strafmassnahmen oft nicht funktionieren.

Die Schlüsselbegriffe lauten Aufschub und Selbstkontrolle. Ich kann das Verhalten des Kindes nicht kontrollieren, nur mein eigenes.

Funktioniert dieser Ansatz auch dann, wenn ihn nur einzelne Lehrpersonen umsetzen – oder braucht es eine gemeinsame ­Haltung im ­gesamten Schulteam?

Ich muss bei mir anfangen – ich als Schulleiterin und jede Lehrperson bei sich. Gleichzeitig wird es natürlich wirksamer, wenn eine gemeinsame Haltung im Team entsteht. Für mich sind die Schlüsselbegriffe dabei Aufschub und Selbstkontrolle. Aufschub bedeutet, nicht sofort zu reagieren, nicht impulsiv zu sanktionieren, sondern einen Moment Abstand zu gewinnen und die Situation zunächst zu klären. Selbstkontrolle heisst, bei sich zu bleiben, nicht aus Ärger oder Hilflosigkeit heraus zu handeln, sondern bewusst zu entscheiden, wie ich reagieren möchte. Ich kann das Verhalten des Kindes nicht kontrollieren – genauso wenig wie das Verhalten irgendeines anderen Menschen –, nur mein eigenes.

Woran merken Sie, dass der Ansatz im Schulalltag gut funktioniert?

Das Schulklima hat sich verändert. Die Atmosphäre ist entspannter, ­ruhiger. Die Schulmitarbeitenden inklusive die Schulleitung haben durch das Konzept der Neuen Autorität einerseits ein breiteres Handlungsrepertoire, andererseits einen Rahmen, an welchem wir uns bei Interventionen orientieren. Das gibt uns Sicherheit, und vor allem wirken Interventionen nach Neuer Autorität – nicht in jedem Fall, aber deutlich öfter als vor der Einführung des Konzepts.