Herr Hunziker, Ihr Verein hiess ursprünglich «Verein verantwortungsvoll erziehender Väter», nun steht das «eV» für «elterliche Verantwortung». Warum der Namenswechsel?
Es stimmt, unser Verein richtete sich bei der Gründung im Jahr 1992 mehrheitlich an Väter, die in Trennungs- und Scheidungssituationen mit ihren individuellen Problemen bei uns Rat suchten. Dann folgte die Erweiterung auf «Väter und Mütter», und nun heisst er so.
Melden sich mit dem neuen Namen heute auch mehr Mütter bei Ihnen?
Wir beraten beide Geschlechter und versuchen, auf jedes Problem – egal, ob Mutter oder Vater – adäquat einzugehen. Es ist aber nach wie vor so, dass wir stark sensibilisiert darauf sind, wie Väter in diesen Situationen behandelt werden. Der VeV wurde gegründet, weil mehrheitlich Väter mit Ungerechtigkeiten zu kämpfen haben, wenn es darum geht, dass die Betreuung und Finanzierung gemeinsamer Kinder nach einer Scheidung fair geregelt wird. Vor Gericht, aber generell auch innerhalb der Gesellschaft. Es herrscht in diesen Belangen immer noch sehr viel Handlungsbedarf.

Bedienen Sie damit nicht ein altes Klischee?
Vereinfacht würde ich sagen: Mütter haben es nach wie vor einfacher, vor Gericht die Fürsorgepflichten und -rechte für die Kinder zu kriegen. Heisst in der Konsequenz: Die Mutter kriegt die Kinder, und der Vater soll zahlen. Diese Regelung geniesst eine verblüffend hohe Akzeptanz und liegt offenbar tief verankert in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, ungeachtet dessen, ob sie richtig oder falsch ist. Das hängt damit zusammen, wie man landläufig den Begriff der Familie definiert.
Ein Vater ist mit viel grösseren Vorurteilen konfrontiert als eine Mutter.
Wie denn?
Eine Mutter, die sich nach einer Trennung oder Scheidung um die Kinder kümmert, wird immer noch viel selbstverständlicher als «Familie» bezeichnet. Ein Vater, der die Kinder betreut, ist in erster Linie nur «ein Vater, der sich um die Kinder kümmert». Das Prädikat Familie muss er sich an allen Fronten hart erkämpfen, und er ist mit viel grösseren Vorurteilen konfrontiert als eine Mutter.
Es ist statistisch erwiesen, dass der Grossteil aller Alleinerziehenden Frauen sind und nur 12 Prozent Männer. Diese Zahl sagt doch einiges darüber aus, wie viele Fälle verlaufen.
Zuerst einmal muss man den Begriff «alleinerziehend» korrekt definieren. Was bedeutet er denn in der Realität? Unter «alleinerziehend» verstehe ich persönlich vor allem die Härtefälle, die leider existieren und deren Protagonisten es erwiesenermassen schwer haben, den Alltag zu meistern. Das betrifft ihre finanzielle Situation, die psychische Verfassung der Alleinerziehenden und auch die zehrenden Mehrfachbelastungen, denen sie ausgesetzt sind.
Also konkret ein Witwer oder eine Witwe, die oder der nach einem Todesfall alleine für die Kinder sorgt, aber dennoch arbeiten muss, um die Kinder zu versorgen und um das Leben irgendwie durchzubringen. Aber damit sind auch Elternteile gemeint, die «hocken gelassen» werden vom Partner oder von der Partnerin und sich dann wirklich ganz alleine um alles kümmern müssen. Die meisten Fallbeispiele, die ich hingegen erlebe, entsprechen nicht «typisch» alleinerziehenden Modellen.
Sondern?
Es sind Situationen, in denen die Elternteile zwar getrennt leben, aber engagiert auftreten. Die Mehrheit aller Fälle, mit denen wir es zu tun haben, sind Familienstrukturen, bei denen sich beide Elternteile darum bemühen, auch nach einer Trennung für die Kinder gute Eltern sein zu wollen. Dies, weil sie sich der elterlichen Verantwortung verpflichtet fühlen, da zu sein für ihre Kinder. Leider erleben wir in unserer Praxis oft, dass es mehrheitlich die Väter sind, die gerne mehr leisten möchten, aber nicht dürfen – weil man ihnen ihr Engagement rigoros abspricht oder sie brutal blockiert werden.
Ich kenne viele Väter, denen nach einer Trennung verweigert wird, sich an der Kinderbetreuung zu beteiligen.
Von den Müttern?
Ja, oft. Die Väter werden aus Kränkung oder Eitelkeit seitens der Kindsmutter oft ausgeschlossen aus Prozessen, die wichtig wären für das Kind, nämlich insofern, als dass sich beide Elternteile damit befassen. Anstatt auf das Wohl des Kindes zu achten, bestrafen diese Mütter nach einer Trennung – für die es notabene immer zwei braucht! – lieber den Mann damit, dass er die Kinder nicht sehen darf und dass er kein Mitspracherecht kriegt. Das sind emotionale Folterspiele, die zu Lasten der Kinder ausgefochten werden.
Bleiben wir bei den Fakten: Nach einer Trennung bleibt viel mehr an der Mutter hängen als am Vater. Sie geht Teilzeit arbeiten, organisiert die Betreuung und den Alltag, während er ausschliesslich an den Wochenenden für die Kinder da ist.
Genau da liegt die Krux. Denn dieses Bild ist in der Gesellschaft sehr stark verbreitet. Aber glauben Sie mir, es gibt sehr viele Väter in der Schweiz, die nicht einfach den «Zahl-Papi» mimen wollen und die sich gerne intensiver an der Kinderbetreuung beteiligen möchten. Leider wird ihnen genau das oft von der Mutter verweigert. Es ist genauso eine Realität, dass es immer noch Mütter gibt, die es darauf absehen, dass der Kindsvater in erster Linie Alimente bezahlt und sie ihn damit aus dem Alltag mit den Kindern erfolgreich entfernt haben.
«Erfolgreich entfernt»? Das tönt nach Kriegsvokabular.
Es ist ein harter Begriff, aber er trifft in vielen Fällen, die ich kenne, zu. Auch gewissenhaften Vätern, die sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen, wird unter dieser Prämisse das Leben sehr schwer gemacht. Darunter leiden viele Väter. Das führt so manchen in Depressionen und in Verlustängste, die er nur schwer bewältigen kann.
Wen machen Sie dafür verantwortlich?
Es sind die Behörden und die Gerichte, die nicht anerkennen, dass es sehr viele kooperative Väter gibt da draussen, die sich ihrer Aufgabe stellen und das Feld nicht einfach der Mutter überlassen wollen. Leider würdigen viele Mütter nicht, dass es auch für ihren persönlichen Alltag ein Vorteil bedeuten kann, wenn sie einen engagierten Ex-Mann zur Seite haben.
Solange wir Richter haben, die Väter und ihre Anliegen nicht gebührend berücksichtigen, müssen wir immer wieder intervenieren.
Sie priorisieren Autonomie gegenüber Entlastung. Wenn Eltern den Karren gemeinsam ziehen, ist das für alle Beteiligten eine Bereicherung. Insbesondere für die Kinder, die damit erfahren, dass Mami und Papi sich gemeinsam um ihre Anliegen kümmern. Das ist für die Entwicklung eines Kindes von grosser Bedeutung, weil es geprägt wird dadurch und sein Urvertrauen stärkt.
Sie implizieren damit, dass die Gerichte und die Kinderschutzbehörden häufig falsch entscheiden und auf einem Auge blind sind, indem sie die Väter partout nicht einbeziehen wollen?
Das ist leider so. Ich muss fairerweise aber auch sagen, dass sich langsam, aber stetig auch ein Paradigmenwechsel abzeichnet und dass es immer mehr Behörden gibt, die den Mut haben, ausgewogen zu entscheiden. Das ist ein Gewinn für unseren Verein und seine Anliegen.
Seit Juli 2014 wird in der Schweiz die elterliche Verantwortung im Trennungsfall (ungeachtet, ob Scheidung oder Trennung) neu geregelt. Was bislang schriftlich beantragt werden musste, wird neu zum Regelfall, nämlich die gemeinsame elterliche Sorge für die gemeinsamen Kinder.
Dafür haben wir hartnäckig gekämpft, und ja, es ist eine erfreuliche Entwicklung. Es stärkt die Situation der engagierten Väter. Aber der Schein soll nicht trügen, es gibt immer noch viel zu tun. Solange wir Richterinnen und Richter haben, die Väter und ihre Anliegen nicht gebührend berücksichtigen, müssen wir immer wieder intervenieren.
Sind es denn in Ihrer Wahrnehmung vor allem die feministischen Richterinnen, die bei Scheidungsurteilen zu Lasten von Vätern entscheiden?
Meine Antwort wird Sie vermutlich erstaunen, denn: nein. Es sind bei Weitem nicht nur die weiblichen Richterinnen, die zu Lasten von Vätern entscheiden, weil sie in erster Linie auf der Seite der Frau stehen. Viel öfters sind es konservative und verbohrte männliche Richter, die finden: Die Frau muss um jeden Preis die Kinder kriegen, der Vater kann gefälligst bezahlen. Dies hat vermutlich viel öfter mit der persönlichen Lebensrealität des jeweiligen Richters zu tun als mit derjenigen der Menschen, die vor dem Gericht stehen.
Und was bedeutet das für Sie?
Dass wir weiterhin sehr viel Arbeit haben, denn es geht uns immer um die Sache. Bei Scheidungen geht es in erster Linie um das Wohlergehen der gemeinsamen Kinder. Gender-Gedanken oder der sogenannte «Geschlechterkampf» haben in diesen Situationen nichts verloren. Das verstehen wir unter elterlicher Verantwortung.







