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Psychologie

Mein Kind kifft. Was nun?

Wie sollen Eltern darauf reagieren? Alarmiert oder gelassen? Mit Gesprächen oder Verboten? 
Text: Virginia Nolan
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Dunkle Augenringe, fehlender Antrieb, verschlafener Blick: Nichts von alledem, was den Kiffer laut Klischee entlarvt, kann Renate Büchi an ihrem Sohn beobachten. Der Gymnasiast ist sportlich, aufgeschlossen, ein guter Schüler. Erst die Küchenraffel lässt ihn auffliegen. Die Mutter will Früchte raffeln, doch das Gerät ist verschwunden. Sie findet es ein paar Tage später im Zimmer des Sohnes. Die Raffel ist verklebt, braun verfärbt. Renate Büchi denkt sich nichts dabei, reinigt das Gerät, stellt es in die Küche. Als sie Käse reiben will, fehlt die Raffel erneut. Die Mutter muss nicht lange suchen. «Isst du so viele Früchte?», fragt sie ihren Sohn beim Abendessen. Die vier Geschwister werfen sich verstohlene Blicke zu und grinsen. Wochen später liest Büchi in einem Magazin über Cannabis. Haschisch, steht da, werde vor Gebrauch zerkleinert – zum Beispiel mit einer Küchenreibe. Da macht es klick.

Wie merke ich es? 

Wie konnten wir nichts bemerken? «Die Frage plagte mich», sagt Büchi. Heute, ein gutes Jahrzehnt später, begegnet sie vielen Eltern, denen es so ergeht wie ihr damals. Seit ein paar Jahren gehört die Psychiatriefachfrau zum Expertenteam der Jugendberatungs- und Suchtpräventionsstelle Samowar im zürcherischen Horgen, berät Jugendliche, Eltern und Schulen. Auf die Frage, wie sich Drogenkonsum bemerkbar mache, gebe es keine schlüssige Antwort, sagt sie. Beim Kiffen könne es der aufdringlich süsse Geruch von Gras sein, der Eltern auffalle, Teilnahmslosigkeit oder sozialer Rückzug, die vom Jugendlichen ausgingen. Nicht selten, weiss Büchi, bekommen die Eltern jedoch überhaupt nichts mit. 

Wie reagiere ich? 

Das Kind kifft also. Auf den Ärger darüber folgt die Sorge: Kiffen ist schädlich. Man will dem Sohn, der Tochter den Ernst der Lage klarmachen. Aber wie? «Oft schaffen es Eltern nicht, zum Kind durchzudringen», weiss Felix Hanselmann von der Suchtpräventionsstelle Zürcher Oberland. «Aus Angst fangen sie an zu drohen, stellen unrealistische Forderungen: Wenn du nicht aufhörst zu kiffen, gehst du nicht mehr in den Ausgang! Eltern wissen selbst, dass sie das schwer durchziehen können.» Dieses Verhalten sei zwar nachvollziehbar, aber ein schlechtes Signal an den Jugendlichen, weil dieser merke, dass die Eltern genauso überfordert seien wie er selbst.

Ich-Botschaften sind ratsam

Nicht aus dem Bauch heraus handeln, so lautet auch der Rat von Präventionsexpertin Büchi. Das heisst: Wut und Ärger etwas verebben lassen, ein Gespräch planen – und sich auf dieses auch vorbereiten. Eltern sollten sich im Vorfeld überlegen, welche Punkte sie ansprechen, was sie in Erfahrung bringen möchten, sich aber auch darüber im Klaren sein, welche Vorwürfe sie dem Kind keinesfalls an den Kopf werfen wollen. «Das erhöht die Chance, dass die Diskussion einen einigermassen guten Verlauf nimmt», weiss Büchi. Ein guter Zeitpunkt fürs Zusammensitzen sei abends, wenn danach keine Termine und Hausaufgaben mehr anstünden.

«Ich habe gemerkt, dass du kiffst, das macht mir Sorgen.» Ich-Botschaften sind empfehlenswert, weil sie den Gesprächspartner nicht in die Ecke drängen. Wer sich von seinem Kind Offenheit erhofft, sollte zumindest versuchen, es nicht in die Defensive zu drängen. «Du hast hinter unserem Rücken gekifft!» Auf diese Variante, sagt Büchi, wäre es vermutlich hinausgelaufen, wenn sie ihren Sohn konfrontiert hätte, gleich nachdem sie ihm auf die Schliche gekommen war. Vorwürfe, weiss sie, lassen Jugendliche aber erst recht auf stur schalten. «Es lohnt sich, seine Botschaft vorzubereiten, dann geht sie am Kind nicht spurlos vorbei.» Gleichzeitig dürften Eltern nicht zu viel erwarten, sagt die Expertin: «Wenn der Sohn oder die Tochter Auskunft gibt, reicht das fürs Erste. Auf die Sorgen der Eltern wird das Kind vermutlich nicht eingehen.»
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Wer weiss Rat?

Ihre eigene Unwissenheit zum Thema Cannabis, fand Büchi damals, war mit ein Grund zur Sorge. «Heute würde ich einer Mutter in der gleichen Situation empfehlen, sich mit ihren Fragen an eine Beratungsstelle zu wenden», sagt sie,  «und zwar nicht erst, wenn es brennt.» Die Hotline «Elterninfo Cannabis» von Sucht Schweiz beispielsweise hilft zu Bürozeiten unter der Gratisnummer 0800 104 104 weiter. Auch die Jugendberatungen, Suchtpräventions- und Drogenfachstellen der Kantone sind für Eltern da. Ihr Angebot ist meist kostenlos, umfasst Information und Beratung. Aufklärung lohnt sich auch dann, wenn Kiffen zu Hause kein Thema ist. Die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich etwa führt auf Anfrage den Elternabend «Über Cannabis reden» durch, nach dem gleichen Prinzip stellt die Stiftung Berner Gesundheit Eltern ihre Experten zur Verfügung.

Wie geht es jetzt weiter?

«Eltern erwarten zu schnell Veränderungen», sagt Gesundheitssoziologe Hanselmann. «Gewohnheiten ändern sich aber nicht von heute auf morgen.» Er rät Eltern, nicht in Panik zu verfallen. Kiffen sei ein Jugendphänomen, dabei müsse nicht automatisch eine Suchtproblematik vorliegen. Wenn Eltern versuchten, Jugendliche für Absprachen zu gewinnen, sei das wirksamer als Schimpfen und Drohen: «Zum Beispiel kann man Konsumpausen vereinbaren, weil das für die Gesundheit wichtig ist.» Die eigenen Sorgen aussprechen und gleichzeitig Kompromissbereitschaft signalisieren könne helfen, die Verbindung zum Kind aufrechtzuerhalten. Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, helfe ein Blick von aussen: «Der Götti, eine Familienfreundin – sie können verhärtete Fronten aufbrechen.»

Im Gespräch bleiben bedeutet aber nicht, ständig übers Kiffen zu reden. «Egal, wie schwierig eine Lebensphase ist», sagt Renate Büchi, «sie hat immer auch Schönes zu bieten.» Es lohne sich, den Blick auch darauf zu richten – besonders im Umgang mit dem Sohn, der Tochter. «Sicher gibt es andere Gesprächsinhalte: Musik, Sport, Themen, die uns verbinden.»

Wann ist professionelle Hilfe nötig?

Nichts überstürzen und doch wachsam bleiben ist für Eltern oft eine Gratwanderung. Etwa in der Frage, wann professionelle Hilfe nötig ist. «Wir dürfen nicht alle Kiffer in einen Topf werfen», mahnt Pierre-André Michaud, ehemaliger Leiter der multidisziplinären Abteilung für die Gesundheit von Jugendlichen in Lausanne. Behandlungs- oder zumindest Beratungsbedarf bestehe aus seiner Sicht allerdings, wenn Cannabiskonsum zu Komplikationen wie Kriminalität, Schulausschluss oder Unfällen führe, wenn Jugendliche Cannabis konsumierten, weil sie damit persönliche Probleme lösen wollten oder wenn Schulen und Arbeitgeber auf eine Behandlung drängten. Eltern könnten ihr Kind nicht zu einer Beratung zwingen – aber mit der Aussicht motivieren, dass es mit Fachpersonen auch allein sprechen dürfe.

Was sagt das Gesetz?

Hanfpflanzen mit einem THC-Gehalt von über 1 Prozent gelten als Drogenhanf, ihr Konsum, Handel und Anbau ist strafbar. Seit Oktober 2013 wird Cannabiskonsum in der Schweiz mit einer Ordnungsbusse von 100 Franken bestraft, sofern nicht mehr als 10 Gramm der Substanz im Spiel sind. Das gilt jedoch nicht für Minderjährige. Werden sie beim Kiffen erwischt, benachrichtigt die Polizei in der Regel Eltern und Jugendanwaltschaft. Die Praxis ist von Kanton zu Kanton verschieden; je jünger die Konsumenten sind, desto mehr wird unternommen. Jugendliche über 15, die das erste Mal aufgegriffen werden, kommen meist mit einer Verwarnung davon. Gegen Jüngere und solche, die erneut ins Netz gehen, eröffnet die Jugendanwaltschaft eine Strafuntersuchung.

Mögliche Strafen sind ein Verweis, gemeinnützige Arbeit oder eine Busse. «Wir wollen Jugendliche nicht kriminalisieren», sagt Patrik Killer von der Jugendanwaltschaft Zürich, «sondern versuchen, ihre Situation als Ganzes zu erfassen.» Stelle sich im Lauf der Abklärungen heraus, dass der Cannabiskonsum die weitere Entwicklung des Jugendlichen erheblich gefährde, könne die Jugendanwaltschaft auch Schutzmassnahmen wie eine therapeutische Behandlung anordnen. Immer, so Killer, stehe jedoch die Verhältnismässigkeit im Vordergrund. So gehört etwa der obligatorische Besuch eines Kurses, der die Risiken von Cannabis thematisiert, in deutschsprachigen Kantonen zu den gängigsten Sanktionen.

Hört das wieder auf?

Ob das Ganze irgendwann ein Ende habe, ist die dringlichste Frage, die sich besorgte Eltern stellen. «Wir wissen aus Langzeitstudien, dass der Cannabiskonsum bei den 15- bis 24-Jährigen am höchsten ist, dass er bei den 25- bis 34-Jährigen bereits rückläufig ist und später mit jedem Altersjahr stark abnimmt», sagt Frank Zobel, Vizedirektor ad interim bei Sucht Schweiz. «Die meisten Jugendlichen, die Cannabis ausprobieren, kiffen nur gelegentlich und stellen den Konsum schnell wieder ein. Von der Minderheit derer, die regelmässig konsumieren, hören die meisten im Alter von 20 bis 30 auf – oft dann, wenn sie im Berufsleben angekommen sind oder eine Familie gründen.» Zu dieser Gruppe gehört der Sohn von Präventionsexpertin Büchi: Er liess das Kiffen bleiben, als das Leben durch Studium und Beruf anstrengender wurde.

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