Ich hatte eine glückliche Kindheit; eine wunderbare Familie, Eltern, die mir die Sterne vom Himmel holten. Aber ich war früh auf der Suche: Als Kind tauchte ich ab in andere Welten, verschlang Buch um Buch. Ich hatte ein Faible fürs Gefährliche, war davon fasziniert statt abgeschreckt. Als Teenager suchte ich mein Glück im Rausch, katapultierte mich in andere Sphären.
Als meine Mama an Krebs erkrankte und schliesslich starb, plagten mich Schuldgefühle – hatten Sorgen um mich sie krank gemacht? In meinen 20ern arbeitete ich in der Gastroszene, machte die Nacht zum Tag. Dann wollte ich meinem Leben eine neue Richtung geben, ging auf Reisen.
Meine Hirnverletzung hat mir meine Grenzen aufgezeigt. Ich lerne, darin auch das Gute zu sehen und dem Lauf der Dinge zu vertrauen.
Was Glück für mich nie bedeutete: Karriere, Geld. Vielmehr stellte ich mir vor, Frieden in mir zu finden. Ich sass im Central Park und öffnete eine Packung Schokolade, die mein Papa mir zum Abschied mitgegeben hatte. Da stand: «Wer in seinem Herzen zu Hause ist, ist überall zu Hause.» Ich merkte: Ich war in New York nicht glücklicher als in Aarau. Ich reiste weiter nach Australien und kam dort zum selben Schluss.
Zur Lehrerin berufen
In der Schweiz holte ich die Matura nach, studierte zunächst Betriebswirtschaft und kam auf Umwegen an die Pädagogische Hochschule. Als ich zum ersten Mal vor einer Klasse stand, wusste ich: Das ist es. Vom ersten Tag an habe ich diesen Beruf geliebt, bin darin aufgegangen. Die Schule ist für Kinder ein Muss; nicht allen geht es gut im System. Ich wollte ihnen zuhören, sie ermutigen und bestärken, sie nicht nur in schulischen Belangen unterstützen.
Mich nicht zu kümmern, weil Unterrichtsschluss war? Undenkbar. Ich empfand das nicht als Belastung, es nährte mich. Nach Mitte 30 verspürte ich einen starken Kinderwunsch. Die Geburt unseres Sohnes Bela hat mein Leben auf unsagbare Weise bereichert und mein Glück vervielfacht. Er brachte mir das Gefühl von Dankbarkeit und Frieden.
Schon in meiner Zeit als Lehrerin fand ich Ausgleich im Aikido, einer Kampfkunst, die zur Passion geworden war. 2024 stürzte ich im Training auf den Kopf. Am nächsten Morgen, mitten im Unterricht, musste ich erbrechen. Eine Odyssee, die bis heute kein Ende hat, nahm ihren Lauf. Die Hirnverletzung stellte mein Leben auf den Kopf.
Eine herausfordernde Zeit
Plötzlich war alles zu laut: Ich hatte Schmerzen, wenn Glocken läuteten, Geschirr klapperte, mein Sohn spielte. Ich unternahm zwei, drei Anläufe in der Schule, fühlte mich wie betrunken. Ich führte Elterngespräche und vergass mittendrin, wer mir gegenübersass. Ich wurde krankgeschrieben. Nichtigkeiten liessen mich in Tränen ausbrechen, mit der Reizempfindlichkeit wurde es immer schlimmer. Zuletzt traute ich mich kaum mehr vor die Tür, entwickelte eine Angststörung. Ich hatte mich stets gefragt, wie Menschen Angst haben können vor Dingen, die sie nicht tatsächlich bedrohen. Nun weiss ich es.
Es liegt eine herausfordernde Zeit hinter mir: die Trennung vom Vater meines Sohnes, medizinische Untersuchungen, versicherungstechnische Abklärungen, Existenzängste. Nie war so vieles unsicher. Gleichzeitig spüre ich: In mir wohnt eine unerschütterliche Kraft. Ich mache gern mal Geschrei, wenn es nicht rundläuft. Aber ich weiss auch: Ich stehe wieder auf.
Ich kann in vielem Erfüllung finden: Einen Brotteig kneten, in den Wald gehen, auch Wäsche aufhängen kann mich beglücken.
Meine Hirnverletzung hat mir meine Grenzen aufgezeigt. Ich lerne, darin auch das Gute zu sehen und dem Lauf der Dinge zu vertrauen. Ich bin daran, mich als Atemcoach selbständig zu machen. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, in der Schule zu arbeiten. Aber da ist noch immer diese grosse Liebe fürs Leben, fürs Lernen. Ich kann mich für alles Mögliche begeistern, in vielem Erfüllung finden: Einen Brotteig kneten, in den Wald gehen, auch Wäsche aufhängen kann mich beglücken, wenn ich dabei im Augenblick verweile.
Momente sammeln wie Perlen
Ich merke erst jetzt: Früher habe ich das Glück oft übersehen. Seit der Hirnverletzung nehme ich die Schönheit in alltäglichen Kleinigkeiten viel bewusster wahr. Mit meinem Sohn kann ich diese neue Gabe wunderbar kultivieren: Wie glücklich wir waren, als wir ein Badezimmerschränkchen zum Mitnehmen entdeckten und es renovierten!
Oder das Apfelbäumchen, dem wir ein Schutzamulett bastelten, nachdem wir es umgepflanzt hatten: Wie es austreibt und wir Freude daran haben! Es steht für einen Neuanfang, den wir mit meinem Vater, meiner Schwester und ihrer Familie im Mehrgenerationenhaus wagen. Kleine, schöne Momente wahrnehmen, sie sammeln wie Perlen: Das bedeutet für mich Glück.






