«Hilf anderen, wenn du kannst»

Aus Ausgabe
07+08 / Juli+August 2026
Lesedauer: 4 min
Peter, 70, aus Aarau ist vierfacher Vater und zweifacher Grossvater. Er sei dem Glück nie nachgejagt, sagt er – und habe doch unverschämt viel davon gehabt.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan

Bild: Mara Truog / 13 Photo

Was Glück bedeutet? Kommt drauf an, wen du fragst. Ich würde mal sagen: Zufriedenheit. Ich könnte vermutlich 200 Dinge aufzählen, die mich zufrieden machen. Abends mit meinem Hund Pepe auf der Terrasse zu sitzen. Oder der Ausflug mit einer meiner Töchter in den Jura vor Kurzem. Die Leute, die Stimmung dort, das hat mich glücklich gemacht.

Aber ich würde es nicht zu kompliziert sehen, das Ganze. Also das mit dem Glück. Was mich mehr beschäftigt: Warum manche so wenig davon haben – und arm sind, Hunger leiden, Krieg erdulden. Wenn dann einer fragt, ob wir unseres eigenen Glückes Schmied sind, trau ich mich gar nicht, etwas zu sagen. Ganz ehrlich, wir haben doch keine Ahnung. Darum: einfach mal die Klappe halten. Finde ich besser, statt zu allem etwas zu sagen.

Wir sollten alle lernen, uns selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Eine «unverschämt» glückliche Kindheit

Man weiss nie, welchen Hintergrund das Gegenüber hat – eine schlimme Kindheit vielleicht. Meine war glücklich, unverschämt glücklich. Warum? Gute Frage. Ich hatte einen sehr strengen Vater und eine herzensgute Mama. Natürlich hatte man damals ein distanzierteres Verhältnis zu den Eltern, als es heute bei mir und meinen vier Kindern der Fall ist. Ich war nicht gut darin, denen Grenzen zu setzen, da war mein Papa ein anderes Kaliber.

Ich habe als Kind nichts vermisst, zu Hause in Chur. Es genügte der Blick der Mama, um mich zu wärmen, oder wenn ich dem Papa bei der Arbeit über die Schulter sah. Beide waren da. Am Wochenende haben sie uns gezeigt, wie man den Garten pflegt, solche Dinge. Ich erinnere mich, wie ich den Vater fragte, was der Sinn des Lebens sei. Er sagte: Hilf anderen, wenn du kannst. Ich habe ihn das mehrmals gefragt, manchmal brauchte er für seine Antwort etwas Anlauf, aber sie lautete immer gleich.

Ich weiss nicht, ob er sich das einfach so zurechtlegte, aber ich habe es mir gemerkt. Indem du hilfst, machst du dir am Ende selbst ein Geschenk: Du kannst anderen geben, was du auch schön findest, wie bei einem Möbelstück oder so. Ich bin auch froh, wenn mir jemand hilft! Wenn du mich fragst, sollten wir alle lernen, uns selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Die Liebe meines Lebens

Mit meiner verstorbenen Frau hatte ich viel Glück! Es war Liebe auf den ersten Blick. Marlis haute mich um. Ich weiss schon, dass man Dinge im Nachhinein beschönigt, aber ich frage mich oft: Erleben wirklich auch andere, was wir hatten? Oder meine ich nur, so reich beschenkt worden zu sein, und Ehe fühlt sich halt einfach so an?

Sicher ist, dass Marlis die Liebe meines Lebens war und ich auch nach vier Kindern gerne mit ihr zusammen war. Es war einfach – meistens – schön. Marlis und ich hatten eine lebhafte Streitkultur, sie war ein Alphatier. Es knallte also öfter mal, war aber nicht die Art von Knatsch, die sich, wie ich vermute, aus einer offenen Rollenverteilung ergibt: Wer macht was? Bei meinen Töchtern gibts das öfter, weil moderne Paare sich alle Aufgaben teilen. Bei uns war klar, Marlis schaut zu Hause, ich in der Bude. Keine Ahnung, welches Modell besser ist.

Marlis war nicht geplant, meine vier Kinder nicht, das Geschäft auch nicht. Es hat sich so ergeben, ich bin damit gut gefahren.

Ob ich ein Optimist bin? Auf jeden Fall, aber halt auch nicht immer. Ich bin zufrieden, man kann ja nicht anders, oder? Ich bin selbständig im Bereich Grafik und Medienproduktion. Wir sind am Aufhören. Pläne für die Zeit danach habe ich keine. Ich hatte eigentlich nie Pläne. Marlis war nicht geplant, meine vier Kinder nicht, das Geschäft auch nicht. Mein Leben hat sich so ergeben, ich bin damit gut gefahren. Aber ich möchte mich hier nicht aufspielen und gescheit reden. Ich bin dem Glück nie nachgejagt – und habe so viel davon bekommen.