Sexualisierte Gewalt: Kinder stärken, Täter abschrecken

Lesedauer: 11 min
Eltern können ihr Kind nicht vor sexueller Gewalt bewahren, doch viel dazu beitragen, dass Tatpersonen es schwerer haben: indem sie deren Strategien kennen und ihr Kind darin stärken, seinem eigenen Gefühl zu vertrauen und darüber zu sprechen.
Text: Anna Walther

Bild: Maike Vará

Wenn ihr euch nach dem Sport nicht genügend duscht, komme ich das nächste Mal mit und zeige euch, wie das geht.» Es waren solche und ähnliche Sätze, die unser Turnlehrer uns Mädchen im Sportunterricht regelmässig sagte. Sie wirkten auf uns verstörend und beängstigend. Damals, in der 5. Klasse, wusste ich nicht, wie ich dieses Verhalten einordnen sollte.

Eines von sieben Kindern hierzulande erfährt im Laufe seiner Kindheit sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt – das sind keine abstrakten Zahlen, das betrifft Kinder aus unserer Nachbarschaft, aus der Schulklasse. Sexualisierte Gewalt findet überall statt, quer durch alle Gesellschaftsschichten.

Diese Fakten verängstigen und verunsichern Eltern, und ich erlebe immer wieder Verdrängung als Reaktion: Hier bei uns passiert das nicht – nicht in unserem Dorf und nicht in unserer Familie! Dieses Verhalten ist verständlich, doch nur wer hinschaut, kann sein Kind umsichtig begleiten. Wissen über die Mechanismen und Folgen sexualisierter Gewalt hilft uns, aufmerksam zu sein.

Doch zunächst einmal: Sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter: sexistische Bemerkungen, Voyeurismus, Exhibitionismus, ungewolltes Küssen oder Streicheln, das Zeigen von Pornografie – bis hin zu Penetration. All das verletzt die Grenzen eines Kindes. Sexuelle Handlungen mit Kindern sind immer verboten, auch wenn das Kind seine «Einwilligung» gegeben hat.

Der böse fremde Mann ist ein Mythos. 97 Prozent der Tatpersonen stammen aus dem engen Umfeld des Kindes.

Auch der Kontext zählt: Greift der Turnlehrer einem Kind, das vom Trampolin stürzt, dabei versehentlich an den Po, ist das Hilfe. Wichtig ist, dass er es dem Kind kurz erklärt: «Es tut mir leid, ich habe dich am Po berührt – ich wollte dich einfach auffangen, das war keine Absicht.» So kann das Kind die Situation klar einordnen.

Passiert so etwas aber immer wieder und erzählt das Kind zu Hause davon, sollten die Eltern unbedingt reagieren. Denn wenn es zur Annäherungsstrategie gehört, merkt die Tatperson: Hier wird hingeschaut und reagiert.

90 Prozent der Tatpersonen sind männlich

Die heutige Elterngeneration ist noch überwiegend mit dem Bild des bösen fremden Mannes aufgewachsen, der auf dem Schulweg den Kindern auflauert und sie mit Geschenken lockt. Doch dieses Bild entspricht nicht der Realität. Laut einem Bericht der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland stammen 97 Prozent der Tatpersonen aus dem engen Umfeld des Kindes – es sind der Sporttrainer, der Götti, die Nachbarin oder der beste Freund der Familie.

90 Prozent der Tatpersonen sind männlich. Bei Kindern unter 5 Jahren sind laut Optimus-Studie der Hochschule Luzern und der Universität Lausanne in 45 Prozent der Fälle die Väter die Tatpersonen – die grösste Einzelgruppe.

Tatpersonen sind oft beliebt – und entsprechen selten dem Bild, das wir im Kopf haben.

So funktioniert Grooming

Dabei nutzen Tatpersonen systematische Strategien, um Kinder und ihr Umfeld zu manipulieren. Dieser Prozess wird in der Fachsprache «Grooming» genannt – eine gezielte Auswahl des Opfers und eine langsame Annäherung. Ziel ist es, das Vertrauen des Kindes und der Eltern zu gewinnen, es schrittweise zu isolieren und in eine Abhängigkeit zu führen.

Diese Vorbereitungsphase beginnt oft harmlos. Die Person zeigt sich besonders fürsorglich, schenkt dem Kind viel Aufmerksamkeit, macht Geschenke oder unternimmt Ausflüge mit ihm. Dabei testet sie nach und nach die Grenzen – zum Beispiel durch flüchtige Berührungen, die als Versehen oder Spiel getarnt werden, oder durch gemeinsame Geheimnisse. Beim Grooming beobachten sie die Reaktion des Kindes genau – doch selbst Widerstand hält sie nicht in jedem Fall auf. Manche Tatpersonen schreckt ein Kind ab, das sich wehrt. Andere hingegen machen weiter – so lange, bis der Widerstand kleiner wird.

Scham und Schuldgefühl

Tatpersonen vermitteln dem Kind häufig, dass das Geschehene normal sei – und säen gezielt Zweifel, indem sie ihm die Schuld zuschieben. Dabei nutzen sie oft Dinge, die das Kind mag: Sie verknüpfen sexualisierte Gewalt mit einem Hobby oder bauen Handlungen in das Lieblingsspiel des Kindes ein.

Dann heisst es beispielsweise: «Du willst ja auch immer wieder dieses Spiel spielen – da gehört das halt dazu.» Kinder glauben das, gerade weil es oft vertraute Bezugspersonen sind – und schweigen aus Scham und Schuldgefühlen. Auch Drohungen gehören zu den üblichen Instrumenten – etwa, dass die Eltern traurig würden, die Tatperson ins Gefängnis müsse oder dem geliebten Haustier etwas passiere.

Genau hinschauen

«Von dem hätte ich das nie gedacht!» ist einer der häufigsten Sätze, wenn sexualisierte Gewalt bekannt wird. Tatpersonen sind oft beliebt – und entsprechen selten dem Bild, das wir im Kopf haben.

Das macht es zum einen schwerer, Situationen, in denen sexualisierte Gewalt geschieht oder vorbereitet wird, zu erkennen. Dieses Wissen sensibilisiert uns aber auch dafür, genauer hinzuschauen:

  • Warum sucht der Trainer so oft die Nähe zu einem Kind?
  • Warum möchte der Götti immer wieder allein etwas mit meinem Kind unternehmen?
  • Warum möchte der Chorleiter partout nicht, dass bei den Proben auch einmal Eltern zuschauen?

Zugegeben, es kann nicht das Ziel sein, allen Personen im Umfeld eines Kindes grundsätzlich zu misstrauen, doch es lohnt sich, für dieses Thema sensibilisiert zu sein.

Beratung und Hilfe bei Verdacht oder erlebter Gewalt

  • Opferhilfe Schweiz: kostenlose, vertrauliche Beratung für Betroffene und Angehörige. Beratungsstelle in jedem Kanton
  • Pro Juventute: 24-Stunden-Beratung für Kinder, Jugendliche und ihr Umfeld: Tel. 147
  • Polizei: bei konkretem Verdacht oder erlebter Gewalt können Sie Anzeige erstatten: Tel. 117

Diese Realität kann verunsichern – und soll gleichzeitig aufmerksam machen und zu offenen Gesprächen einladen. Wer die Strategien kennt, kann auffälliges Verhalten besser wahrnehmen. Gerade online ist besondere Aufmerksamkeit gefragt, da sexualisierte Gewalt im digitalen Raum stark zugenommen hat. Es ist ein Spagat: nicht alle unter Generalverdacht zu stellen – und trotzdem kritisch aufmerksam zu bleiben. Denn das Umfeld normalisiert das auffällige Verhalten einer Person oft unabsichtlich – nicht aus Gleich­gültigkeit, sondern weil wir diese Menschen mögen und ihnen vertrauen.

Die Mädchen aus dem Beispiel zu Beginn des Textes haben zu Hause von ihrem Turnlehrer erzählt. Die Reaktion der Eltern: «Er meint das nicht so!» Schliesslich war der Lehrer im Kollegium wie bei den Eltern sehr beliebt. Diese Normalisierung schützt die Tatperson, die aufgrund dessen lange unentdeckt bleibt. So kam es im Fall des Turnlehrers später effektiv zu sexualisierter Gewalt an mindestens einem Mädchen.

Prävention beginnt im Alltag

Ich vergleiche Prävention gern mit einem Puzzle – viele kleine Teile ergeben zusammen ein starkes Ganzes. Sie soll unaufgeregt im Alltag geschehen – aufklären, ohne zu verängstigen, in vielen kleinen Momenten, nicht als Monolog am ­Familientisch. Lassen Sie uns im Folgenden einige Puzzleteile genauer anschauen:

1. Wissen der Eltern

Tatpersonen gehen nachweislich nach dem beschriebenen Muster vor. So ist das Wissen um die Strategien bereits ein wichtiges Puzzleteil. Eltern, die verstehen, wie Grooming funktioniert, lassen sich vom netten Sportlehrer oder dem beliebten Nachbarn nicht mehr so leicht blenden. Und wer genauer hinschaut, kann frühzeitig reagieren.

Doktorspiele bieten dem Kind eine wertvolle Möglichkeit, zu spüren, welche Berührungen es schön findet und welche nicht.

2. Sexualerziehung ab Geburt

  • Prävention beginnt bereits ab der Geburt – beim Wickeln kann ich Handlungen ankündigen und auf Reaktionen eingehen. So lernt das Kind von Beginn an: Mein Körper gehört mir.
  • Bevor wir mit Kindern über Gefahren sprechen, braucht es jedoch eine positive Grundlage: Sexualität gehört zum Leben und ist etwas Schönes und Natürliches. Diese Grundhaltung sollten Eltern ihren Kindern vermitteln.

Auch Doktorspiele gehören zur normalen Entwicklung – und es lohnt sich, klare Regeln zu definieren:

  • Alle Beteiligten wollen das Spiel und dürfen jederzeit Stopp ­sagen.
  • Der Altersunterschied beträgt nicht mehr als drei Jahre, da sonst das Machtgefälle zu gross ist – denn sexualisierte Gewalt unter Geschwistern ist weitaus verbreiteter, als wir oft an­nehmen.
  • Es wird nichts in Körperöffnungen gesteckt.
  • Die Kinder entscheiden und handeln frei, niemand tut dem anderen weh und jedes Kind darf jederzeit Hilfe holen.

Als Kitaleiterin hörte ich öfters, dass Doktorspiele Eltern verunsichern und starke Emotionen auslösen. Eltern, die solche Spiele verbieten, meinen es gut – doch dadurch wird eine gesunde kindliche Entwicklung unterbunden. Kindern werden wichtige Erfahrungen verwehrt. Zudem vermitteln wir ihnen je nach Reaktion, dass solche Spiele «komisch» und schambehaftet sind.

Sprechen Sie mit dem Kind darüber, was in Ordnung ist und was nicht – und was es beim Kind auslöst. Diese Erfahrungen bieten dem Kind zudem eine wertvolle Möglichkeit, zu spüren, welche Berührungen es schön findet und welche nicht – und Grenzen zu setzen und zu akzeptieren.

3. Kindern Wissen altersgerecht vermitteln und Sprache geben

Kinder brauchen Worte, um erzählen zu können – sonst bleibt es oft bei einem «komischen Gefühl im Bauch». Deshalb sollten wir zum Beispiel die Geschlechtsteile richtig benennen. Auf welche Aussage würden Sie eher reagieren: «Der Opa hat mich am Füdi berührt» oder «Der Opa hat mich an der Vulva gestreichelt»? Korrekte Begriffe und das Wissen, dass es sexualisierte Gewalt gibt, helfen Kindern, klar einzuordnen und zu beschreiben, was passiert ist.

Kinderschutz Schweiz

7 Punkte zur Prävention

  1. Mein Körper gehört mir!
  2. Ich vertraue meinem Gefühl.
  3. Ich kenne gute, schlechte und komische Berührungen.
  4. Ich darf Nein sagen!
  5. Ich unterscheide zwischen guten und schlechten Geheimnissen.
  6. Ich bin mutig, ich hole mir Hilfe.
  7. Ich bin nicht schuld.

Der Kinderschutz-Rap von Sonja Blattmann fasst diese Botschaften spielerisch mit Musik und Bewegung zusammen – kostenlos online.

4. Kommunikation – über Grenzen, Berührungen und Geheimnisse sprechen

Hier bietet sich die klassische Kitzel-Situation an: Fragen Sie, ob das Kind gekitzelt werden mag, hören Sie sofort auf, wenn es Stopp sagt, und sprechen Sie über angenehme und unangenehme Berührungen. Genauso wichtig ist: Wir Erwachsenen leben eigene Grenzen vor – und kommunizieren, was wir mögen und was nicht.

Auch Eltern sollen für ihr Kind Grenzen setzen – zum Beispiel, wenn die Verwandtschaft das Kind umarmt und es das nicht möchte. So vermitteln wir: Deine Gefühle zählen, deine Grenze ist wichtig und wird akzeptiert. Ich frage meinen Sohn beispielsweise oft, ob ich ihn umarmen darf oder ob er es wirklich mag, wenn ich ihm einen Kuss gebe.

Wir können Kinder stärken, Nein zu sagen – aber wir dürfen ihnen nie die Verantwortung übergeben, denn einem Erwachsenen ist ein Kind körperlich und emotional völlig ausgeliefert.

Weil Tatpersonen mit Geheimnissen arbeiten, ist es wichtig, dass Kinder lernen, zwischen guten und schlechten zu unterscheiden. Eine Geburtstagsüberraschung für das Grosi ist eine gute Gelegenheit: Gute Geheimnisse fühlen sich gut an, haben immer das Ziel, jemanden zu überraschen oder zu erfreuen, und sind endlich – schlechte nicht. Ein schlechtes Geheimnis soll eine Person schützen, die etwas Verbotenes tut.

5. Beziehung – Vertrauen als Schutzfaktor

Die Beziehung zum Kind ist ein ganz zentraler Schutzfaktor. Weiss es, dass es keine Strafe fürchten muss, traut es sich eher, etwas zu erzählen. Bedanke ich mich für die Ehrlichkeit und erwähne ruhig, was ich mir fürs nächste Mal wünsche – oder schimpfe ich? Pflegen wir Vertrauen und Respekt – oder fürchtet sich das Kind vor mir? Versichern Sie dem Kind: Es trägt nie Schuld an sexualisierter Gewalt – es ist immer die erwachsene Person, die etwas Verbotenes tut.

Kinder sprechen selten über erlebte Gewalt – und genau deshalb ist eine vertrauensvolle Eltern-Kind-Beziehung so entscheidend. Besprechen Sie mit Ihrem Kind auch, wie es reagieren kann, wenn ein anderes Kind ihm ein Geheimnis anvertraut. Kinder, die gelernt haben, zwischen guten und schlechten Geheimnissen zu unterscheiden, wissen: Ein gutes Geheimnis behalte ich für mich – ein schlechtes sage ich weiter. Sprechen Sie deshalb auch darüber, an wen sich Ihr Kind in einem solchen Fall wenden kann.

Konfrontieren Sie die Tatperson nie – sie könnte Spuren verwischen und das Kind unter Druck setzen.

Und wenn es trotzdem passiert?

Für viele Eltern gerät in diesem Moment verständlicherweise die Welt aus den Fugen. Zuerst: Meist sind Eltern «Mitopfer» – sie wurden genauso manipuliert. Bleiben Sie möglichst ruhig, glauben Sie dem Kind, hören Sie ihm zu und danken Sie ihm für seinen Mut.

Studien zeigen, dass Kinder oft mehrmals erzählen müssen, bis ihnen geglaubt wird. Viele erleben dieses Nicht-geglaubt-Werden als ebenso verletzend wie die Tat selbst. Stellen Sie nur offene Fragen – bohrende Fragen können im Strafverfahren als Manipulation gewertet werden. Konfrontieren Sie die Tatperson nie – sie könnte Spuren verwischen und das Kind unter Druck setzen. Notieren Sie die Aussagen Ihres Kindes möglichst wortgetreu und holen Sie sich unbedingt Unterstützung bei einer Fachstelle.

Prävention ist nie verlorene Arbeit – Kinder, die Grenzen kennen und Konsens leben, gehen selbstbewusster durchs Leben. Ein Geschenk – weit über den Schutz vor sexualisierter Gewalt hinaus.

Buchtipps

  • Sonja Blattmann: Nein ist Nein! Das gilt für Gross und Klein. Ravensburger 2025, 16 Seiten, ca. 15 Fr., ab 3 Jahren.
    Bildliche Begleitung zum Kinderschutz-Rap von Sonja Blattmann.
  • Caroline Link: Finnis Geheimnis. Karibu 2021, 32 Seiten, ca. 20 Fr., ab 4 Jahren.
    Das Kinderbuch zeigt realistisch, wie Grooming funktioniert: Die Tatperson ist jemand, den man mag und der coole Dinge mit einem unternimmt – nicht die fremde, unheimliche Figur.
  • Agota Lavoyer: Ist das okay? Mabuse 2022, 73 Seiten, ca. 25 Fr., ab 6 Jahren.
    Ideal zur Elterninformation: nimmt an die Hand, zeigt, wie man sexualisierte Gewalt in kindgerechter Sprache mit seinen Kindern thematisieren kann.