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Reden wir über Pornokompetenz!

Aus Ausgabe
03 / März 2026
Lesedauer: 5 min

Reden wir über Pornokompetenz!

Pornos sind im Netz nur einen Klick entfernt – auch für Jugendliche. Umso wichtiger ist es, dass sie lernen, ­explizite Inhalte richtig einzuordnen. Das geht nur, wenn wir sie dabei unterstützen.
Text: Thomas Feibel

Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

Mein Vater kaufte früher heimlich Magazine mit – sagen wir – pikantem Bildmaterial. Regelmäs­sig begab ich mich mit elf oder zwölf Jahren auf die Suche nach ihnen. Kein noch so raffinierter Aufbewahrungsort war vor mir sicher. Ich spürte sie gezielt in all ihren Verstecken auf, denn ich wollte sie mir ansehen. Das Internet war noch nicht geboren.

Heute geraten bereits sehr junge Kinder über Smartphones und Computer an explizite Aufnahmen, wie mir Zweit- und Drittklässler in meinen Workshops anvertrauen. Im Allgemeinen stolpern sie bei einer harmlosen Internetrecherche darüber – ungeplant und eher zufällig.

Die Angst vor Geräteentzug hält viele Kinder davon ab, sich an ihre Eltern zu wenden.

Die meisten erschrecken und klicken instinktiv weg. Oder löschen die Bilder, die Freunde ihnen zugeschickt haben. Die Angst vor Geräteentzug hält sie davon ab, sich an ihre Eltern zu wenden. So bleiben sie mit ihrem Unbehagen und ihrer Überforderung oft allein.

Dass sich Kinder mit dem Eintritt in die Pubertät für solche Themen zu interessieren beginnen, ist völlig normal. Dennoch dürfen wir sie damit von Anfang an nicht alleine lassen. Präventive Gespräche sind heute weniger an Alter und Reife gebunden als vielmehr an Netzzugang und eigenen Gerätebesitz. Wer etwa mit acht Jahren ein eigenes Handy hat, muss wissen, wie er oder sie angstfrei reagieren kann. Es liegt in der Verantwortung von uns Erwachsenen, Kindern zu helfen, das Gesehene einzuordnen und zu verstehen.

Aufklärung tut not

In der Wissenschaft hat sich dafür inzwischen der Begriff der Pornokompetenz etabliert. Zugegeben, der Ausdruck klingt reichlich obskur. Doch er verfolgt einen positiven Ansatz, der umso notwendiger ist, als dass die Forschung lange Zeit vor allem die negativen Auswirkungen von Pornokonsum auf junge Menschen betonte.

Etwa, dass die akrobatischen Kopulationsleistungen professioneller Darsteller verwirren und ein völlig verzerrtes Bild von Sexualität und Beziehungen vermitteln könnten. Oder dass sie unrealistische Erwartungen an den eigenen Körper fördern. Medien wiederum spielten die Gefahr einer Pornosucht bei Jugendlichen hoch und schürten bei Erziehenden massive Ängste.

Jugendliche müssen wissen, dass es sich bei Pornos um ­inszenierte Darstellungen von ­Sexualität handelt, die sie nicht zum Massstab nehmen dürfen.

Zweifellos bestehen diese Risiken. Doch weder blinde Verbote noch restriktive Geräteeinstellungen haben daran bisher grundlegend etwas ändern können. Eine echte Chance, Kinder und Jugendliche ab etwa zehn oder zwölf Jahren zu schützen, bietet die Pornokompetenz – wenn wir sie richtig verstehen: als moderne Form der Aufklärung im Internetzeitalter und als festen Bestandteil von Medienkompetenz.

Was beinhaltet der Begriff?

Die Medienpsychologin Nicola Döring definierte den Begriff vor einigen Jahren folgendermassen: «Statt Individuen als passive Opfer übermächtiger Pornografie-Wirkungen zu konzeptualisieren, wird vorgeschlagen, sie aus medien- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive als aktive Nutzerinnen und Gestalter sexuell expliziter Medieninhalte in den Blick zu nehmen.» Dazu entwickelte die Professorin an der Technischen Universität Ilmenau (D) ein Modell mit den Kategorien Medienkunde, Metakommunikation und Selbstreflexion.

Kurz zusammengefasst sollen junge Menschen befähigt werden, pornografische Sujets kritisch einordnen zu können. Sie sollen erkennen, dass es sich um inszenierte Darstellungen von Sexualität handelt. Extrem überdimensionierte Brüste und Penisse transportieren falsche Körperideale und dürfen kein Massstab sein, an dem sich Jugendliche im Wachstum messen oder der sie verunsichert.

Pornokompetenz hilft Kindern und Jugendlichen zudem, verstörende Aufnahmen besser zu verarbeiten und sich bei Fragen vertrauensvoll und angstfrei an ihre Eltern zu wenden. Sie unterstützt die Heranwachsenden ebenso bei ihrer Suche nach sexueller Identität und Selbstbestimmung. Und verdeutlicht, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen – und dass Nein auch immer Nein bedeutet.

Eigenverantwortlichen Umgang finden

Pornokompetenz trägt also dazu bei, dass Kinder und Jugendliche einen eigenverantwortlichen Umgang mit den entsprechenden Medien erlernen. Gewähren wir ihnen bei sexuellen Themen keinen Beistand, werden sie allein im Internet nicht unbedingt die richtigen Antworten finden.

Bei Medienpsychologin Döring geht es neben der kompetenten Bewertung und Nutzung von Pornografie noch um einen weiteren Aspekt: ihre Gestaltung, die über reinen Konsum hinausgeht. Das ist keine Aufforderung, selbst pornografische Inhalte zu produzieren, sondern eine Bezugnahme auf die Realität.

Schliesslich gibt es fast keine Schule, in der nicht Nacktbilder einer Schülerin kursieren. Meist wurden sie im Vertrauen darauf erstellt, dass nur der jeweilige Adressat sie sieht. Gelangen diese Aufnahmen in einen Klassenchat, bringt das nicht nur die Absenderin in schwere Nöte. 

Schwierige Gespräche

Sicher, Gespräche über solche Themen sind nicht einfach. Kindern fällt es auch deshalb schwer, darüber mit ihren Eltern zu reden, weil sie sich nicht als sexuelle Wesen sehen. Wie missverständlich solche Unterredungen verlaufen können, zeigt ein Beispiel aus dem Erziehungsalltag. Etwa, wenn die zwölfjährige Tochter bauchfrei und mit einem sehr kurzen Rock zu einer Party gehen möchte.

Aus der Schutzperspektive der Erwachsenen ist das zu aufreizend. Sie wollen nicht, dass ihrem Kind etwas geschieht. Für die Teenagerin hingegen verhält es sich anders. Für sie ist ihr Outfit völlig normal, schliesslich laufen auch ihre Freundinnen so herum. Begriffe wie «sexy» empfindet sie als völlig deplatziert und sie fühlt sich in ihrem Wunsch, dazuzugehören, delegitimiert. Doch wie können wir Gespräche zu so heiklen Themen wie Sex führen?

Die Sexualpädagogin und Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming rät, «ganz viele Mini-Talks statt das eine Gespräch» zu führen. Sie bietet in ihrem neuen Buch «Aufgeklärt statt aufgeregt» einen sehr empfehlenswerten Einblick in die Thematik. Gleich zu Beginn stellt sie allerdings klar: «Dieses Buch ist kein Wohlfühlbuch, sondern führt Sie in verschiedene unbequeme Ecken des digitalen Alltags von Teenagern, denen wir sonst lieber aus dem Weg gehen.» 

Oeming spricht auch vom Begriff der «Digisexualität», wenn das Internet für Jugendliche zum «sexuellen Erfahrungsraum» wird. Mit seiner thematischen Vielfalt, den vielen Listen, Lesetipps und der Unaufgeregtheit ist das Buch ein exzellenter Einstieg ins Thema.

Buchtipp

Madita Oeming: Aufgeklärt statt ­aufgeregt: Was Eltern brauchen, um ihre Kinder durch die digitale Pubertät zu begleiten. Rowohlt 2026, 240 Seiten, ca. 24 Fr.