«Prävention gelingt nur, wenn alle am gleichen Strick ziehen»
Die Villa Schöpflin in Lörrach (D) ist seit über 20 Jahren ein Zentrum für Sucht- und Präventionsarbeit. Als Einrichtung der Schöpflin-Stiftung entwickelt und realisiert sie seit 2001 Programme zur Stärkung von Kindern, Jugendlichen und deren Familien. Sie engagiert sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.
Nun hat die Villa mit wissenschaftlicher Expertise eine App für Kinder ab etwa zehn Jahren und Jugendliche entwickelt. Sie soll ihnen einen bewussteren Umgang mit dem Smartphone ermöglichen und Konflikte in der Familie entschärfen. Der Name der längst fälligen App: «freii». Präventionsfachmann Daniel Ott ist Projektleiter von «freii» und stellvertretender Leiter der Villa Schöpflin.
Herr Ott, wie entstand die Idee zur Präventions-App «freii»?
In unserer Beratung tauchten immer wieder dieselben Fragen auf: Wann ist es zu viel? Welche Spiele sind okay? Was kann ich überhaupt tun, wenn ich mich ohnmächtig fühle? Uns wurde klar, dass es hier ein Angebot speziell für diese Zielgruppe geben muss. Bis dahin arbeiteten unsere Präventionsprogramme mit haptischen Materialien. Schnell fiel die Entscheidung auf eine softwarebasierte Lösung, weil sich digitale Inhalte besser aktualisieren lassen.
Oft spricht man bei zu starker Nutzung von «Handysucht». Gibt es sie wirklich?
Wir arbeiten mit dem Begriff «Internetnutzungsstörungen». Er fasst verschiedene Formen der Nutzung wie Gaming, Social Media, Streaming, Shopping und Pornografie zusammen und ist hilfreich, weil er gut differenziert. Nicht jeder Jugendliche, der einige Wochen exzessiv spielt, ist deswegen schon süchtig. Gerade wenn ein angesagtes Game erscheint, etwa das neue FC 26, ehemals Fifa, ist ein vorübergehender Hype normal. Uns geht es darum, zwischen riskanter Nutzung und einer tatsächlichen Störung zu unterscheiden. Die Diagnose stellen jedoch Therapeutinnen und Ärzte. Wir selbst geben keine Diagnosen.
freii bietet Impulse für Familien, in denen die Kommunikation nicht immer reibungslos verläuft.
Können Sie die Funktion von «freii» beschreiben?
«freii» ist ein digitales Präventions-Angebot für Kinder, Jugendliche, Eltern, Schulklassen und Lehrkräfte. Es umfasst drei Bereiche. Erstens die App mit dem 21-Tage-Programm. Im Mittelpunkt stehen dabei Selbsttests, die den Nutzerinnen und Nutzern ein persönliches und vertrauliches Feedback geben, das für Dritte nicht einsehbar ist. Zweitens Workshops für Schulklassen. Sie haben einen gemeinsamen Start und einen gemeinsamen Abschluss. Deren Inhalte werden durch qualifizierte Fachkräfte vertieft. Drittens bieten wir einen Youtube-Kanal und Social-Media-Angebote mit niederschwelligen Informationen für Eltern und Jugendliche an. Diese können vollständig unabhängig von der Teilnahme genutzt werden. So werden Wissensaufbau, Reflexion, Kommunikationsimpulse und Alltagsaktivitäten gefördert.
Die App beinhaltet auch Challenges. Was hat es damit auf sich?
Bis auf zwei sind alle Challenges auch ohne Smartphone lösbar. In einer Challenge beispielsweise muss die Familie gemeinsam und spontan Fragen beantworten. Oder sich an einen Tisch setzen, um eine gemeinsame Aktivität zu planen. «freii» bietet hier Impulse für Familien, in denen die Kommunikation nicht immer reibungslos verläuft. Eine weitere Aufgabe besteht darin, lokale Angebote zu finden, bei denen Jugendliche aktiv werden oder sich engagieren können, etwa in Jugendzentren oder Sportvereinen. Die tägliche Nutzungsdauer der App liegt im Schnitt bei drei bis fünf Minuten und ist somit sehr überschaubar. Es wird allerdings nicht kontrolliert, ob die Herausforderungen absolviert werden oder nicht. Wir verstehen dieses Angebot eher als Werkzeugkasten.
Wer sind die Guides, die in Videobotschaften eine zentrale Rolle spielen?
Wir haben ganz bewusst auf Influencer verzichtet, dafür vier junge Menschen ausgewählt, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, studieren oder bei einer Gemeinde angestellt sind. Sie sind in den Videos sehr authentisch und nehmen immer wieder neue Videos auf, in denen sie Fragen aus der Community beantworten. Für Eltern arbeiten wir mit dem deutschen Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen.
Wie kommen die Nutzerinnen und Nutzer zu ihren Ergebnissen?
Am letzten Tag erhalten sie einen Fragebogen mit Vorher-Nachher-Vergleich, eine Familienreflexion sowie Reflexionsvideos der Guides, die regelmässig neu gedreht werden.
In Familien mit erhöhten Kommunikationsproblemen konnte die App signifikante Verbesserungen erzielen.
Wie sieht die Erfolgsquote von «freii» aus?
Eine vom deutschen Gesundheitsministerium geförderte Studie bescheinigte unserer App eine sehr gute Erfolgsquote. 44 Prozent der Schülerinnen und Schüler fühlten sich nach der Nutzung motiviert, ihr Freizeitverhalten zu verändern. Zudem konnten Jugendliche anschliessend deutlich mehr Freizeitangebote nennen. 55 Prozent fühlten sich kompetenter, ihre Freunde bei problematischer Nutzung anzusprechen. Auch die Medienkompetenz nahm zu: Vor unserer App kannten nur 4,4 Prozent den Begriff «Dark Patterns», nach dem Programm waren es über 81 Prozent. Auch «Fomo» und andere medienpsychologische Begriffe wurden deutlich besser verstanden.
Und in der Familie? Schliesslich birgt die Mediennutzung gerade da grosses Konfliktpotenzial.
Auch hier stellten wir fest, dass nach der Nutzung der App 66 Prozent der befragten Jugendlichen ein besseres Verständnis für Familienregeln entwickelten. In Familien mit erhöhten Kommunikationsproblemen konnte «freii» signifikante Verbesserungen erzielen. Dennoch möchte ich betonen: «freii» ist kein Therapieprogramm, sondern dient der Prävention. Wir glauben, dass Prävention in der Familie nur gelingt, wenn Kinder und Eltern gleichermassen angesprochen werden und gemeinsam am gleichen Strick ziehen. Je mehr sie miteinander im Gespräch sind und je besser die Balance zwischen Freizeit und Medien ist, desto wirkungsvoller ist es – denn das Ziel ist, dass Kinder gar nicht erst in eine riskante oder krankhafte Nutzung abrutschen.
Ist die App auch in der Schweiz verfügbar?
Ja, die App-Version ist seit Dezember in den App-Stores verfügbar. Schon früher wurde die Web-App eingeführt, und zwar nach der wissenschaftlichen Bestätigung, dass unsere Kernziele erreicht wurden. Nun arbeiten wir daran, den Einsatz von «freii» an Schulen in der Schweiz zu ermöglichen – einschliesslich der Qualifizierung von Fachkräften. Auch die Frage der sprachlichen Akzeptanz wird dabei berücksichtigt.
Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?
Im Setting Schule ist der Datenschutz sehr wichtig. Sie geben nur einen Benutzernamen und ein Passwort ein. Wir sammeln keine E-Mail-Adressen und keine Telefonnummern.







