Medienabhängigkeit: «Beziehungen sind der stärkste Schutzfaktor»
Frau Walitza, Sie haben zum zweiten Mal die Pro Juventute Jugendstudie wissenschaftlich geleitet. Was stimmt Sie zuversichtlich?
Über 80 Prozent der Jugendlichen geben an, psychisch stabil zu sein. Besonders deutlich zeigt sich dabei die Bedeutung von Beziehungen als Schutzfaktor – und das ist eine für Eltern schöne und wichtige Botschaft: Insbesondere die Familie wirkt sich unterstützend aus.
Das überrascht. Man würde denken, Gleichaltrige seien in diesem Alter wichtiger.
Die Peer-Gruppe ist wichtig. Aber auch die Familie bleibt zentral. Die Mehrheit der Jugendlichen wendet sich bei Problemen zunächst an ihre Eltern.
Das durch Social Media getriebene permanente Sich-Messen mit anderen kann sehr belastend sein.
15 Prozent der Jugendlichen geben an, dass ihr Medienkonsum bereits pathologische Züge hat. Was bedeutet das?
Es fällt den Betroffenen schwer, die Medienzeit zu stoppen. Andere Aktivitäten werden vernachlässigt, es gibt Konflikte mit den Eltern, Schlafstörungen und weitere negative Folgen für die psychische Gesundheit.
Gibt es denn so etwas wie einen Social-Media-Faktor für die psychische Gesundheit?
In gewisser Weise ja. Die ständige Verfügbarkeit von Informationen stresst viele Jugendliche. Das stärkste Risiko bildet jedoch der ständige Vergleich. Dieses permanente Sich-Messen mit anderen kann sehr belastend sein. Doch die Ursache für die Entwicklung von Medienabhängigkeit bleibt multifaktoriell.

Welche Jugendlichen sind besonders gefährdet?
Jugendliche mit geringerem Selbstbewusstsein oder hohen Erwartungen an sich selbst. Der ständige Vergleich und sich permanent optimieren zu wollen, kann dabei zu Essstörungen oder Körperbildstörungen führen.
Neurodivergente Jugendliche, etwa mit ADHS oder im Autismus-Spektrum, sind ebenfalls gefährdet. Sie können sensibler auf Belohnungssysteme reagieren und nutzen digitale Räume oft, um soziale Interaktionen besser kontrollieren zu können – was gleichzeitig auch ein Vorteil sein kann.
Zudem Jugendliche mit Migrationshintergrund. Sie nutzen Social Media öfter als Bewältigungsstrategie in schwierigen Situationen und berichten in unserer Studie öfter von Schwierigkeiten, den Medienkonsum zu begrenzen.
Auch das Alter spielt eine Rolle.
Ja, ab 18 Jahren entwickeln Jugendliche mehr Bewältigungsstrategien als etwa 12- bis 16-Jährige. Das hängt mit der Reifung des Gehirns zusammen, insbesondere mit der Entwicklung der frontalen Hirnareale. Mädchen sind zwar vulnerabler, gleichzeitig sprechen sie eher mit anderen über ihre Probleme. Bei Jungen kann es sein, dass wir gewisse Belastungen weniger gut erfassen, weil sie sich weniger mitteilen. Wir empfehlen den begleiteten Zugang zu Social Media daher erst ab 14 Jahren.
Es braucht politische Massnahmen, um die Plattformbetreiber stärker in die Verantwortung zu nehmen.
Was hilft Jugendlichen im Alltag konkret?
Viel mehr Bewegung zum Beispiel. In unserer Studie hat eine Grosszahl der Mädchen angegeben, dass sie sich kaum oder gar nicht bewegen. Es geht dabei nicht um Leistungssport, sondern um regelmässige Bewegung. Aber auch viel mehr Natur, soziale Interaktion und unverplante Freizeit. Letzteres kommt oft zu kurz. Es geht um echte Erholung und um Hobbys ohne Leistungsdruck.
Die Zahlen zur Mediennutzung von Jugendlichen variieren stark. Wie viel ist denn problematisch?
Drei bis vier Stunden pro Tag sind heute Durchschnitt – auch bei vielen Erwachsenen. Entscheidend ist jedoch weniger die Dauer als die Art der Mediennutzung. Passives Scrollen wirkt sich anders aus als aktives Lesen oder Kommunikation.
Es scheint auch so, dass die Mediennutzung unter der Woche belastender ist als jene am Wochenende. Wenn nach der Schule nahtlos das Smartphone folgt, fehlt es an echter Regeneration.
Wir müssen auch über das Medienverhalten von Erwachsenen diskutieren und überhaupt gesellschaftlich stärker über Schutz sprechen.
Unbedingt! Mir ist das Wort Schutz wichtig. Eltern haben gegenüber den Social-Media-Plattformen nur einen sehr begrenzten Handlungsspielraum. Die eigentlichen Probleme liegen nicht nur bei der Nutzungszeit, sondern bei den Algorithmen. Und diese werden von den Plattformbetreibern gemacht.
Ständige Reize, Likes, Belohnungssysteme oder Promptings können bei einem jugendlichen Gehirn suchtfördernd wirken.
Also nicht die Jugendlichen sind das eigentliche Problem.
Für die entscheidenden Mechanismen sind die Plattformen verantwortlich. Algorithmen sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden – mit Belohnungssystemen wie den Likes und endlosen Feeds die User abhängig zu machen. Deshalb braucht es politische Massnahmen, um diese Unternehmen stärker in die Verantwortung zu nehmen.
Ähnlich wie früher bei den Tabakfirmen. Der Schutz wurde erst wirksam, als Schädlichkeit und Suchtthematik belegt werden konnten. Macht Social Media denn süchtig?
Es gibt Faktoren, die suchtfördernd wirken: ständige Reize, Belohnungssysteme, Likes, Promptings. Besonders bei einem Gehirn, das noch in Entwicklung ist, sind das relevante Mechanismen.
Das Kind digital zu begleiten, überfordert viele Eltern. Ihnen fehlt es an Zeit, Kraft und oft auch am nötigen Know-how.
Es ist herausfordernd, ja. Schutz sollte nicht in soziale Einschränkung oder invasive Überwachung kippen. Letztere wirkt oft kontraproduktiv. Gute Lösungen binden Kinder und Jugendliche ein und lassen Mitbestimmung zu.
Mangelt es in der aktuellen Debatte nicht genau an diesem Mitbestimmungsrecht? Die Eltern- und Grosselterngeneration plädiert vermehrt für Verbote.
Das ist schade, denn Jugendliche können aus eigener Erfahrung sehr genau sagen, was sie brauchen und was für sie hilfreich ist. Deshalb haben wir im europäischen BootStRaP-Projekt zum Beispiel gemeinsam mit Jugendlichen eine Präventions-App entwickelt, die aufzeigt, wenn das Medienverhalten risikoreich wird, und die auch Strategien vermitteln.
Welche Tendenzen beobachten Sie hier bei den Jugendlichen?
Grundsätzlich sehen wir zwei Risikorichtungen: Die eine betrifft Jugendliche, die impulsiv reagieren und schlecht abschalten können. Die andere betrifft jene, die Medien stark zur emotionalen Regulation nutzen. Auch das kann problematisch werden. Wichtig ist, dass wir Jugendlichen dann Alternativen an die Hand geben.
Wenn Sie als Mutter oder als Vater ständig das Gefühl haben, allem hinterherzurennen und kontrollieren zu müssen, dann ist das ein Warnsignal.
Sie wollen digitalen Problemen digital den Garaus machen.
Genau. Die Präventions-App ist eine digitale Tür zu analogen Angeboten. Damit sollen digitale Strategien genutzt werden, um Schutzmechanismen zu etablieren und gleichzeitig die Einflussmöglichkeiten der Plattformen zu begrenzen.
Für Eltern ist es schwierig, mit den technischen Entwicklungen überhaupt mitzuhalten.
Das verstehe ich gut. Momentan schwanken wir zwischen zwei Extremen: auf der einen Seite das Totalverbot, auf der anderen Seite die Vorstellung, Eltern und Lehrpersonen müssten allein die gesamte Medienkompetenz vermitteln.
Der innere Druck, der viele Eltern umtreibt, scheint immer grösser zu werden. Woran liegt das?
Die heutige Elterngeneration hat versucht, sich weiter zu emanzipieren und will vieles besonders gut machen: Beruf, Familie, Partnerschaft, Erziehung. Viele Eltern haben hohe Ansprüche an sich selbst – sie wollen gleichzeitig unterstützen, fördern und Freiraum geben. Das kann auch zu einer Art Perfektionismus führen. Jugendliche sehen und spüren sehr genau, was sich ihre Eltern alles zumuten.
Wie könnten Eltern diesen hohen Ansprüchen entgegenwirken?
Ein wichtiger Punkt ist, den Eltern wieder mehr Vertrauen in sich selbst zu geben. Die Entstigmatisierung psychischer Probleme und psychotherapeutischer Unterstützung ist grundsätzlich sehr positiv.
Eltern sind für ihre Kinder zentrale Vertrauenspersonen. Darauf können Eltern bauen.
Gleichzeitig beobachten wir eine gewisse Verschiebung hin zum professionellen System: Eltern wissen um die Bedeutung der Früherkennung, scheuen sich weniger, externe Hilfe anzufragen und werden von der Schule teilweise auch rasch zu Abklärungen gedrängt.
Wir müssen hier eine neue Balance finden. Was kann man selbst tragen? Was trauen wir Familien zu? Gerade deshalb ist die Botschaft dieser Studie so wichtig: Eltern sind für ihre Kinder zentrale Vertrauenspersonen. Darauf können Eltern bauen.
Wann kippt Schützenwollen in ungesundes Überbehüten?
Das ist ein grosses Thema. Wir leben in einer Zeit sich abwechselnder Krisen, und durch Social Media sehen wir ständig, was alles ausserhalb unserer Kontrolle liegt. Das kann den Wunsch verstärken, wenigstens dort Kontrolle auszuüben, wo es scheinbar möglich ist. Wenn Sie als Mutter oder als Vater ständig das Gefühl haben, allem hinterherzurennen und kontrollieren zu müssen, dann ist das ein Warnsignal. Oft hilft mehr Gelassenheit. Fehler zu machen, gehört dazu.
Eltern brauchen also genauso Unterstützung wie Jugendliche.
Auf jeden Fall. Alles, was wir über Schutz, Austausch und Unterstützung sagen, gilt auch für Eltern. Niemand sollte denken, man sei allein mit diesen Fragen.
Vielleicht fällt uns das in der Schweiz besonders schwer – um Hilfe zu bitten.
Soziale Verbundenheit ist einer der wichtigsten Motoren psychischer Gesundheit. Wir reden viel über mentale Gesundheit, aber soziale Gesundheit ist mindestens genauso zentral. Eltern sollten sich nicht schämen, Hilfe zu holen oder Fragen zu stellen. Statistisch gesehen haben alle Familien irgendwo Herausforderungen. Und alle haben auch etwas beizutragen. Gerade Einelternfamilien muten sich oft sehr viel zu. Dabei gilt der bekannte Satz: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind grosszuziehen.
Grosseltern können viel Entlastung bringen, wenn die Beziehung gut ist.
Der Austausch mit älteren Menschen tut Jugendlichen gut – und umgekehrt. Es gibt schöne generationenübergreifende Projekte, und ich wünsche mir, dass wir das noch viel stärker ausbauen. Einsamkeit ist ein grosser Risikofaktor, auf beiden Seiten. Solche Verbindungen können enorm viel bewirken.
Alles, was echte Verbindung fördert – zu anderen und zu sich selbst – stärkt langfristig die psychische Gesundheit.
Was halten Sie von einem Handyverbot in der Schule?
Das halte ich für durchaus sinnvoll. Viele Jugendliche sagen selbst, dass sie es zunächst blöd fanden, dann aber merkten, dass die Pausen schöner wurden, weil sie wieder mehr miteinander gesprochen haben. Man darf nur nicht glauben, dass ein Handyverbot in der Schule das ganze Problem löst.
Sie setzen in Ihren Kliniken bewusst auf analoge Räume und Erfahrungen.
Ein Weg, den wir alle einschlagen sollten: weg vom ständigen Netz, nicht mit sich allein bleiben, Gemeinschaft pflegen, mehr Natur, mehr echte Erfahrung. Das lässt sich auch empirisch belegen: Alles, was echte Verbindung fördert – zu anderen und zu sich selbst – stärkt langfristig die psychische Gesundheit.









