Der Familienalltag mit ADHS-betroffenen Kindern ist eine Herausforderung. Sozialpädagogin Anita Jung Strub über klare Morgenroutinen ohne Streit, den richtigen Umgang mit Leistungsdruck und warum Eltern für Veränderungen vor allem einen langen Atem brauchen.
Interview: Lena Keller und Majlinda Lecaj

Bild: Maria Manco / Stocksy

Frau Jung Strub, Kinder mit ADHS reissen sich in der Schule oft zusammen – zu Hause entlädt sich die Spannung. Wie gehen Eltern mit Gefühlsausbrüchen am besten um?

Wenn ein Kind gereizt nach Hause kommt, will es nicht angesprochen werden, nicht diskutieren, es will gar nichts. Dann lässt man es am besten zuerst in Ruhe seinen Frust ausleben.

Und wenn Türen knallen?

Auch das gehört dazu – und müssen Eltern aushalten. Schreien und Diskutieren sind in diesem Moment nicht zielführend, denn das Kind hört nicht zu. Wenn es sich beruhigt hat, können Eltern die Situation ansprechen: «Was hat dich frustriert?» oder «Was können wir ändern beim nächsten Mal?».

Kinder mit ADHS hören so viel Negatives über sich, dass man mit einem Lob auch mal übertreiben darf.

Und wenn das Kind noch immer nicht reden will?

Dann sollten die Eltern insistieren und auf einen Austausch bestehen. Sie müssen Strategien entwickeln – das geht oft nur über ein Gespräch.

Aber in manchen Situationen können Mütter und Väter doch nicht abwarten, bis der Zorn verraucht ist. Beispielsweise wenn das tobende Kind sein Geschwister schlägt.

Sie haben recht. Dann ist es unumgänglich, zu intervenieren und Stopp zu sagen. Aber danach ist ein klärendes Gespräch zentral. Generell ist es für diese Kinder wichtig, in anderen Situationen, die gut laufen, etwas Positives zu hören, gelobt zu werden. Sie werden so oft mit negativen Kommentaren konfrontiert, dass man mit seinem Lob ruhig auch mal übertreiben darf: «Hey, super, hast du mir geholfen, den Tisch zu decken!»

ADHS-Expertin Anita Jung Strub
Anita Jung Strub ist Sozialpädagogin und Leiterin der Fach- und Beratungsstelle bei Elpos Nordwestschweiz.

Wie kann man das Kind ausserdem positiv stärken?

Zunächst einmal sollte das Lob differenziert ausfallen und beschreiben, was genau am kindlichen Verhalten positiv auffällt. Also nicht einfach nur «Gut gemacht!», sondern «Gut, hast du heute den Tisch gedeckt». Eltern können ihre Wertschätzung auch durch konkrete Handlungen ausdrücken, beispielsweise indem sie das Lieblingsessen des Kindes kochen.

Lassen Sie uns über die Schule sprechen. Wie können Eltern den Leistungsdruck reduzieren?

Leistungsdruck ist ein grosses Problem. Bei einer ADHS-Abklärung wird auch ein IQ-Test durchgeführt. Wenn das Ergebnis hoch ausfällt, meinen Eltern den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen und das Kind aufs Gymnasium schicken zu müssen. Viele Kinder gehen deswegen nicht gern zur Schule. Wenn die Eltern ihnen dann vermitteln: «Du musst Leistung erbringen!», setzt diese Haltung das Kind nur noch mehr unter Druck.

Mit welchen Folgen?

Kinder, die glauben, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, reagieren mit Frustration, der Selbstwert sinkt immer weiter. Daraus kann sich im schlimmsten Fall eine Depression entwickeln.

Was raten Sie Eltern?

Der Leistungsdruck kann reduziert werden, indem man mit den Lehrpersonen Vereinbarungen trifft. Wurde das Kind abgeklärt, hat es auch Anspruch auf einen sogenannten Nachteilsausgleich. Dieser hilft ihm bis wenigstens zur 9. Klasse, eine an seine Möglichkeiten angepasste Leistung erbringen zu können.

Ein gedankenverlorenes Kind braucht morgens viel Begleitung. Eltern sollten eine Stunde früher aufstehen, um sich bereit zu machen.

Wo können sich Eltern mit anderen betroffenen Eltern austauschen?

Bei der ADHS-Beratungsstelle Elpos gibt es Gesprächsgruppen, in denen sich Mütter und Väter austauschen können. Auf diese Weise lernen sie am meisten über das Störungsbild ADHS/ADS. In Büchern findet man wenig Informationen. Da scheint das Konzept «Betroffene für Betroffene» hilfreicher. Die Eltern verstehen sich und wissen, wovon die anderen Eltern sprechen, wenn diese von ihren Erfahrungen berichten. Sie erkennen die Situation wieder und können so auch anderen weiterhelfen und Strategien mit auf den Weg geben, die ihnen geholfen haben.

Gemeinsame Familienmahlzeiten enden mit einem ADHS-Kind oft im Chaos.

Das ist so. Hyperaktive Kinder fallen in diesem Setting oft durch ihr Stören auf; insbesondere durch ständiges Schwatzen, sodass niemand anderes mehr zu Wort kommt. In einem solchen Fall kann es helfen, wenn man Regeln einführt, auch unkonventionelle. So können Eltern beispielsweise einen Stein auf den Tisch legen: Wer den Stein in der Hand hält, darf reden. Bei den einen klappt diese Methode, bei den anderen nicht. Es ist daher ratsam, verschiedene Sachen auszuprobieren.

Wie unterscheiden sich ADS und ADHS?

  • ADS: Die betroffenen Kinder sind unaufmerksam, aber nicht impulsiv oder hyperaktiv. Sie neigen eher zu Depressionen, da sie ruhiger sind.
  • ADHS: Diese Kinder sind unaufmerksam, impulsiv und hyperaktiv. Sie sind häufig sehr laut und reden mitten im Unterricht. Es kann auch passieren, dass sie aufstehen, wenn es nicht angebracht ist. Diese Kinder haben eine tiefe Impulskontrolle.

Was können Eltern bei Schlafstörungen tun?

Das ist sehr individuell und hängt auch davon ab, ob das Kind ADHS-Medikamente nimmt oder nicht. Grundsätzlich sollten ADHS-betroffene Kinder nach 18 Uhr nicht mehr fernsehen und auch keine anderen digitalen Medien mehr konsumieren. Nur klappt das meistens nicht. Ein Abendritual einzuführen, ist deshalb zentral. Man kann gemeinsam Tee trinken, eine Gutenachtgeschichte vorlesen oder ein Hörbuch zum Einschlafen hören. Das holt die Kinder runter.

Und wenn das alles nichts nützt?

Manche Kinder reagieren gut auf ätherische Öle, mit denen man die Waden massieren kann. Oder man sprüht ein Lavendelspray aufs Kopfkissen. Auch hier ist Geduld gefragt: Man sollte diese Massnahme zwei bis drei Wochen durchziehen und erst dann etwas anderes probieren, wenn es keine Besserung bringt. Natürlich sollen die Kinder bei der Entscheidung miteingebunden werden. Die meisten Kinder mögen es klassisch und schlafen mit Geschichten am besten ein.

Unaufmerksamen Kindern fällt der Start in den Tag schwer. Sie träumen vor sich hin, trödeln – bis Mutter oder Vater der Geduldsfaden reisst. Was hilft?

Eine gute Struktur und Vorbereitung. Und die fängt schon am Vorabend an: Das Kind soll die Kleidung für den nächsten Tag selbst aussuchen und parat legen sowie seine Schulsachen packen. Das stärkt seine Selbstwirksamkeit. Ausserdem sollte die Familie besprechen, wer wann frühstückt. Damit lässt sich ein Streit unter Geschwistern am Morgen vermeiden. Am besten helfen Visualisierungen, indem alles aufgeschrieben oder gezeichnet wird. Diese Vorbereitung am Vorabend reduziert den Stress enorm.

Und dann?

Ein gedankenverlorenes Kind braucht morgens viel Begleitung. Ratsam ist, dass Eltern eine Stunde vor dem Wecken der Kinder aufstehen, um sich bereit zu machen. Danach legen sie alles für das Kind zurecht. Sobald das Kind aufgestanden ist, kann man es begleiten, indem man ihm Anweisungen in der Wir-Form gibt, beispielsweise: «Komm, wir ziehen jetzt den Pullover an» oder «Komm, wir gehen zusammen Zähne putzen».

Anlaufstellen

Das hört sich aufwendig an.

Das mag sein. Aber es geht darum, den eigenen Stress als Vater beziehungsweise Mutter zu reduzieren. Ich mache oft Pläne mit den Eltern und strukturiere ihre Morgenroutine um. Das frühe Aufstehen gehört in 90 Prozent der Fälle als Massnahme dazu. Die Eltern stehen also eine Stunde vorher als Erste auf, machen sich fertig und erinnern das Kind während dieser Stunde im 5- bis 10-Minuten-Takt daran, dass es bald aufstehen muss.

Ich erlebe immer wieder, dass Eltern nach zwei Wochen zu mir kommen und sagen, dass es nichts bringe und sie nur noch mehr Stress hätten. Aber Kinder mit ADHS/ADS brauchen mindestens 20 bis 30 Wiederholungen, bis eine Veränderung fruchtet. Natürlich gibt es auch schnelle Kinder, die nur 10 Wiederholungen benötigen. Aber in den meisten Fällen ist Geduld gefragt.

Und wenn die Eltern selbst ADHS haben?

Falls die Eltern selbst von ADHS betroffen sind, hilft auch ihnen, Struktur einzuführen. Falls der Vater oder die Mutter keine Diagnose hat, kann er oder sie die Morgenroutine übernehmen. Wenn jedoch beide Elternteile betroffen sind, benötigen sie ein Gespräch mit einer Fachperson, die mit ihnen einen Plan erstellt, der für sie funktioniert.

Lena Keller und Majlinda Lecaj haben das Interview mit Anita Jung Strub im Rahmen ihres Logopädie-Studiums an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich geführt.