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Psychologie

Über die Klinik zurück ins Leben

Wenn ein Kind an psychischen Störungen erkrankt, hilft oft nur die Behandlung in einem geschützten Rahmen. Die Clienia Littenheid ist eine Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie kümmert sich um Jugendliche, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren haben. Viola Danner war vier Monate in Littenheid. In dieser Zeit hat sie gelernt, ihre Dämonen zu zähmen. Jetzt ist die 17-Jährige mit ihrer Mutter noch einmal an diesen Ort zurückgekehrt.
Text: Evelin Hartmann
Fotos: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo
Violas Hände zittern, unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her, Haarsträhnen kleben ihr im Gesicht, das Make-up ist verschmiert. Sie ist auf Drogen, betrunken. Ihre Mutter sitzt neben ihr, das Gesicht in die Hände gestützt, den Tränen nah. «So können wir Sie nicht nehmen», sagt die Psychologin, das Aufnahmegespräch bricht sie ab.

Das war am 19. Juni 2014.

Ein Schock, denn: «Was ich damals hatte, war kein Leben mehr», sagt Viola Danner*. Sie haben den Teenager dann doch noch am selben Tag in die Clienia Littenheid aufgenommen, eine Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Littenheid TG.
Idyllisch gelegen am Waldrand, schmiegen sich 22 Bauten in das Littenheider Tal und fügen sich zu einem Klinikkomplex zusammen, in dem Erwachsene, aber auch Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren mit dem gesamten Spektrum psychischer Störungen, wie Depressionen, Psychosen, selbstverletzendes Verhalten oder dem Borderline-Syndrom, behandelt und therapiert werden. Meist Fälle, bei denen jahrelange ambulante Therapien und Behandlungen keinen Erfolg hatten und wo Eltern sich aus Angst und Sorge nicht mehr zu helfen wissen.

Viola ist 12, als die Welt um sie herum in Dunkelheit versinkt. Ein stilles, zurückhaltendes Mädchen, das Probleme hat, aus sich herauszugehen, andere anzusprechen, das lieber in Romane abtaucht, als sich mit Kolleginnen zu treffen.

«Viola ist anders, irgendwie komisch», sagen sie. Aber anders sein geht nicht, wenn man in der Pubertät ist. Viola wird gehänselt, ausgestossen, gemobbt. Dass eine Sozialphobie die Ursache für ihr zurückhaltendes Verhalten war, ahnt damals niemand. Sie hat einfach nur gelitten, sich noch mehr eingeigelt, kaum noch gesprochen, wurde depressiv. Auch ihre Eltern kommen nicht mehr an das Mädchen heran.
«Du bist so lustig, wenn du getrunken hast. Kannst du nicht immer besoffen sein?»
«Mit Viola stimmt etwas nicht», fürchtet ihre Mutter.

«Wie kannst du so was über unsere Tochter sagen!» Manfred Danner* will davon nichts hören.

«Da habe ich an mir selbst gezweifelt», erinnert sich Karin Danner*. Eine Psychologin rät zum Ortswechsel. Die Familie zieht um. An der neuen Schule findet Viola eine Freundin. Aber besser wird es nicht. Nur anders. «Ich habe mich so verhalten, wie es die anderen von mir erwartet haben», sagt sie. Ein Glas Wein, eine Flasche Bier.

«Viola, du bist so lustig, wenn du getrunken hast. Kannst du nicht immer ein bisschen besoffen sein?»
Spendet Trost: Violas Hund Timmi. In den Räumen ihrer Therapiegruppe hat sich der Teenager wohlgefühlt.
Spendet Trost: Violas Hund Timmi. In den Räumen ihrer Therapiegruppe hat sich der Teenager wohlgefühlt.
Sie macht weiter. Party. Absturz. Party. Absturz. In Endlosschleife.

«Dann fing das mit dem Ritzen und Erbrechen an», erinnert sich Karin Danner. Anfangs nur ein Verdacht. Dann mehren sich die Zeichen. Irgendwann übergibt sich das Mädchen vier Mal am Tag. Mit 16 ist Viola ganz unten.

«Frau Danner, kommen Sie schnell, Viola liegt am Boden und bewegt sich nicht mehr.» Die Telefonnummern von Violas Freundinnen hat Karin Danner in ihr Natel gespeichert. Es liegt jede Nacht neben ihrem Kopfkissen.
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Sie schläft kaum noch, sucht Halt bei ihrem Mann.

«Karin, in dem Alter haben wir uns alle ausgetobt, so schlimm ist es doch nicht.» Wenige Wochen später zieht Manfred Danner aus, wegen einer anderen Frau. Mit Violas Verhalten habe das nichts zu tun.

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