Väter in Teilzeit
Familienleben

Väter in Teilzeit

Immer mehr Väter wünschen sich Teilzeitjobs, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Doch oft stecken sie in alten Rollenmustern fest. Und auf dem Arbeitsmarkt herrschen nach wie vor traditionelle Vorstellungen – und ungleiche Löhne.
Text: Adrian Hoffmann 
Bilder: Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo
Der Montag ist der Tag, an dem Alain Mazenauer aus Zürich seinen zweijährigen Sohn schnappt und in den Veloanhänger setzt. Mit dem Mountainbike geht es hinauf auf den Üetliberg, sein Sohn juchzt hinter ihm vor Freude. Später gehen sie in den Supermarkt. Der Kleine schiebt einen Einkaufswagen für Kinder. Bis seine Mutter aus dem Büro nach Hause kommt, steht der Znacht auf dem Tisch.

Für Vater Alain sind die Montage sehr wichtig. An diesen Tagen ist er komplett off von der Arbeit und nur für seinen Sohn da. So hatte er sich das vorgestellt, als er mit der Geburt des Kindes seine Vollzeitstelle um 20 rozent reduzierte. Der Ge­danke kam ihm bereits, während seine Frau schwanger war. Und die fand es von Anfang an sinnvoll, dass auch Papa mehr zu Hause beim Kind ist. Sechs Monate nach der Geburt stieg sie wieder in ihren Job ein, mit einem Pensum von 60 Prozent.
Bei vielen Vätern prallen neue und alte Männlichkeitsideale aufeinander: der fürsorgliche Familienmensch und der leistungsbereite Angestellte.
Obwohl sich eine solche Aufteilung viele Familien in der Schweiz wünschen, setzen sie nur wenige um. Heute immerhin etwas mehr als noch vor zehn Jahren. Teilzeit arbeitende Männer und Väter sind nach einer empirischen Forschung von Wissenschaftlerinnen der Hochschule für Angewandte Psychologie in Olten SO aus dem Jahr 2018 «keine Seltenheit mehr, sondern eine sichtbare Minderheit». Das gilt auch noch drei Jahre später.

Mental Load betrifft Frauen – und Männer

Warum sind Teilzeit arbeitende Väter noch immer in der Minderheit? «Die Gründe sind vielschichtig», sagt Tobias Oberli von der Fachstelle UND in Zürich, die sich für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Wirtschaft und Gesellschaft einsetzt. «Einerseits gibt es finanzielle Überlegungen. Andererseits sind Rollenbilder stark in unseren ­Köpfen verankert.» Viele Männer begreifen sich bewusst oder unbewusst auch heute noch als Ernährer, der zwar präsent sein will im Familienleben, für den an erster Stelle aber berufliche Verpflichtungen stehen. «Gerade Männer, die den Anspruch haben, Ernährer und involvierter Vater zugleich zu sein, haben mit Belastungen zu kämpfen» sagt Tobias Oberli, 44, selbst Vater dreier Kinder im Alter von 5 bis 11 und zu 60 Prozent mit zwei freien Werktagen in der Woche als Berater bei der Fachstelle angestellt. «Mental Load ist kein Geschlechterthema, es betrifft Frau und Mann», sagt er über die psychische Belastung, sich für alle alltäglichen Aufgaben rund um Haushalt und Familie verantwortlich zu fühlen.
Für Führungskräfte wie Alain Mazenauer bedeutet Teilzeit mehr Familienzeit, aber oft auch mehr Stress an den Arbeitstagen.
Für Führungskräfte wie Alain Mazenauer bedeutet Teilzeit mehr Familienzeit, aber oft auch mehr Stress an den Arbeitstagen.
Wie die Untersuchung der Solothurner Hochschule darstellt, prallen bei vielen Vätern alte und neue Männlichkeitsideale aufeinander: der leistungsbereite Angestellte, immer erreichbar und voller Elan, sowie der fürsorgliche Familienmensch. Als «Nischenstrategie» bezeichnen die Soziologinnen jenes Vorgehen von Vätern, im Rahmen von Gleitzeitmodellen neue Zeitfenster für die Familie zu reservieren – ohne Arbeitszeit zu kürzen. Oder sie nutzen Homeoffice, um ver­passte Arbeit am Abend oder Wochenende nachzuholen. Sie sind laut den Wissenschaftlerinnen Väter, die «eine starke emotionale Bindung zum Kind zeigen – ohne das Fürsorgeprimat der Mutter infrage zu stellen».

Die zweite Kategorie Väter reserviert feste Zeitblöcke für die Familie, ­gerne einen bestimmten Wochentag. Das kann, muss aber nicht mit einer Verkürzung der Arbeitszeit verknüpft sein. Nach Erfahrung von Tobias Oberli sind unter den nicht-traditionellen Familienmodellen diejenigen «mit einem Papi-Tag» am verbreitetsten. An diesen Tagen verbringen die Kinder mit Papi exklusiv Zeit, die Mütter sind abwesend.
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Als Führungskraft in Teilzeit ein Präzedenzfall

«Meine Frau wollte selbst bald wieder zurück in den Beruf», erklärt Alain Mazenauer seine Familien­situation. Finanzielle Gründe hätten bei ihren Überlegungen keine Rolle gespielt. Im Vordergrund stehe für sie der Ausgleich zur Kinderbetreuung. Arbeiten im Haushalt erledige er an seinem Papi-Tag ebenfalls, an den anderen Tagen bleiben diese grösstenteils an seiner Frau hängen.
 
Alain Mazenauer ist studierter Maschinenbauingenieur und Abteilungsleiter bei einem globalen Industrieunternehmen in Baden – also eine Führungskraft in Teilzeit. «Ich denke, ich habe damit einen Präzedenzfall bei mir in der Firma geschaffen», sagt der 40-Jährige. Er sei die erste männliche Führungskraft in Teilzeit gewesen. Es gebe zunehmend Arbeitskollegen, die das ähnlich wollen, und bei ihnen im Unternehmen würden inzwischen viele Stellen optional als 80-ProzentStellen ausgeschrieben.

Mazenauer gestand seinem Vorgesetzten im Halbjahresgespräch seinen Wunsch. Vorab waren ihm viele Gedanken durch den Kopf gegangen. «Ich hatte Angst vor dem Gespräch», erinnert sich Alain Mazenauer, «doch dann war ich positiv überrascht.» Sein Vorgesetzter, selbst Vater, stimmte unmittelbar zu. «Er meinte, er hätte es auch gerne so gemacht und sich mehr Zeit für seine Tochter genommen.» Das Arbeitspensum reduzieren und dann stressfrei Familienzeit genies­sen? So einfach ist es leider nicht.

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