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Elternbildung

Frau Cina, warum streiten wir mit denen, die wir lieben?

Täglich mit dem Teenager streiten? Das ist normal, beruhigt Psychotherapeutin Annette Cina. Warum streiten wichtig ist und wann man alle Fünfe gerade sein lassen kann, erzählt sie uns im Interview.
Interview: Sandra Casalini
Bilder: Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo

Frau Cina, wie entsteht ein Konflikt?

Wenn Menschen aufeinandertreffen, die andere Ansichten, Absichten, Vorstellungen und Ziele haben, entstehen Konflikte. Dabei spielen auch andere Einflüsse eine Rolle, zum Beispiel wie es einem grundsätzlich gerade geht, ob man gestresst ist oder eher gelassen. Ein Konflikt geht meist mit dem Gefühl einher, überhört und übergangen zu werden. Dabei ist das eigentliche Thema der Diskussion oft gar nicht so relevant wie dieses Grundgefühl.

Warum geraten wir gerade mit denen, die wir lieben, am häufigsten in Konflikt?

Familienmitglieder, mit denen wir zusammenleben, sind tagtäglich da, mit all ihren Launen, Erlebnissen, Emotionen, Wünschen und Ansprüchen. Innerhalb der Familie traut man sich eher, Konflikte anzusprechen, und meist hat man auch höhere Ansprüche als an andere. 
 «Innerhalb der Familie traut man sich eher, Konflikte anzusprechen»

Sind Konflikte zwischen Eltern und Kindern besonders schwierig? Wegen des Machtgefälles?

Ja und nein. Im Gegensatz zu Konflikten unter Erwachsenen haben Eltern bei Streitereien mit ihren Kindern die Macht, sie zu beenden, indem sie einfach entscheiden. Sie haben aber auch die Pflicht, Konflikte mit ihren Kindern auszutragen, und dabei müssen sie nicht jedem Wunsch der Kinder entsprechen. Handfeste Streite mit Kritik, Abfuhren und harten Strafen müssen aber nicht sein. 

Geht denn Erziehung ohne Strafen und Belohnung?

Nein, Erziehung ohne Strafen gibt es nicht. Kinder müssen gewisse Regeln der Gesellschaft lernen, Kompromisse schliessen, den Umgang mit Frust lernen. Gerade kleineren Kindern kann man nicht alles erklären. Sie lernen vieles durch die Erfahrung, wie auf ihr Verhalten reagiert wird. Es ist eine Illusion, zu denken, dass Kinder sich ausschliesslich aus sich selbst entwickeln. Sie brauchen und möchten ein Feedback. Ich bin ganz klar dafür, dass man einem Kind zeigt, wenn es etwas gut ge­macht hat. Wie beispielsweise durch ein ehrlich gemeintes Lob. Umgekehrt soll Fehlverhalten Konsequenzen haben. Diese dürfen aber nicht so stark sein, dass das Kind nicht die Chance erhält, es nochmals zu versuchen und selbst lernen zu können. 
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Können Sie ein Beispiel nennen?

Wenn ein Kind sich weigert, den Computer auszuschalten, ist die logische Konsequenz, dass seine Zeit am Computer für eine Weile gestrichen wird. Danach soll das Kind aber wieder an das Gerät dürfen und die Gelegenheit erhalten, zu lernen, den Computer selbst abzustellen, wenn die ausgemachte Zeit abgelaufen ist. 

Worauf sollten Eltern im Streit mit ihren Kindern besonders achten?

Beide Parteien müssen die Möglichkeit haben, ihre Empfindungen mitzuteilen. Es geht nämlich oft nicht um reine Tatsachen – ob man nun eine halbe Stunde mehr oder weniger am Handy spielt, ist irrelevant –, sondern um Ängste und Empfindungen. Da haben die Eltern auch die Pflicht, die Kinder miteinzubeziehen, nachzufragen, was ihre Be­weggründe sind. Kinder haben ein sehr starkes Ungerechtigkeitsempfinden und fühlen sich oft unverstanden. Da muss man Kompromisse suchen.
Eltern sollten auch nicht versuchen alles durchzudiskutieren. Was soll schon passieren, wenn das Kind die falschen Schuhe trägt? Das es friert, merkt es doch selber.
Eltern sollten auch nicht versuchen alles durchzudiskutieren. Was soll schon passieren, wenn das Kind die falschen Schuhe trägt? Das es friert, merkt es doch selber.

Führt das nicht zu stundenlangen Diskussionen?

Grundsätzlich sollten Diskussionen nicht ewig dauern. Das frustriert und oft werden dieselben Argumente wieder und wieder ins Spiel ge­­bracht. Wenn man zu keinem Kompromiss kommt, darf man als Mutter oder Vater nochmals darüber nachdenken und dann einen begründeten Entscheid fällen – auch wenn der nicht im Sinn des Kindes ist. Das Kind sollte jedoch verstehen, warum die Eltern diesen Entscheid fällen. Grundsätzlich gilt: Entscheidungen dürfen auch revidiert und angepasst werden, wenn sich die Sachlage ändert. 

Wie oft Streit in der Familie ist normal?

Das ist sehr unterschiedlich und kommt auch auf die Temperamente der Familienmitglieder an.

Ist es also auch normal, wenn es täglich kracht?

In gewissen Phasen schon. Gerade bei Teenagern.

Hat Streit auch positive Aspekte?

Absolut. Kinder – und Eltern auch – lernen, verschiedene Ansichten zu akzeptieren und Kompromisse zu finden. Und aus der Paar-Forschung weiss man, dass Beziehungen, die Krisen überstanden haben und in denen Konflikte gelöst worden sind, besonders stabil sind. 
«Mit Teenagern ist es auch normal, wenn es täglich kracht!»

Verhindert eine möglichst autoritäre Erziehung Konflikte?

Nein. Autoritäre Erziehung bedeutet, dass die Kinder nicht miteinbezogen werden. Das ermöglicht keinen Austausch. Starre Regeln und Verbote führen dazu, dass Kinder Dinge heimlich und ohne elterliche Begleitung ausprobieren. Konflikte werden nicht ausgetragen. Kinder lernen verborgene Strategien. 

Wie sieht es umgekehrt bei einer antiautoritären Erziehung aus?

Das würde im Extremfall heissen, dass die Kinder entscheiden. Aber Kinder müssen und wollen Grenzen spüren. Sie brauchen Reibung und ein Vis-a-vis, das sich mit ihnen auseinandersetzt. Sie sollen ernst ge­nommen werden, müssen aber lernen, andere auch ernst zu nehmen.

Sollen Konflikte immer aktiv gelöst werden? Oder kommt es vor, dass sie sich von selbst auflösen?

Man muss nicht jede Kleinigkeit von A bis Z durchdiskutieren und darüber streiten. Ich rate zu mehr Gelassenheit: Was kann schon passieren, wenn das Kind im Winter in Turnschuhen in die Schule geht? Es wird selbst merken, dass es kalte Füsse kriegt. 

Zur Person:

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Annette Cina, Dr. phil., ist Oberassistentin am Institut für Familienforschung der Universität Freiburg. Sie forscht in den Bereichen Prävention von kindlichen Verhaltungsstörungen, Kindererziehung und Elternberatung, Stress und Coping, Evaluation von Präventionsprogrammen sowie Scheidung.

Weiterlesen:

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers über Streit und Konflikte im Magazin 3/März 2017. Bestellen Sie das Magazin hier.

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