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Medienerziehung

Wie helfen Eltern der Generation Smartphone?

Damit Medien Spass machen und nicht zur Gefahr werden, braucht es grosse Medienkompetenz – und zwar besonders der Eltern. Das ist anstrengend, trägt aber zu einer guten Eltern-Kind-Beziehung bei.
Text: Bianca Fritz
Fotos:
Stephan Rappo/ 13Photo
Giorgio Macaluso ist ein gemütlicher, grauhaariger Herr, der im Normalfall zu der Wölbung in seiner Körpermitte steht. «Ein Mann ohne Bauch ist wie ein Haus ohne Balkon», heisst es schon auf seiner Facebook-Pinnwand. Jetzt gerade nennt sich der Mann mit Brille und Schnauz allerdings «evi16». Unter diesem Namen loggt er sich im Chatportal Chatmania.ch ein. Sofort poppen mehrere Chatfenster gleichzeitig auf. Personen mit männlichen Spitznamen schreiben der jungen Evi. «Wie geht’s?», «Bisch wirklich so jung?», «Stohsch uf ä chli Älteri?», «Bi scho 32 – schlimm?», «Bisch ufgschlosse?» Macaluso gibt sich Mühe, überall rasch zu antworten. Er behauptet, er sei offen, blond, blauäugig und schlank.
Viele Eltern fühlen sich überfordert mit dem, was ihre Kinder heute mit den Medien tun. 
Was die User am anderen Ende nicht wissen: «evi16» entspricht nicht nur äusserlich nicht ihrem Traumbild. Der Chat, den sie hier führen, ist auch nicht privat. Die Worte der Nutzer werden an eine Leinwand projiziert. Rund 60 Eltern sitzen im Oberstufenzentrum der Schule Wattenwil und sehen zu.

Viele lachen lauthals, was der Kursleiter mit seiner lockeren Art noch befeuert: «Bin ich aufgeschlossen? Was würdet ihr sagen? Ja, ich bin schon ein offener Typ, oder? Also schreib ich mal ‹ja›.» Doch das Lachen wird immer wieder von einem Raunen unterbrochen. Denn die User im Chat kommen schnell zur Sache. Es dauert keine fünf Minuten, bis der Erste fragt: «Hesch grossi Brüscht?» In diesem Moment bricht der Medienkursleiter Macaluso den Live-Chat ab. «Und wie wollen Sie nun künftig reagieren, wenn Ihre Tochter sagt: ‹Ich will jemanden treffen, den ich im Internet kennen gelernt habe›?» Im Saal herrscht betroffenes Schweigen.

Online-Dossier Medienkonsum

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Dieser Artikel gehört zu unserem Online-Dossier zum Thema Medienkonsum. Erfahren Sie mehr darüber, worauf Eltern bei der Medienerziehung achten müssen und informieren Sie sich zu den aktuellsten Erkenntnissen.

Viele Eltern fühlen sich überfordert mit dem, was ihre Kinder heute mit den Medien tun. Fast jeden Tag erzählen die Sprösslinge von einer neuen App, einem neuen Game, oder sie wollen sich bei einem coolen sozialen Netzwerk anmelden. Die Fragen ob, wann, wie lange und wofür Kinder Medien nutzen sollen, sorgen dafür, dass Medienpädagogen gefragte Leute sind.

Angebote wie Kurse, Broschüren und Webseiten zum Thema schiessen wie Pilze aus dem Boden. Die Zahl der Ratschläge und Regeln wächst mit der Zahl der Möglichkeiten, die neue Medien mitbringen. Und nicht selten widersprechen sich die Experten, was Eltern zusätzlich verwirrt. Auf der Webseite des nationalen Medienkompetenz-Programms «Jugend und Medien» sind aktuell mehr als 500 Beratungsangebote in der Schweiz aufgelistet. Allein die Medienkurse der Swisscom werden Jahr für Jahr von rund 6500 Eltern und Lehrpersonen besucht.

«Manchmal finde ich erschreckend, auf was ich alles achten soll», sagt Manfred Nafzger, ein Vater, beim Medienkurs der Swisscom in Wattenwil. «Ich befürchte, dass man irgendwann sein Bauchgefühl nicht mehr hört.» Andere Eltern saugen dankbar jeden Tipp auf – und geben ihn weiter. «Dass man eine halbe Stunde vor und nach den Hausaufgaben nicht an den Bildschirm sollte, habe ich meiner Tochter oft gesagt. Aber geglaubt hat sie mir erst, als es in der Zeitung stand», erzählt die Mutter einer 13-Jährigen aus Lengenbühl. Ein älterer Vater in den hinteren Reihen sagt, dass es ihm nicht schwerfalle, ein gutes Vorbild zu sein – er sei ja ein bekennender Handy-Abstinenzler.

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