Fabian Grolimund: Wenn Väter präsent sind, gewinnen alle
Elternbildung

Wenn Väter präsent sind, gewinnen alle

Noch immer gelten die Mütter als die engsten und wichtigsten Bezugspersonen ihrer Kinder. Dabei sind die Väter genauso fähig. Sie müssen aber selber aktiv werden.
Text: Fabian Grolimund
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Mein bester Freund – ein begeisterter, vielbeschäftigter Anwalt in einer grossen Wirtschaftskanzlei – sagte mir vor zwei Jahren: «Als Partner in einem Anwaltsbüro kannst du nicht Teilzeit arbeiten.»

Als er mir ein Jahr später verkündete, dass seine Frau schwanger sei, wollte ich sofort wissen, wie sie sich als Eltern organisieren werden. Mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit meinte er: «Ich habe mein Pensum auf 80 Prozent reduziert. Bis das Kind da ist, arbeite ich weiterhin 100 Prozent, damit ich nach dem Mutterschaftsurlaub drei Monate ganz zu Hause bleiben kann.» 
Die Rolle als Hilfskraft ist für uns Väter unattraktiv. Wenn schon, wollen wir es richtig machen.
Ein paar Monate später sitzt er mir mit seinem kleinen Sohn am Wohnzimmertisch gegenüber. Fläschchen geben, Windeln wechseln, beruhigen – das kann mein Freund alles und wirkt dabei ausgeglichen und tiefenentspannt. 
Ich habe mich sehr darüber gefreut – für seinen Sohn und für ihn.

Es ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, dass Männer als Väter präsent sind und in diese Rolle hineinwachsen können. Rasch fühlt man sich beruflich abgehängt, trifft auf Hindernisse wie verständnislose Vorgesetzte oder wird je nach Umfeld von Kollegen belächelt. Vielen Männern fehlt zudem ein Vorbild: Sie selbst haben ihren Vater vielleicht als Ernährer der Familie kennengelernt, der sich am Sonntag für die Kinder Zeit nahm, aber von ihren alltäglichen Freuden, Sorgen und Nöten wenig mitbekam.

Das Kind lernt: Auf Papa ist Verlass

Auch in Erziehungsratgebern wird den Vätern oft nur ein Kapitel gewidmet, wobei meist aufgezeigt wird, wie sie ihre Partnerin am besten entlasten können. Diese Rolle als Assistent oder Hilfskraft ist für uns Männer aber gänzlich unattraktiv. Wenn schon, dann wollen wir es richtig machen und die volle Verantwortung übernehmen. Dabei ist uns wichtig, dass unsere Partnerin anerkennt, dass wir vieles zwar anders, aber genauso gut machen.

Letzteres ist keine Selbstverständlichkeit. Noch immer hält sich hartnäckig die Überzeugung, dass die Mutter die wichtigere Bindungsperson ist, die von Natur aus und zeitlebens enger mit dem Kind verbunden ist, seine Bedürfnisse besser wahrnehmen kann und feinfühliger darauf reagiert. Aus dieser Überzeugung heraus ergibt sich in vielen Familien die ungeschriebene Regel, dass gerade in Situationen, die besonders bindungsrelevant sind, die Mutter gefragt ist.
 
Kürzlich schrieb eine Mutter in einer Facebook-Gruppe, dass sie vom Arbeitgeber nur zehn Tage im Jahr frei bekommt, um bei Krankheit für das Kind da zu sein – und wie unmöglich sie dies finde. Auf meinen Kommentar, dass ihr Mann ja auch nochmals zehn Tage zu Hause bleiben könnte, bekam ich einige bitterböse Kommentare, viele davon in Richtung: «Wenn das Kind krank ist, will es die Mutter!»

Das mag stimmen: Wenn bisher immer die Mutter für das kranke Kind da war, wird es auch nach ihr verlangen. Bleibt plötzlich der Papa zu Hause, hat er am ersten Tag vielleicht einen schweren Stand. Aber es sind genau diese Momente, in denen sich die Bindung verstärkt, in denen Kind und Vater dazulernen können. Das Kind merkt: Auf Papa ist Verlass, der ist da, wenn es mir nicht gut geht, der lässt alles stehen und liegen und kümmert sich um mich. Der Vater lernt: Ich kann meine anfängliche Unsicherheit aushalten, mein Kind alleine beruhigen, herausfinden, was zu tun ist. Mit jedem Mal wird es einfacher und vielleicht freut sich das Kind beim zweiten Mal bereits, wenn der Papa zu Hause bleibt. 

Es ist wunderbar, wenn Väter mit ihren Kindern spielen, durch den Wald streifen, rangeln und toben und das eine oder andere ernste Wort sprechen. Aber die schwierigen Momente gemeinsam mit dem Kind auszuhalten, mit ihm die Nacht im Spital zu verbringen, es zum Zahnarzt zu begleiten, wenn es Angst hat, daheim zu bleiben, wenn es krank ist, schafft nochmals eine ganz andere Nähe, Vertrautheit und Bindungssicherheit.
 
Diesen Platz müssen wir Väter uns manchmal erobern, indem wir mit genügend Selbstvertrauen eigenen Unsicherheiten, den Kommentaren unserer Partnerin und gut gemeinten Hilfsangeboten unserer eigenen Mutter und Schwiegermutter entgegentreten und sagen: «Jetzt übernehme ich – das Kind und ich machen das schon!»

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4 Kommentare

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Von Laura am 03.07.2021 14:21

"Die Rolle als Hilfskraft ist für uns Väter unattraktiv. Wenn schon, wollen wir es richtig machen."

Klar Männer sind zu besserem berufen..

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Von Nicole am 25.06.2021 15:13

Lieber Herr Grolimund
Sie schreiben mir aus der Seele. Genau diesen Mut und diese Bereitschaft der Väter braucht es für eine ausgeglichene Eltern-Kind-Beziehung und Chancengleichheit für alle Arbeitnehmenden.
Herzlichen Dank für Ihre Worte.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Veronika am 25.06.2021 13:37

Sie haben absolut recht.
Kinder profitieren davon wenn sie nicht nur die Mutter als Bezugsperson haben, denn es könnte auch mal sein, dass diese ins Spital muss oder sonst abwesend ist.
Und dann sind andere Bezugsperson zu denen das Kind eine vertrauensvolle Beziehung hat Gold wert.

Leider gibt es auch Elternteil welche diese Verantwortung nicht übernehmen können (Krankheit etc.) oder wollen.
Wenn ein Vorschulkind bereits von sich aus sagt, dass es sich auf ein Elternteil nicht Verlassen kann, ist das sehr traurig.
Doch das heisst noch lange nicht, dass dann das andere Elternteil die einzige Bezugsperson sein soll/muss.

Das Afrikanische Sprichwort sagt: es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind gross zu ziehen.

Und dem Sinne: Der Radius der Bezugsperson kann erweitert werden, auf Grosselten, Onkel, Tanten, Paten, Erwachsene aus dem Umfeld.

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Von Petra am 13.05.2021 14:14

Lieber Herr Grolimund, ich kann Ihren Text / Ihre Meinung nur bestätigen. Mein Mann war mit der Geburt unserer Tochter auf 80% heruntergegangen (zum Glück ging das mit seinem Arbeitgeber) und hatte einen Tag pro Woche seinen Papi-Tag. Zeitweise hatte er sogar auf 60% reduziert, weil ich ein 100%-Pensum hatte.
Ich merke deutlich, wie gut das für die Entwicklung unserer Tochter war. Heute ist meine Tochter 18 Jahre alt und ich merke immer, wie gut ihr (Selbst-)Vertrauen und ihre Beziehung zum Vater ist. Sie ruft ihn zum Beispiel auf der Arbeit an, wenn sie "in Nöten" ist und mein Mann blieb auch im Homeoffice, als sie coronabedingt im Homeschooling bleiben musste.
Ich denke, dass Vorbilder einerseits wichtig sind (mein Schwiegervater war mittags immer zu Hause und hat gekocht, als mein Mann selber ein Kind war) und andererseits, dass es für die Mütter vom Arbeitgeber Möglichkeiten gibt, beruflich weiterhin tätig zu sein / befriedigende Möglichkeiten im Beruf behalten.
Wichtig ist aber auch das Umfeld: Wir wohnten anfangs in einem Dorf, wo es unterschiedliche Reaktionen gab, wenn mein Mann wochentags auf dem Spielplatz alleine mit unserer Tochter war oder alleine den Kinderwagen schob.
Ich glaube, dass sich heute zum Glück schon vieles verbessert hat und hoffe, dass immer mehr Eltern die Chance bekommen / wahrnehmen können, die Eltern- und Hausarbeit gemeinsam zu übernehmen.

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