Redaktionsblog

Wie ist es, wenn der Sohn flügge wird?

In unserer Serie «Wir fragen uns ...» stellen wir von Fritz+Fränzi uns gegenseitig Fragen aus dem grossen Familienuniversum. Auf die Frage von Online-Leiterin Bianca Fritz antwortet Sales-Managerin Jacqueline Zygmont.
aufgezeichnet von Florina Schwander
Bild: Pixabay / zVg
«Liebe Jacquline, dein Sohn (20) wird langsam flügge. Wie fühlt sich das an für dich? Wie gelingt dir das Loslassen?» 
Bianca Fritz, Leitung Online-Redaktion
«Ich habe das Loslassen auf die harte Tour gelernt. Vor gut einem Jahr ging Noah im Rahmen der Journalistenschule drei Monate nach Berlin. Er war von einem Tag auf den anderen weg. Komplett! Da habe ich das so richtig gemerkt, dass er jetzt erwachsen ist, und ich habe echt gelitten.

Klar, das Loslassen an sich ging schon früher los. Wenn man merkt, dass die Kinder nicht mehr so auf einen angewiesen sind als Eltern, dass sie auch mal weg sind. Noah war immer mal wieder bei seinem Vater, wir haben uns früh getrennt. Dann kamen Hobbys, das erste Lager in der Schule, und so weiter. An seinem letzten Schultag habe ich geweint. Es war klar, jetzt ist wieder ein Abschnitt zu Ende. Dann kam der Lehrabschluss, das war auch wieder ein Cut, er hatte jetzt eine Ausbildung, konnte für sich selber sorgen.

Noah und ich waren uns immer sehr nahe, ich habe ihn alleine gross gezogen, er hat keine Geschwister und sein Vater lebte zeitweise im Ausland. Vielleicht war es deshalb für mich um so härter, als er dann weg war diese drei Monaten in Berlin. Plötzlich hatte ich niemanden mehr! Noah hat mir extrem gefehlt.

Trotzdem hatte es für mich auch eine positive Seite. Durch das Loslassen und die Distanz fühlte ich mich plötzlich frei. Plötzlich stand wieder ich selber im Zentrum und ich musste auf niemanden mehr Rücksicht nehmen oder mich anpassen. Als käme das frühere Leben ohne Kind wieder zurück. 

Wir hatten immer einen guten Austausch, hatten unsere Rituale, haben oft zusammen gekocht, diskutiert, fern gesehen. War der Drucker kaputt, konnte ich Noah fragen. Wusste ich bei Instagram nicht weiter, half er mir. Er brachte eine jugendliche Frische in mein Leben, die von einem Tag auf den anderen weg war. 
Jacqueline und Noah bei einem gemeinsamen Brunch in Zürich
Jacqueline und Noah bei einem gemeinsamen Brunch in Zürich
Aktuell ist das Loslassen auch gerade wieder sehr Thema bei mir, Noah ist seit ein paar Monaten im Militär und ich sehe ihn kaum noch. Wenn er am Wochenende Ausgang hat, geht er zu seiner Freundin, die eine eigene Wohnung hat. Seit Beginn der Rekrutenschule hat er nie mehr in seinem Zimmer übernachtet, er war immer bei ihr. Nicht mal seine Wäsche bringt er mir, die macht er selber bei seiner Freundin. Wenn ich ihn also sehen möchte, dann muss ich ihn und seine Freundin ganz offiziell zum Essen einladen.

Neidisch bin ich manchmal auf Freundinnen von mir, die mehrere Kinder haben, von denen immer noch eines oder sogar mehrere zu Hause sind oder zumindest mit in die Ferien kommen. Zu gerne erinnere ich mich an gemeinsame Ferien mit Noah zurück, wir hatten es immer gut zusammen.

Einige Kinder meiner Freundinnen sind noch im Gymnasium oder an der Uni und mehr die elterliche Unterstützung angewiesen als mein Sohn. Er ist nach zwei Ausbildungen im Berufsleben angekommen und so auch finanziell nicht mehr von mir abhängig. Das macht mich extrem stolz auf meinen Sohn. 
Nicht mal seine Wäsche bringt er mir, die macht er selber bei seiner Freundin. 
Kürzlich hatten Noah und ich Streit. Ich warf ihm vor, dass er nie mehr zu Hause sei und ich ihn noch nicht einmal in Uniform gesehen habe. So wollte ich ihn auch nicht besuchen gehen am Angehörigen-Tag im Militär. Er gab zurück, dass mein Getrotze nichts bringe und er an seinen drei freien Tagen einfach seine Ruhe wolle. Er habe das Gefühl, jeder wolle etwas von ihm.

Mir fehlt nicht nur Noah, sondern auch die sozialen Kontakte, die ein Kind so mit sich bringt. An diesem Angehörigen-Besuchstag, wo ich dann natürlich trotzdem war, habe ich mir gedacht, dass ist wohl jetzt der letzte Tag, wo ich über mein Kind in Kontakt mit anderen Leuten komme. Gut, dann vielleicht bei seiner Hochzeit wieder.

Ich freue mich, wenn das Militär vorbei ist. Allerdings habe ich keine grosse Hoffnung, dass Noah wieder so richtig bei mir lebt. Er hat schon angekündigt, dass er seine eigene Wohnung haben wolle in der Stadt. Eigentlich ist das ja auch gut so. Ich selber liebe meine Freiheit und habe diese Liebe wohl auch weitergegeben, Noah ist kein Muttersöhnchen. Aber so von null auf hundert komplett weg, zuerst in Berlin und jetzt im Militär, das ist schon nicht einfach für mich. Nichts mehr machen zu können für ihn, ihn im wahrsten Sinne des Wortes gehen zu lassen, das war schmerzhafter für mich als gedacht.

Aber es gehört dazu. Man lernt ja vieles als Eltern. Das Loslassen ist für mich die letzte Stufe in meinen Lernprozess als Mutter. Gleichzeitig weiss ich, wenn ich ihn aus irgendeinem Grund brauchen würde, oder es mir schlecht ginge, er käme sofort. Und ich bei ihm natürlich ebenso. Ich bleibe eben doch 'ds Mami'. Und wir lieben uns gegenseitig bedingungslos – für immer!»

Die nächste Frage geht an Sales-Managerin Corina Sarasin:

«Liebe Corina, wie bist du als Gotti? Was bedeutet dir diese Rolle und wie ist die Beziehung zu deinen drei Gottenkindern?» 
Jacqueline Zygmont, Sales-Managerin

Die Antwort erscheint in zwei Wochen ... 

Bisher erschienen in der Rubrik «Wir fragen uns»:



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