Frau Villiger, welche Rolle spielt das betriebliche Umfeld bei der Wahl einer Lehrstelle?
Eine sehr grosse. Machen Jugendliche in einer Schnupperlehre negative Erfahrungen – etwa wenn sie allein gelassen werden oder nur zuschauen dürfen –, streichen sie den Beruf oft direkt von ihrer Liste. Im besten Fall schnuppern sie nochmals in einem anderen Betrieb und erhalten einen zweiten Eindruck. Das Umfeld ist aber nicht nur für die Berufswahl entscheidend, sondern auch dafür, ob Jugendliche eine Lehre erfolgreich durchziehen.
Jugendliche sollen bei der Ausbildung erleben, dass sie etwas bewirken können.
Was verstehen Sie unter einem «guten Umfeld» in einem Ausbildungsbetrieb?
Jugendliche wertschätzen und ernst nehmen ist zentral. Das ist vor allem eine Frage der inneren Haltung. Wird jungen Menschen das Gefühl vermittelt, dass sie wichtig für den Betrieb sind, bleiben sie motiviert. Dazu gehören Ansprechpersonen und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und aus Fehlern zu lernen. Jugendliche sollen erleben, dass sie etwas bewirken können. Das stärkt ihre Selbstwirksamkeitserwartung und Lernbereitschaft.

Wie stark beeinflusst das Arbeitsklima die Entscheidung im Vergleich zum Lohn oder Arbeitsweg?
Die Berufswahl hängt immer von mehreren Faktoren ab: Arbeitsinhalt, Arbeitsumfeld, Lohn, Arbeitsweg oder auch die Meinung der Peergruppe. Entscheidend ist meist das Zusammenspiel dieser Elemente. Geht es jedoch um Lehrabbrüche, steht neben der Leistung in der Berufsschule oft das Arbeitsklima im Zentrum. Auch Erwachsene arbeiten lieber dort, wo sie sich wohlfühlen.
Welche Aspekte im Betrieb sind während der Lehre besonders entscheidend?
Natürlich braucht es Fachpersonen, von deren Expertise die Lernenden profitieren können. Ebenso wichtig ist eine aktive Fehlerkultur. Gerade zu Beginn hilft es Jugendlichen enorm, wenn Unsicherheiten offen angesprochen werden dürfen. Wertvoll ist zudem, wenn im Betrieb unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen und diese einen wertschätzenden Umgang miteinander pflegen. Lernende sollten sagen können, wie es ihnen geht, und lernen, Feedback zu geben und anzunehmen. So können sie ihre Kompetenzen einschätzen lernen.
Welche Rolle spielen Berufsbildnerinnen und Berufsbildner in diesem Zusammenhang?
Berufsbildende müssen erreichbar und ansprechbar sein. Idealerweise entsteht ein Vertrauensverhältnis, das über rein Fachliches hinausgeht. Regelmässige Austauschgefässe geben Halt: Hier können Lernfortschritte reflektiert werden und die Jugendlichen erfahren, dass jemand Interesse an ihnen und ihrem Befinden zeigt. Berufsbildende sorgen zudem dafür, dass Inhalte aus der Berufsschule auch im Betrieb umgesetzt werden können. Diese Rolle ist deshalb zentral. Wer viel in die Berufsbildung der Lernenden investiert, leistet einen wichtigen Beitrag zum erfolgreichen Absolvieren einer Berufslehre.
Warum ist ein unterstützendes Umfeld gerade für Jugendliche so wichtig?
In der Jugendphase müssen Jugendliche viele Entwicklungsaufgaben gleichzeitig bewältigen. Sie entwickeln eine Vorstellung von Beziehungen, die sie führen möchten, müssen körperliche Veränderungen akzeptieren und den Umgang damit lernen wie auch ihren Platz in der Gesellschaft finden. Die Berufswahl ist eine von vielen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter. Fragen wir in unseren Kursen die Eltern, welches Verhalten des Kindes ihnen zu Hause auffällt und welcher Entwicklungsaufgabe sie dieses zuordnen, wird die Berufswahl nie erwähnt. Freunde zu finden, ist in den Augen von Jugendlichen viel relevanter.
In den Lehrjahren steckt ein enormes Entwicklungspotential.
Wie wirkt sich das auf die Berufswahl aus?
Die Vielzahl dieser Entwicklungsaufgaben macht Jugendliche sensibel und verletzlich. Ihre Identität ist noch nicht gefestigt. Deshalb ist ein unterstützendes Umfeld besonders wichtig. Gleichzeitig steckt in dieser Lebensphase enormes Entwicklungspotenzial. Wer junge Menschen gut begleitet, kann beobachten, wie stark sie in den Lehrjahren wachsen und an Selbstvertrauen gewinnen.
Welche Fragen sollten Jugendliche im Bewerbungsgespräch stellen, um das Arbeitsumfeld besser einzuschätzen?
Wichtig ist, herauszufinden, welche Aufgaben Lernende übernehmen und wie die Zusammenarbeit organisiert ist. Was können sie als Lernende selbst entscheiden? Hilfreiche Fragen im Bewerbungsgespräch sind zum Beispiel: «Was passiert, wenn ich einen Fehler mache?» oder «Wie oft findet ein Austausch mit dem Berufsbildner statt?». Wenn möglich, lohnt es sich auch, mit anderen Lernenden im Betrieb zu sprechen.
Wie wird sich die Bedeutung des Arbeitsumfeldes in Zukunft entwickeln?
Beziehungen waren schon immer wichtig und werden es bleiben. Gerade in einer komplexen und schnellen Welt sind stabile Beziehungen bedeutend. Menschen ausserhalb der Familie können Jugendlichen Halt geben und sie bei ihren Entwicklungsaufgaben unterstützen. Gute Vorbilder bleiben deshalb zentral.






