Der Berufswahlprozess beginnt früh: Bereits in der 2. Oberstufe starten Jugendliche mit Schnupperlehren. Spätestens mit dem Übertritt in die 3. Oberstufe folgen Bewerbungen, Vorstellungsgespräche und Zu- und Absagen. «Der Berufswahlprozess in der Sekundarschule zieht sich gemäss Berufswahlfahrplan über zwei Jahre hin», fasst Loris Criscione zusammen.
Er begleitet Jugendliche als Berufs-, Studien- und Laufbahnberater im Berufsinformationszentrum (Biz) in Kloten ZH auf diesem Weg. «In dieser Zeit setzen sich Jugendliche stark mit sich selbst auseinander. Was interessiert und motiviert sie, wie arbeiten sie gern und welche Berufe sind aufgrund der eigenen Voraussetzungen momentan realistisch?»
Die Berufswahl setzt viele Fertigkeiten voraus, die sich nicht bei allen gleich schnell entwickeln.
Loris Criscione, Berufsberater
Zu diesen Fragen gesellt sich die Vielfalt der Berufswelt. In der Schweiz gibt es über 200 Lehrberufe. Eine Menge, um sich auf Anhieb darin zurechtzufinden. Das sieht auch Criscione so. «Jugendliche müssen die Arbeitswelt kennenlernen, Schnupperlehren organisieren, Bewerbungen schreiben und sich präsentieren», sagt er. «Das setzt viele Fertigkeiten voraus, die sich nicht bei allen gleich schnell entwickeln.»
Mehr Zeit
Genau hier kann ein Berufsvorbereitungsjahr unterstützen. «Es verschafft Zeit und bietet Unterstützung, damit sich Jugendliche nochmals eingehend mit ihrer Berufswahl auseinandersetzen und eine passende Lehrstelle finden können», erklärt Ingrid Faesi, stellvertretende Leiterin Fachstab Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung beim Amt für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich.
Besonders sinnvoll sei es, wenn noch Unklarheiten bei der Berufswahl bestünden oder Jugendliche noch nicht bereit für den direkten Einstieg in eine Lehrstelle seien. «Zwei Jahre reichen manchmal nicht – aus unterschiedlichen Gründen», ergänzt die Fachfrau.
«Es ist aber nicht die Idee, bereits in der zweiten Oberstufe zu sagen: Ich möchte mich nicht mit diesem Prozess auseinandersetzen und besuche nach der dritten Oberstufe das Berufsvorbereitungsjahr. Dann ist es nur ein Aufschub und wichtige Gelegenheiten werden verpasst.» Der direkte Einstieg in die Lehre soll immer die erste Wahl bleiben, darin sind sich beide Fachpersonen einig.
Lernen, ausprobieren, orientieren
Im Zentrum des Berufsvorbereitungsjahres steht deshalb neben der Lehrstellensuche die Weiterentwicklung wichtiger Berufswahlkompetenzen. Jugendliche lernen zum Beispiel, sich mit ihren Stärken auseinanderzusetzen, ihre Chancen realistischer zu beurteilen oder neue berufliche Möglichkeiten ins Auge zu fassen. Anbieter von Berufsvorbereitungsjahren halten zudem unterschiedliche Schwerpunkte bereit.
«Es gibt schulische Angebote, in denen Bildungslücken geschlossen werden können, praktische und betriebliche Varianten, die Arbeitserfahrungen in Werkstätten und Betrieben stärker gewichten, sowie integrationsorientierte Klassen, bei denen das Deutschlernen im Fokus steht», zählt Ingrid Faesi auf.
«Wichtig ist in jedem Fall, dass Jugendliche nicht aus dem Berufswahlprozess aussteigen, auch wenn das Berufsvorbereitungsjahr bereits initiiert wurde», ergänzt Loris Criscione. Dabei helfe das Gespräch mit einer Fachperson, um die Situation zu analysieren. «Am Ende bleibt das übergeordnete Ziel bestehen: eine Lehrstelle zu finden.»
Das Berufsvorbereitungsjahr kann für Jugendliche eine wichtige Chance sein, sich gezielt weiterzuentwickeln.
Loris Criscione, Berufsberater
Gleichzeitig kann die Anmeldung für das Berufsvorbereitungsjahr Jugendliche entlasten. «Zu wissen, dass für eine Anschlusslösung nach dem Schulabschluss gesorgt ist, nimmt Druck raus», sagt Berufsberater Criscione. Er hat schon oft Jugendliche begleitet, denen die Option Luft verschafft hat.
«Es entsteht Raum, um nochmals den Fächer zu öffnen und zu überlegen, welche Berufe in Frage kommen könnten.» Manche würden durch die verlängerte Berufswahlphase auf Berufe stossen, die sie vorher nicht auf dem Radar gehabt hätten. «Für viele Berufe gibt es auch Alternativen, die dem ersten Berufswunsch nahekommen, aber besser zu den individuellen Fähigkeiten und Noten passen», ergänzt er.

Für eine nachhaltigere Berufswahl
Auch nach schwierigen Erfahrungen kann ein Berufsvorbereitungsjahr hilfreich sein. Wer viele Absagen erhalten habe, verliere manchmal das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das Berufsvorbereitungsjahr helfe dann, das Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, sagt Criscione. Zudem können Jugendliche durch zusätzliche Schnupperlehren besser einschätzen, welcher Beruf wirklich zu ihnen passt – was wiederum spätere Lehrabbrüche verhindert, da eine nachhaltigere Wahl getroffen wurde.
Ein Berufsvorbereitungsjahr ist deshalb weder eine Notlösung noch ein Wundermittel. «Es kann für einige Jugendliche eine wichtige Chance sein, sich gezielt weiterzuentwickeln», so der Berufsberater. «Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich aktiv mit der eigenen Zukunft auseinanderzusetzen.»






