Desirée Schweizer ist eine von über hundert jungen Menschen, die wir in den letzten zwölf Jahren in unserem Berufswahl-Magazin porträtiert haben. Seither ist viel Zeit vergangen. Was macht sie heute?
Ich schraube immer noch gern an Autos rum. Leider geht das heute nicht mehr. Nach einer Operation am Bauch bekam ich Rückenbeschwerden, die es irgendwann unmöglich machten, in der Werkstatt zu arbeiten. In dieser Zeit erhielt mein Freund, der ebenfalls Automobil-Diagnostiker ist, das Angebot, in Scuol im Engadin die Garage zu übernehmen, in der er die Lehre abgeschlossen hatte.
Diese Gelegenheit wollten wir uns nicht entgehen lassen. Der alte Besitzer sagte, er könne sich mich gut als Verkäuferin vorstellen. Ich dachte zuerst: «Ich – Autoverkäuferin?!» Bis dahin hatte ich mich am liebsten im Motor versteckt. Doch ich nahm die Herausforderung an.
Im Autoverkauf erlebe ich immer wieder, dass einer meint, er könne mir mit ein paar Fachbegriffen ein Auto zum Weiterverkauf andrehen.
In der ersten Lektion der Weiterbildung zur Autoverkäuferin ging es um Buchhaltung und Bilanzen. Ich verstand kein Wort und dachte: Worauf habe ich mich da bloss eingelassen? Aber Aufgeben ist nicht mein Ding und mittlerweile liebe ich den Job, auch wenn ich die Werkstatt manchmal vermisse. Wenigstens kann ich an meinem eigenen Auto noch ein wenig arbeiten und auch an meinem Motorrad, mit dem ich auf Rennstrecken fahre.
Eine Männerwelt
Die Autowelt ist eine Männerwelt, das kenne ich noch aus der Werkstatt. Im Autoverkauf erlebe ich es immer wieder, dass einer meint, er könne mir mit ein paar Fachbegriffen ein Auto zum Weiterverkauf andrehen. Aber ich weiss als Diagnostikerin ganz genau, wie lange eine Bremse noch einwandfrei funktioniert oder welche Schwächen eine bestimmte Motorengeneration hat. Einmal pries einer ein Auto mit einer Bremsbehandlung an, die gar nicht existiert.
Was mir am Autoverkauf gefällt: Ich helfe unseren Kunden, sich einen Traum zu erfüllen. Ich achte genau darauf, wie sie ein Auto anschauen und was in ihren Gesichtern passiert. Und ob sie nochmals zum Auto zurückschauen, wenn sie unseren Showroom verlassen.
Mein Freund führt die Garage jetzt seit drei Jahren. Als einzige Verkäuferin muss ich nicht nur Umsatz machen, sondern auch bei jedem verkauften Auto darauf achten, dass steuerlich alles stimmt. Wenn ich einen Fehler mache, kann sich das so summieren, dass das Steueramt nach einer Revision unseren Betrieb schliesst. Das hat mir am Anfang Sorgen bereitet. Inzwischen stresst mich das nicht mehr.
Meine grösste Herausforderung ist jetzt, dass wir mehr Anfragen von Kunden haben, die ein Auto kaufen wollen, als ich gemäss meinen Qualitätsansprüchen erledigen kann.






