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Alleinerziehend: «Ich bin den Weg des Glücks gegangen»

Lesedauer: 3 min
Martina Bortolani hat für unser Dossier zum Thema «Alleinerziehend» mit vielen Eltern gesprochen und deren Geschichten aufgeschrieben. Hier erzählt sie ihre eigene.
Text: Martina Bortolani

Bild: Getty Images

Neulich haben wir zwei Katzenbabys bekommen. Nicht sonderlich unverhofft, denn unsere Katzendame verbrachte die Tage und Nächte im Freien, und so lag es auf der Hand, dass wir uns irgendwann freuen konnten. Als die Babykatzen eines Morgens friedlich in ihrem Korb bei der Mutter lagen, sagte ich zu meinen Kindern: «Sie ist eigentlich wie ich: alleinerziehend.»

Meine Tochter, 11, reagierte sehr vehement: «Überhaupt nicht! Du bist doch gar nicht alleinerziehend. Papi ist ja auch da.» Mein Sohn, 9, nickte energisch. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen. Meine Kinder empfinden mich ganz offenbar nicht als alleinerziehend. Ich hingegen verwendete einen Begriff, über den ich nie richtig nachgedacht hatte. Denn ich empfinde den Begriff «alleinerziehend» ebenfalls als meiner Situation nicht würdig.

Mein Ex-Mann und ich haben nicht nur die gemeinsame elterliche Sorge vereinbart, sondern ich fühle mich auch nicht «allein» in meinen Verpflichtungen. Der Vater der Kinder nimmt seine Verantwortung nämlich durchaus wahr und entlastet mich in vielen Punkten.

Die Kinder übernachten während der Woche mindestens ein Mal bei ihm und verbringen regelmässig auch Wochenenden bei ihm. Wir sprechen uns ab, wenn es um erzieherische Fragen geht, und zanken uns weiterhin, wenn diese ins Detail gehen. Wir denken und funktionieren als Familie, doch wir leben getrennt. Ist das so verkehrt?

Bin ich eine Egoistin?

Ich möchte nichts beschönigen. Es ist der grosse Wunsch jedes Kindes, dass Mami und Papi zusammenbleiben. Diesen zarten Wunsch würde ich meinen Kindern nie absprechen wollen. Und ja, natürlich plagt mich deshalb immer wieder ein schlechtes Gewissen – genau darum, weil ich meinen Kindern diese romantische Familiensituation nicht bieten kann, nicht bieten konnte.

In meinem Alltag erlebe ich es so, dass meine Kinder gut mit einem Elternteil umgehen können, das seinen Weg geht. Ich bin – ohne die vielen guten Seiten des Kindsvaters ausser Acht zu lassen – in dem Moment, als wir uns getrennt haben, den Weg der Autonomie und schliesslich des subjektiven Glücksempfindens gegangen.

Bin ich deswegen aber eine Egoistin, die ihre Kinder traumatisiert hat mit dieser Entscheidung? Ist es für Kinder nicht viel wichtiger, zu erfahren, dass ihr Mami oder ihr Papi in der Lage ist, den Weg des Glücks zu gehen? Anstatt jahrelang in einer unglücklichen Beziehung zu leben und nichts dagegen zu unternehmen. Und dies nur, weil doch Eltern – den Kindern zuliebe! – zusammenbleiben sollten.

Wenn Eltern in der Lage sind, ihre persönlichen und emotionalen Trennungsfehden auf rücksichtsvolle Art auszutragen, leiden Kinder sicher nicht mehr darunter, als wenn sie bei Eltern aufwachsen, sie zwar zusammenbleiben, sich aber ständig streiten.

Ich versuche meinen Kindern vorzuleben, dass Glücklichsein im Leben manchmal mehr Wert hat, als sich der Norm anzupassen.

Man darf als getrennt lebende Elternteile auch mal ein neues Selbstbewusstsein entwickeln. Man macht nämlich vieles auch sehr richtig. Ein Sprichwort sagt: Perfekte Eltern machen rund hundert Fehler am Tag, nicht perfekte etwa die Hälfte davon und ganz normale ein paar pro Tag.

Ja, ich bin keine perfekte Mutter. Aber ich bin authentisch. Und ich versuche meinen Kindern vorzuleben, dass Glücklichsein im Leben manchmal mehr Wert hat, als sich der Norm anzupassen. Wenn ich jeweils die Paare an den Elternabenden in der Schule erlebe, die Innigkeit vorspielen, sich aber längst nichts mehr zu sagen haben, empfinde ich meinen Weg als der geradlinigere. Und das ist nicht verbittert oder neidisch gemeint.

Ich kenne gottlob auch eine Handvoll Paare mit Kindern, von deren Liebe und Ehrlichkeit ich sehr überzeugt bin. Das sind und bleiben meine Vorbilder!