Zu Beginn ein paar Beispiele, wie unterschiedlich die Ansprüche von Eltern an eine Schule mit Tagesstruktur bzw. an eine Tagesschule sind:
- Die berufstätigen Eltern von Marco möchten ihren Sohn gern in die Tagesschule schicken. Es ist ihnen wichtig, dass ihr Sohn in der immer gleichen Gruppe von möglichst wenigen Fachpersonen betreut wird und dass diese Gruppe möglichst oft gemeinsame Aktivitäten übernimmt.
- Die Mutter von Luca ist alleinerziehend. Sie arbeitet an drei Tagen in der Woche. Ihr ist deshalb ein flexibles Angebot wichtig.
- Der Vater von Andrea und Alice ist voll berufstätig, die Mutter arbeitet jeweils bis 14 Uhr. Sie möchte, dass ihre Kinder zum Mittagessen in der Schule bleiben.
- Der Vater von Yildiz arbeitet Vollzeit, die Mutter betreut die jüngeren Kinder zu Hause. Die Lehrpersonen von Yildiz empfehlen, dass Yildiz die Tagesschule besucht, weil ihre Deutschkenntnisse noch nicht so gut sind und sie dort auch Hilfe bei den Hausaufgaben bekommt.
Unterschiedliche Bedürfnisse der Eltern
Während für die einen Eltern die Konstanz der Kindergruppen und der Betreuung im Vordergrund steht, sind für die anderen flexible Angebote wichtig. Doch nicht nur die Bedürfnisse hinsichtlich der Betreuungszeiten unterscheiden sich, sondern auch die Qualitätsansprüche. Während es für einige Eltern wichtig ist, dass ein solches Angebot überhaupt besteht und dass die Kosten für die Familie tragbar sind, wünschen andere eine intensive Betreuung und vielfältige Aktivitäten.
Tagesschulen bieten einen geregelten Tagesablauf, viele Spielmöglichkeiten mit anderen Kindern, Freizeitaktivitäten und betreute Hausaufgaben.
Eltern mit einem tiefen sozioökonomischen Status haben zudem häufig gar nicht die Möglichkeit, ihre Kinder selbst zu betreuen, weil ihre finanzielle Situation die Berufstätigkeit beider Eltern zwingend notwendig macht.
Was Tagesschulen bieten und voraussetzen
Für die Kinder stellt der Besuch einer Tagesschule eine Herausforderung dar, insbesondere wenn sie vor dem Eintritt in den Kindergarten beziehungsweise in die Schule vorwiegend zu Hause betreut wurden. Sie müssen sich auf neue Umgebungen und Personen einlassen. Ihr Leben spielt sich vorwiegend in öffentlichen Räumen, nicht mehr im privaten Umfeld mit den Eltern, in den eigenen vier Wänden mit den vertrauten Spielsachen und -möglichkeiten ab.
Sie können sich weniger zurückziehen, spontan mit anderen Kindern etwas abmachen oder ihre Aktivitä- ten frei bestimmen. Sie müssen sich lösen und verabschieden, Vertrauen fassen in neue Bezugspersonen, sich auf andere Kinder einlassen, die sie nicht ausgewählt haben, und sich in anderen Räumlichkeiten zu Hause fühlen können.
Professionell begleitet können Kinder solche Übergänge in der Regel gut leisten. Zudem bietet ihnen die Tagesschule einen geregelten Tagesablauf, viele Spielmöglichkeiten mit anderen Kindern, besondere Aktivitäten und die Gelegenheit, die Hausaufgaben mit einer guten Betreuung zu erledigen. Wichtig ist, dass auch die Eltern Vertrauen in die Institution Tagesschule haben und ihre Kinder gut loslassen können.
Zwei Herausforderungen
Die hier skizzierten Bedürfnisse verweisen auf zwei Herausforderungen beim Ausbau des Tagesschulangebots.
- Geregelte Tagesabläufe mit einer konstanten Betreuung in möglichst immer gleichen Kindergruppen verlangen nach Kernzeiten, zu welchen der Besuch der Tagesschule für alle Kinder obligatorisch ist. Das Bedürfnis nach einer flexiblen Nutzung des Angebots ist mit diesen Ansprüchen nicht leicht vereinbar.
- Ein hoher Betreuungsschlüssel, ein professionelles Team, angemessene Räumlichkeiten, vielfältige Angebote und eine enge Zusammenarbeit zwischen den Lehrpersonen und den Betreuungspersonen stellen einen hohen finanziellen Aufwand dar, der aktuell von der öffentlichen Hand nicht ausreichend geleistet wird. Dies kann dazu führen, dass Eltern, welche sich dies finanziell leisten können, für ihre Kinder andere Lösungen suchen. Sie lassen ihre Kinder zu Hause von einer Fachperson betreuen oder schicken die Kinder in eine private Kita, die ihren Qualitätsansprüchen genügt. Um eine soziale Segregation möglichst gering zu halten, ist es zwingend notwendig, die Diskussion rund um die Qualitätsansprüche von staatlichen Tagesschulen öffentlich zu führen.
Der LCH befürwortet den Ausbau von Tagesschulen. Es müssen jedoch allgemeingültige Qualitätskriterien erarbeitet werden, die für alle öffentlichen Tagesschulen gelten.
Die wichtigsten Qualitätsfaktoren von Tagesschulen
Tagesschulkinder, die eine qualitativ gute Tagesschule besuchen, zeigen bessere Leistungen und verhalten sich sozialer als Kinder in einer Tagesschule verminderter Qualität. In einer Expertise zur pädagogischen Qualität von Tagesschulen, welche der Kanton Basel-Stadt von der Universität Bern und der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW erstellen liess, werden mehrere Qualitätsfaktoren beschrieben. Die wichtigsten sind die Ausbildung der Betreuungspersonen, deren Erfahrung, Training und Weiterbildung sowie eine angemessene Gruppengrösse und ein ebensolcher Betreuungsschlüssel.
Bedeutsam sind des Weiteren eine von gegenseitigem Verständnis und Respekt geprägte Beziehung zwischen den Betreuungspersonen und den Schulkindern sowie eine gute Kommunikation mit den Eltern. Ein breites Angebot an Aktivitäten und eine gute Organisation sind zentral. Relevant sind auch die Qualität der verwendeten Materialien und die Grösse und Ausstattung der Räume. Sicherheit, Gesundheit und Ernährung sind weitere Bereiche, die zu einer qualitativ hochwertigen Tagesbetreuung gehören.
Eine gewisse Flexibilität des Betreuungsangebots muss gewährleistet bleiben, auch wenn aus pädagogischer Sicht mit verbindlichen Betreuungszeiten mehr Qualität erreicht werden kann. Hier lassen sich sinnvolle Kompromisse finden, wie Angebote zeigen, welche Kernzeiten festlegen und Randzeiten flexibel belassen. Zudem muss die Wahlfreiheit der Eltern beibehalten werden. Hohe Qualität kostet Geld; hier dürfen keine Abstriche gemacht werden.
Der LCH befürwortet den Ausbau von Tagesschulen. Er fordert aber gleichzeitig, dass allgemeingültige Qualitätskriterien erarbeitet werden, welche für alle öffentlichen Tagesschulen gelten. Damit wird ein wichtiger Beitrag sowohl für eine gute Bildung und Betreuung unserer Kinder als auch für die Chancengleichheit geleistet.







