Es gibt Sätze, die darf man nicht laut sagen. Zum Beispiel: Ich mag meine Stiefkinder nicht. So was sollte man nicht mal denken, verbiete ich mir selbst, sobald der Gedanke in meinem Kopf auftaucht.
Ich sehe die Kinder meines Partners nur in den Schulferien, genau wie er, da sie bei ihrer Mutter leben – eine achtstündige Autofahrt von uns entfernt. Und statt mich auf die Ferien zu freuen, wälze ich mich schon Nächte vorher im Bett herum. Kein Funken Vorfreude, sondern nur Magendrücken: Schaffen wir es diesmal ohne Streit?
Ich empfinde keine Liebe, keine Sympathie, wenn die Kinder meines Partners den Raum betreten. Nur Anspannung, Widerstand.
Die Hälfte aller Schulferien verbringen wir gemeinsam, mein Partner, sein 15-jähriger Sohn, seine 10-jährige Tochter, meine drei Schulkinder und ich. Nachdem wir einmal versucht hatten, die Ferienwoche bei uns zu Hause zu verbringen, und die Streitereien völlig eskaliert waren, haben wir uns für das kleinere Übel entschieden. Nun fahren wir jedes Mal weg.
Bin ich die böse Stiefmutter?
Gestritten wird trotzdem – meistens sind die Streithähne mein Partner und ich. Das Zusammensein ist alles andere als herzlich. Wir versuchen irgendwie, die Zeit ohne grössere Blessuren zu überstehen, richtig wohl fühlt sich aber niemand von uns. Meine Kinder mögen seine Kinder nicht, seine Kinder mögen mich und meine Kinder nicht – und ich mag seine Kinder ebenfalls nicht.
Gleichzeitig bohrt das schlechte Gewissen: Es sind doch die Kinder meines Partners, sollte ich sie nicht gernhaben – müssen? Ich darf das jetzt nicht verbocken, die wenige Zeit, die sie miteinander haben. Sich ein paar Tage zurücknehmen muss doch möglich sein, schliesslich bin ich die Erwachsene.
Also die Zähne zusammenbeissen um des lieben Friedens willen? Um die wenige Zeit, die mein Partner mit seinen Kindern hat, nicht zu belasten? Aber egal, wie sehr ich mich anstrenge: Ich empfinde keine Liebe, keine Sympathie, wenn sie den Raum betreten. Nur Anspannung, Widerstand. Bin ich etwa die böse Stiefmutter, von der die alten Märchen erzählen? Wer will das schon.
Es gibt keinen Liebeszwang
Anruf bei Katharina Grünewald. Die Psychologin hat das Buch «Glückliche Patchworkpaare» geschrieben. Sie beruhigt mich: Es gibt keinen Liebeszwang, nur weil es die Kinder des Partners sind. Grünewald vergleicht es mit der Arbeit: Da sind einem ja auch nicht alle Kollegen gleich sympathisch. Und müssen es auch nicht sein. Trotzdem geht man mehr oder weniger höflich miteinander um.
In der Familie sei das aber oft sehr viel schwieriger: «Man geht automatisch davon aus, dass man die Kinder des Partners so lieben muss wie den Partner und nicht schlecht über sie reden darf, schliesslich gehören sie zu ihm.»
Es ärgert mich unfassbar, wie sie mir mit allem, was sie tun, zeigen: Du hast mir gar nichts zu sagen!
Andere Experten sehen das ähnlich – und geben ebenfalls Entwarnung. Man müsse lediglich miteinander auskommen, das sei alles. Am besten ganz ohne Druck, sagen mir Psychotherapeutin Claudia Starke und der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Thomas Hess, die Autoren des Buches «Das Patchworkbuch: Wie zwei Familien zusammenwachsen». «Druck ist der ultimative Liebeskiller», mahnt Claudia Starke.
Auskommen hört sich so easy an – aber sich selbst nicht unter Druck zu setzen, ist so verdammt schwer.
Was mich alles nervt
Wenn ich wieder mal genervt bin von ihrer Unhöflichkeit. Beim Versuch, mit dem Grossen über sein Hobby, das Geigenspielen, zu sprechen, und er mich einfach ignoriert, kein Wort antwortet. Genervt davon, wie die Kleine ihren Vater in Beschlag nimmt, auf seinem Schoss herumturnt und uns beiden keine freie Minute lässt, sich sofort dazwischendrängt, wenn wir uns umarmen oder auch nur die Hand halten.
Ich bin genervt davon, wie sie seine Grenzen austesten, ausnutzen, dass er sich nicht traut, sie zurechtzuweisen, wenn sie, ohne zu fragen, alle Süssigkeiten aufessen, ohne uns anderen etwas zu überlassen.

Es ist schwierig, auszuhalten, wie er sie verwöhnt, ihnen alles kauft, was sie sich wünschen, selbst das hundertste Kuscheltier, und sie noch nicht einmal Danke sagen. Und es ärgert mich unfassbar, wie sie mir mit allem, was sie tun, zeigen: Du hast mir gar nichts zu sagen!
Wenn ich den Grossen bitte, nicht das ganze Sofa in Beschlag zu nehmen, damit noch jemand anders dort sitzen kann, und er mich nur provozierend anschaut, dann fühle ich nichts als riesige Ablehnung.
Die Patchwork-Konstruktion
«Es liegt nicht an Ihnen, es liegt nicht an den Kindern, es liegt an der Konstruktion», sagt Patchworkexpertin Katharina Grünewald. Im Gegensatz zu einer Kernfamilie, wo alle ihre festen Rollen haben und allen die Regeln bekannt sind, müssen in einer Patchworkfamilie Plätze und Regeln immer wieder neu verhandelt werden; die alten Regeln der Kernfamilie gelten nicht.
Deshalb sollte man regelmässig darüber sprechen, was jedem Einzelnen wichtig ist. Zum Beispiel das Thema Frühstücken in den Ferien: Wollen wir alle zusammen anfangen? Was ist uns wichtig und wie können wir aufeinander Rücksicht nehmen? Gut für den Zusammenhalt sei auch, alle Kinder in die Planungen miteinzubeziehen, was wann mit wem unternommen wird, raten Hess und Starke.
Etwas, das wir schon mehrmals ausprobiert haben. Den Kindern meines Mannes ist alles egal, sie scheinen sowieso keine Lust zu haben auf irgendetwas, das mit uns zu tun hat. Meine Kinder, die bei meinem Freund und mir leben und ihren Vater nicht oft sehen, sind zwischen 8 und 15 Jahre alt. Ihre Bedürfnisse gehen – aufgrund des Altersabstandes – weit auseinander. Wenn es nach ihnen ginge, würden sie nur mit mir und meinem Freund in die Ferien fahren – ohne «die anderen Kinder».
Überhöhte Erwartungen
Aber das sei doch nicht weiter schlimm, höre ich die Expertin sagen. Wie bitte? Was ich als Erstes über Bord werfen solle, sei der Anspruch, dass die gemeinsame Zeit ohne Konflikte ablaufen müsse. «Dahinter steckt die Erwartung, dass es nur eine schöne gemeinsame Zeit ist, wenn sich alle gut verstehen und permanent zusammen sind», so Grünewald. Wenn man etwas auf Teufel komm raus versucht zu vermeiden, tritt es meist mit besonderer Wucht auf.
Das kommt mir bekannt vor. So lange wie möglich reisse ich mich zusammen, lächle meinen Unmut weg und verkneife mir jegliche Ermahnungen, um ja nicht als Spielverderberin dazustehen. Bis ich explodiere, meist wegen einer Kleinigkeit wie Gemaule über den Spaziergang. «Dass du immer gleich so ausflippen musst!», wirft mein Partner mir dann vor – nicht wissend, wie viel ich vorher schon unterdrückt habe.
Selbstfürsorge ist so wichtig. Denn nur wenn man selbst im grünen Bereich ist, kann man schwierige Beziehungen gestalten.
Kinder im Loyalitätskonflikt
Aber wie gehe ich mit der Ablehnung um, die mir von seinen Kindern entgegenschlägt? Es macht mich wahnsinnig, wenn sie mir mal wieder deutlich zeigen, wie blöd sie mich finden und dass sie lieber ganz woanders wären. Starke und Hess appellieren an mein Verständnis.
Die Kinder seien im Loyalitätskonflikt, sie halten zu ihrer Mutter, die mich, wie ich weiss, ablehnt und ihnen unbewusst als Aufgabe mitgibt, es bei uns doof zu finden. Für die Kinder fühle es sich an wie ein Verrat, wenn sie die Zeit mit mir geniessen würden.
Deshalb sollte man auch nicht den Anspruch haben, «neue Familie» zu spielen und die Rolle der Ersatzmutter einzunehmen. Sie raten auch davon ab, immer alles miteinander unternehmen zu wollen, empfehlen, auch 1:1-Situationen mit den eigenen Kindern zu schaffen.
Das entlastet mich. Mein Partner wollte bisher immer alles zusammen unternehmen – wie eine echte Familie eben. Ich hingegen bin auch im gemeinsamen Urlaub gern einmal nur mit meinen Kindern zusammen – oder komplett allein. Bisher habe ich mich nicht getraut, das einzufordern.
Selbstfürsorge – oder wie man im grünen Bereich bleibt
Das solle ich dringend machen, raten mir alle drei Experten unisono. «Die einzigen Bedürfnisse, die in einer Patchworkfamilie unberücksichtigt bleiben, sind meist die der Stiefmutter.» Deshalb sei Selbstfürsorge so wichtig, denn nur wenn man selbst in einen grünen Bereich komme, könne man schwierige Beziehungen gestalten.
Sich zu sagen, für die kurze Zeit der Ferien müsse man sich eben zusammenreissen, sei der falsche Weg: «Das ist wie Luft anhalten, das geht auf Dauer nicht.» Wenn man regelmässig über seine eigenen Grenzen gehe, sei das nicht zuletzt auch ein Grund für den inneren Widerstand gegen eine Situation, die man sich so nicht ausgesucht hat.
«Sie dürfen auch mal sagen, ich gehe heute Abend aus, macht euer Essen selbst, ihr kommt schon klar», ermuntert mich Claudia Starke. Wenn man ehrlich zu seinen Gefühlen steht, verbessere das nicht zuletzt auch die Beziehung zu den Kindern.
«Kinder spüren, wenn jemand genervt ist», sagt Thomas Hess. Hilfreich im Umgang mit Stiefkindern sei es, sich immer wieder zu hinterfragen: Was genau an diesem Verhalten mag ich nicht? Dann werde einem klar, dass es nicht die Person an sich ist, sondern das Verhalten, das man ablehnt.
Im Gespräch mit dem Partner bleiben
Wie ehrlich sollte ich aber meinem Partner gegenüber sein? Niemand hört gern, dass die eigenen Kinder nerven. Ich möchte meinen Partner nicht verletzen, aber natürlich spürt er meine Anspannung. Auf direkte Fragen wie «Du kannst sie echt nicht leiden, oder?» weiche ich aus.
Die schlechte Beziehung zu seinen Kindern belastet auch die Beziehung zu meinem Partner.
Keine gute Idee, so Thomas Hess. Er rät dazu, sich in der Kritik auf das Verhalten der Kinder zu konzentrieren, also zu sagen, dass einem ein bestimmtes Verhalten nicht passt, am besten in der Ich-Form mit einem klaren Beispiel: «Ich fühle mich ausgeschlossen, wenn sie mit dir Insiderwitze machen.» Oder: «Es verletzt mich, wenn sie mich immer wieder spüren lassen, dass ich ihnen nichts zu sagen habe.»
Wie die Paarbeziehung nicht zu kurz kommt
Die schlechte Beziehung zu seinen Kindern belastet auch die Beziehung zu meinem Partner. Wenn wir uns streiten, dann eigentlich fast nur wegen seiner Kinder. Auch das sei typisch, sagen Starke und Hess. Der Mann, den ich eigentlich kenne, fehlt mir, wenn seine Kinder da sind, denn die Rolle, in die er dann schlüpft, gefällt mir nicht. Ganz abgesehen davon, dass ich Momente nur zu zweit vermisse.
Das sollte ich nicht so hinnehmen, rät Grünewald. Man solle sich bewusst immer wieder Paarmomente herausnehmen, auch wenn alle Kinder um einen herum sind: «Davon profitieren nicht zuletzt auch die Stiefkinder, wenn man ihnen vorlebt, dass eine Liebesbeziehung Zeit und Raum braucht. Wie sollen sie sonst später selbst eine Beziehung gestalten?»
Um das gegenseitige Verständnis zu fördern, rät sie zu einer Partnerübung, bei der beide die Perspektive des anderen übernehmen: Wie fühlt sich mein Partner? Wie geht es ihm, wie geht es ihr? Dabei helfe es, von sich in der dritten Person zu sprechen: «Jetzt kommen deine Kinder und deine Frau ist dermassen missmutig? Und dann will sie sich auch noch vom Ausflug ausklinken? Ich spüre da eine Wut bei dir, dass die sich nicht mal eine Woche lang zusammenreissen kann.»
Die verschiedenen Bedürfnisse anerkennen
Das gegenseitige Verständnis ist der Schlüssel, wie mir scheint. Wenn ich mich in meine Stiefkinder hineinversetze, fange ich an zu verstehen, wieso sie mir gegenüber so abweisend sind. Und ich fange an zu verstehen, unter welchem Druck mein Partner steht. Aber ich wünsche mir auch mehr Verständnis für mich und meine Kinder, denn die laufen in unserer komplizierten Konstellation in den Ferien einfach so mit.
Dafür muss ich meine Bedürfnisse klarer kommunizieren. Die eigenen Grenzen zu wahren, ist in Patchworkfamilien noch wichtiger als eh schon. Niemand muss seine Stiefkinder mögen oder gar lieben, Respekt und das Anerkennen der verschiedenen Bedürfnisse reichen. Ich liebe meine Stiefkinder nicht, aber ich beginne sie zu verstehen. Das ist doch schon mal ein Anfang.
*Die Autorin möchte in diesem Fall lieber anonym bleiben. Sie hat schon mehrmals für «Fritz+Fränzi» geschrieben und lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Deutschland.








