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«Ich habe Angst, bei anderen Kindern zu übernachten»

Lesedauer: 5 min

«Ich habe Angst, bei anderen Kindern zu übernachten»

Philomena, 11, würde gern an den Pyjamapartys ihrer Freundinnen teilnehmen. Doch auswärts zu übernachten, ängstigt sie zu sehr. Das sagt unsere Expertin.
Text: Sarah Zanoni

Bild: Getty Images

«Frag doch mal Sarah!»

Übernachten bei anderen ist für mich der Horror! Meine Freundinnen laden mich immer wieder zu Pyjamapartys ein. Da möchte ich eigentlich unbedingt mitmachen. Aber ich schaffe das einfach nicht. Wenn ich nur schon daran denke, schaudert es mich. Als ich es letztes Jahr versuchte, mussten mich meine Eltern am späten Abend abholen. Wie kann ich lernen, auswärts zu schlafen?
Philomena, 11

Liebe Philomena
Oh, das hört sich toll an: Pyjamaparty! – aber für dich ist es einfach nur schrecklich. Das kann sich zum Glück ändern.

Viele Kinder finden nichts dabei, bei Grossmami und Grosspapi, bei Nachbarn und Freundinnen zu übernachten. Klassenlager und zweitägige Schulreisen sind für sie eine Riesenfreude. Anders ist das bei dir und all jenen, die das auch noch nicht schaffen. Ich kann dir versichern: Du bist nicht die Einzige mit diesem Problem. 

Von alten Erlebnissen getriggert werden

Ich weiss nicht, ob du schon einmal eine schlechte Erfahrung gemacht hast, als du auswärts geschlafen hast. Manchmal erlebt man als jüngeres Kind etwas, das einen stark erschreckt oder ängstigt. Obwohl das Ereignis schon lange vergessen und vorbei ist, wird das schlimme Gefühl von damals im Gehirn gespeichert. Es kommt wieder an die Oberfläche, wenn man etwas hört, riecht, sieht, spürt oder empfindet, das einen an die Sache von damals erinnert. Man sagt dazu, dass man von irgendetwas getriggert wird.

Gut möglich, dass du jedes Mal getriggert wirst, sobald du an einem fremden Ort einschlafen sollst. Ist es vielleicht das fremde Bett? Oder die Tatsache, dass deine Eltern nicht dabei sind? Wie auch immer – um das nächste Mal ein Erfolgserlebnis zu haben, würde ich dir ein richtiges Trainingsprogramm empfehlen. 

Beim Übernachtungstraining ist es wichtig, stets die Sicherheit zu haben, dass dich deine Eltern jederzeit abholen könnten.

Klingt erstmal aufwendig, aber es lohnt sich! Stell dir einfach jetzt schon vor, wie glücklich du sein wirst, wenn du die Pyjamaparty in vollen Zügen geniessen kannst.

Auswärts übernachten: Ein Training in fünf Schritten

Das Übernachtungs-Training besteht aus fünf Schritten. Bevor du damit beginnst, wäre der einfachste Schritt, zunächst deine Freundin zum Übernachten zu dir nach Hause einzuladen. So lernt ihr euch in der neuen Situation besser kennen. Sie kennt dann bereits deine Familie und Einschlafrituale und du befindest dich noch in deiner vertrauten Umgebung. Danach kannst du mit dem Übernachtungs-Training starten. Das geht so:

  1. Eine Person, die du sehr gerne magst (zum Beispiel Grosseltern oder Gotti), kommt zu euch nach Hause übernachten und kümmert sich um dich, während deine Eltern in den Ausgang gehen. Wichtig ist, dass deine Eltern erst dann heimkommen, wenn du bereits schläfst. 
  2. Die Person, die dich gehütet hat, kommt wieder zu dir nach Hause und schläft dort, während deine Eltern die ganze Nacht über wegbleiben. 
  3. Du gehst zu dieser vertrauten Person nach Hause übernachten. Deine Eltern sind zuhause und könnten dich jederzeit abholen, falls es nötig sein sollte. 

Erst wenn diese drei Schritte gut klappen, solltest du dein Training weiterführen. 

  1. Nun kannst du zu einer guten Freundin übernachten gehen. Ich würde empfehlen, dass sonst noch keine anderen Freunde dabei sind. Deine Eltern sind zuhause und könnten dich jederzeit abholen. 

Klappt dies gut und zwar mehrmals, dann kannst du zu Schritt 5 übergehen: 

  1. Du übernachtest an einer Pyjamaparty und vereinbarst, dass dich deine Eltern jederzeit abholen könnten.

Du siehst, es ist wichtig, stets die Sicherheit zu haben, dass dich deine Eltern jederzeit abholen könnten, sollte es für dich doch noch zu schwierig sein, die ganze Nacht dort zu verbringen. Diese Sicherheit soll dir helfen, gar nicht erst eine grosse Anspannung aufzubauen.

Falls das Training nicht sofort gelingen sollte, dann sei geduldig und lieb zu dir selber. Es gibt ein altes Sprichwort: «Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.» Es bedeutet, dass man nicht alles von Anfang an können muss. Lass dir Zeit und probiere es einfach wieder – bis es klappt. 

Warte nicht zu lange mit dem Notfall-Koffer, sondern benutze ihn.  

Das gehört in den Notfall-Koffer

Damit diese Trainingsnächte gut funktionieren, solltest du unbedingt einen «Notfall-Koffer» mitnehmen. Dieser Koffer ist zwar eher eine kleine Tasche, in die du für dich wichtige Dinge einpackst. Sie sollen dir helfen, falls du dich vor oder beim Einschlafen unsicher und unwohl fühlst.  

  • Dein liebstes Kuscheltier 
  • Ein Lavendelsäckchen – der Duft nach Lavendel beruhigt 
  • Fidget Toys: damit deine Finger etwas zu tun haben und die Anspannung weggeleitet wird 
  • Mandalas und Stifte: Mandalas ausmalen entspannt 
  • Kleines Witzebuch: deine Freundinnen schlafen bestimmt auch nicht so rasch ein und freuen sich über lustige Witze 
  • Bonbons (zuckerfrei)  

Dass du am Anfang noch ein wenig gestresst sein wirst, finde ich völlig normal. Versuche deshalb, mit dem Notfallkoffer sofort gegen aufkommenden Stress vorzugehen. Warte nicht zu lange, sondern benutze ihn.

Und bitte denke jetzt nicht, dass dir irgendetwas davon peinlich sein müsste. Nein! Wenn deine Freundinnen wirklich gute Freundinnen sind, dann verstehen sie dich und unterstützen dich. Sie möchten dich schliesslich auch an ihren Pyjamapartys dabei haben. 

Also, los geht's: Organisiere baldmöglichst die ersten Trainingseinheiten.

Viel Erfolg – und jetzt schon: eine schöne erste Übernachtungsparty bei deinen Besties!

Frag doch mal Sarah

In unserer Rubrik «Frag doch mal Sarah» beantwortet Jugendcoach Sarah Zanoni Fragen von Kindern und Jugendlichen.
Hast du auch eine Frage, die du ihr gerne stellen würdest? Dann sende eine E-Mail an online@fritzundfraenzi.ch oder kontaktiere uns auf unseren Social-Media-Kanälen.