Ein Gefühl verseucht den digitalen Raum: Hass. Oder auf Neudeutsch: Hatespeech. Kaum scheitert eine Sportlerin, bekennt sich jemand zu seiner sexuellen Orientierung oder fällt sonst wie aus dem Rahmen, erheben die Hater ihre Stimme. Mit unflätigen Bemerkungen, abwertenden Kommentaren und «lustigen» Scherzen, die doch nur primitiv sind.
Hatespeech ist ein Problem, das zunehmend auf Jugendliche übergreift. Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Bern, die sie gemeinsam mit anderen Hochschulen im Jahr 2023 veröffentlicht hat (Hate speech in adolescents: A binational study on prevalence and demographic differences, Melisa Castellanos et al. 2023), zeigt das schiere Ausmass: Weit über 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler sind schon mit Hatespeech konfrontiert worden – nicht nur digital, sondern auch im «echten» Leben.
Was wir im direkten Kontakt nie tun würden, sollten wir auch online unterlassen.
Über 20 Prozent outeten sich gar als Täter oder Täterinnen. Mit einem Anteil von 94 Prozent ist die am häufigsten genannte Form von Hatespeech der «Joke». Ein Scherz also, hinter dem sich die Täter und Täterinnen verstecken können: «War ja gar nicht so gemeint.» Der Hass konzentriert sich mehrheitlich auf Frauen beziehungsweise Mädchen, Menschen mit Migrationshintergrund und anderer Hautfarbe sowie sexuelle Orientierung und Religion.
Neben dem blanken Hass, den die Betroffenen aushalten müssen, ist es oft auch eine grosse Hilflosigkeit, die Opfer gegenüber den Angriffen verspüren. Auch wenn die Täterinnen und Täter meist meinen, sie blieben anonym, hinterlassen sie Spuren. Darum: Dokumentieren Sie die Vorfälle, machen Sie Screenshots und notieren Sie Zeit und Datum, um für eine Anzeige gerüstet zu sein.
Vorbildfunktion der Eltern
Als Erwachsene stehen wir in der Verantwortung, unsere Kinder in vielerlei Hinsicht zu unterstützen. Das beginnt bereits bei unserem eigenen Verhalten. Nehmen wir als Beispiel die Fussball-WM 2026: Emotionen sind willkommen, doch die jüngere Vergangenheit zeigt, dass bei Misserfolgen schnell online auf den Mann (oder die Frau) gespielt wird.
Erwachsene müssen sich bewusst sein: Solche Posts werden von Jugendlichen gesehen und oft nachgeahmt. Deshalb gilt: Auch nach ein paar Bieren sollten die Erwachsenen ihre Vorbildfunktion nicht vergessen.
Die Politik diskutiert eine Verschärfung beziehungsweise Anpassung der Gesetze. Die Haltung des Bundesrats war bisher: Hatespeech ist online wie offline dasselbe und muss nach demselben Massstab geahndet werden. Ob sich dieser Ansatz durchsetzt, ist offen. Er ist aber ein guter Leitfaden für unser Handeln im digitalen Raum, denn was wir im direkten Kontakt nie tun würden, sollten wir auch online unterlassen.
Eltern sind sicherlich ganz besonders gefordert in diesem aufgeheizten Umfeld. Wir müssen uns immer bewusst sein: Unsere Kinder hören sehr genau hin. Eine hingeworfene abfällige Bemerkung oder ein «lustiger» Spruch über einen homosexuellen Arbeitskollegen kann die Richtung bereits vorgeben. Das reale Leben ist ohnehin das Hintergrundrauschen für Hatespeech im digitalen Raum. So ist zum Beispiel der Gruppendruck unter Teenagern ein bekannter Brandbeschleuniger für Hatespeech.
Was Eltern tun können
Sind Kinder von Hatespeech betroffen, können Sie das an typischen Zeichen erkennen:
- Rückzug und weniger Lust auf Schule oder Sport
- Vermeidung von Social Media und Handy
- Gereiztheit und nicht selten Schlafprobleme
- Verharmlosung der abwertenden Posts: «Die meinen es gar nicht so» oder «Ist eh egal»
Eltern sollten in einem solchen Fall das Gespräch suchen. Hatespeech-Opfer sind dünnhäutig und vermuten schnell eine weitere Abwertung. Oft ist ihnen das Ganze auch peinlich. Im richtigen Moment Anteilnahme zu zeigen, gibt Ihrem Kind die Chance, sich die Sache von der Seele zu reden. Das angeschlagene Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, ist im Idealfall der zweite Schritt: «Du bist nicht allein, wir schauen das gemeinsam an.»
Dominik Hangartner, Professor für Politikanalyse an der ETH Zürich, sagt, wie auf Hatespeech reagiert werden sollte: «Kommentare, die auf die Empathie der Täter abzielen, helfen am meisten. Wenn man diese dazu anregt, sich in die Lage der betroffenen Person zu versetzen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihren Kommentar löschen und zumindest in der näheren Zukunft weniger Hasskommentare verfassen.»
Was Hater bedenken sollten
- Hass ist keine Meinung. Berufen Sie sich nicht auf Ihre Meinungsfreiheit.
- Hass wird online gleich gewertet wie im echten Leben. Mit denselben strafrechtlichen Konsequenzen.
- Hass ist nicht anonym. Sie werden gefunden. Das ist sogar recht einfach.
- Stellen Sie sich für einen Moment vor, wie Sie sich als Betroffener fühlen würden.
- Würden Sie das Ihrem Gegenüber auch von Angesicht zu Angesicht sagen?
- Warum reagieren Sie so heftig? Oft hat Hass mehr mit der eigenen Person zu tun, als man denkt. Denken Sie mal darüber nach.






