Heute wohne ich bei Papa
Familienleben

Heute wohne ich bei Papa

Früher war es in der Schweiz üblich, dass Trennungsväter ihre Kinder maximal jedes zweite Wochenende zu sich nahmen. Eltern, die es anders machten, galten als Exoten. Heute haben immer mehr Männer das Ziel, auch nach einer Trennung im Leben ihrer Kinder präsent zu bleiben.
Text: Adrian Hoffmann 
Bilder: Daniel Rihs,
Samuel Trümpy, Herbert Zimmermann / 13 Photo
Der Zehnjährige steigt aus dem Auto und geht auf das Haus zu. Dann bleibt er plötzlich stehen, dreht sich nochmals um und ruft: «Bis in einer Woche dann?» Sein Vater ruft zurück: «Ja, genau!» Der Bub streckt den Daumen nach oben, dann verschwindet er hinter der Garten­hecke.

Es komme ihm so vor, als würde sein Sohn von ihm eine Bestätigung einfordern, dass er als Vater auf keinen Fall seinen Termin verpasse, sagt Marc Petzold und lacht. Selbstverständlich wird er in einer Woche zur gewohnten Uhrzeit genau an dieser Stelle sein – und ihn abholen.

Marc Petzold und seine Frau leben getrennt. Die Obhut ihres Sohnes teilen sie sich. Für diese Lösung musste der 44-Jährige jedoch lange kämpfen.

Der Trend geht hin zur alternierenden Obhut

Eine Pauschallösung für die Aufteilung der Kinderbetreuung nach einer Trennung der Eltern gibt es nach Einschätzung des Vereins für elterliche Verantwortung VeV nicht. Wohl aber einen Trend hin zur alternierenden Obhut, stellt Oliver Hunziker fest, Präsident des Vereins mit Sitz in Brugg AG. Das komme insbesondere der Beziehung von Kindern und Vätern zugute, denn sie können mehr Zeit miteinander verbringen. Von alternierend spricht man, wenn Kinder zu mindestens 30 Prozent vom jeweils zweiten Elternteil betreut werden. «Die alternierende Obhut wird zur First Choice und damit gesellschaftsfähig, vielmals auch in Streitfällen», sagt Oliver Hunziker.
Marc Petzold musste lange dafür kämpfen, dass er seinen Sohn oft betreuen kann.
Marc Petzold musste lange dafür kämpfen, dass er seinen Sohn oft betreuen kann.
In der Schweizer Rechtsprechung sei in der Vergangenheit immer wieder ein Denkfehler gemacht worden. «Man ging davon aus: Mama ist gut, Papa muss es beweisen.» Das habe dazu geführt, dass manche Kinder nach Trennungen den gewohnten Alltag mit ihren Vätern verloren hätten. «Das passiert auch noch heute, aber es bessert sich.» Je nach Kanton und Gepflogenheiten vor Ort bräuchten Väter unterschiedlich starken Durchhaltewillen, um weiterhin ihre Kinder viel zu betreuen.

Diesen Willen zeigt Marc Petzold nun schon lange. Nach zweieinhalb Jahren voller Streitigkeiten ordnete ein Gericht die alternierende Obhut an. Da Petzold als Informatiker arbeitet, kann er viel von zu Hause aus erledigen – und sich daher auch gut um seinen Zehnjährigen kümmern.

Im Einverständnis beider Eltern übernahm auf richterliche Anweisung das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich die Bewertung darüber, was dem Interesse ihres Sohnes am besten entspricht. Es sei zu erwarten gewesen, dass sich das Gericht nicht gegen die von ihm selbst beauftragte Empfehlung des renommierten Instituts stelle, meint Marc Petzold.

«Unserem Sohn bleiben durch diese einwöchigen Zeiträume am Stück häufige Wechsel erspart. Ich hole und bringe ihn jede Woche.» Der Weg zur Schule ist gleich lang wie der vom mütterlichen Haushalt. Petzold meint, dass dem Bub die gemeinsame Zeit mit ihm guttue. 

Elternstreit belastet Kinder dauerhaft

Der Elternkonflikt kann etwas zur Ruhe kommen. Die neue Strategie des Vaters: keine Angriffsfläche bieten, Streit vermeiden und versuchen, die Ex-Frau und ihre Ansichten besser zu akzeptieren.

Das sei eine gute Strategie, sagt Vereinspräsident Oliver Hunziker. Elternstreit belaste Kinder dauerhaft. Hunziker macht die Erfahrung: Richter entscheiden auch nach strittigen Trennungen immer häufiger pro geteilte Betreuung. Denn sie sähen, dass viele Eltern im Einvernehmen diesen Weg gingen – und dass es von Vorteil sei für alle. «Es gibt sehr viele junge Mütter, die sagen, sie möchten bald nach der Geburt wieder arbeiten», erklärt Hunziker. «Und die auch einfordern, dass ihre Männer als Väter präsent sind. Das spürt man und das ist wunderbar so.»
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In der Vergangenheit galt für die Rechtsprechung: «Mama ist gut, Papa muss es beweisen.»
Zu dieser Haltung junger Mütter trägt laut Hunziker bei, dass das Bundesgericht im Jahr 2018 die 10/16-Regel aufhob. Danach musste der Elternteil, der die Obhut über die Kinder hatte und der bisher keiner Erwerbstätigkeit nachging, ab dem 10. ebensjahr des jüngsten Kindes ein Arbeitspensum von 50 rozent aufnehmen und ab dessen 16. ebensjahr eine Vollzeitstelle.

Neuerdings ist es so, dass bereits ab Kindergarten- oder Schuleintritt dem hauptbetreuenden Elternteil – meist sind das Mütter – eine 50-Prozent-Arbeitsstelle zugemutet werden kann, später auch mehr.

Somit gibt es nicht mehr klassisch einen Ernährer für Trennungsfamilien und eine Betreuerin der Kinder, sondern zunehmend betreuen beide Eltern und beide tragen zur finanziellen Versorgung der Kinder bei.

«Schritt für Schritt» werde eine partnerschaftliche Lösung nach der Trennung populärer, führt Hunziker aus. Immerhin leben heute in der Schweiz nach Angaben des Marie-Meierhofer-Instituts schätzungs­weise 90 00 Kinder in multilokalen Familien, viele davon dürften aus Trennungsfamilien stammen. Es ist nach Angaben des Instituts davon auszugehen, dass die meisten eine für sich und ihre Kinder zufriedenstellende Familien­lösung gefunden haben.

«Manchmal ist eine geteilte Betreuung auch einfach nicht möglich, aus ganz unterschiedlichen Gründen», räumt Hunziker ein. Allein ein Elternstreit darüber, ob eine geteilte Betreuung gut sei für die gemeinsamen Kinder, werde aber von Gerichten nicht mehr als Hinderungsgrund für das neue Modell gewertet.

1 Kommentar

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Von Josy am 27.04.2021 04:52

Ja leider bekommen die Kinder selten ein Rechliches Gehör.Die Behörden Kesb,lassen dem Vater und deren neuen Partnerinnen alles gewähren,Drohungen, Beschimpfungen,ins Zimmer einsperren.Immer mit dem gleichen Spruch:ES IST HALT DER VATER!!!
Tragisch für unsere Kinder welche gute Erwachsene werden sollen.Das größte Problem sind neue Partner vorallem die Frauen welche sofort herrschen über die Kinder und deren Vater.Sehr schade für Kinder.Viele Kinder hassen solche Wochen oder Wochenend,wollen ihren Vater niiiemehr sehen.Bitte reflektiert euch immer wieder.

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