Familienleben

«Herr Sumpf, weshalb sind so viele Eltern überfordert?»

Peter Sumpf spricht als Leiter des Elternnotrufs oft mit überforderten Müttern und Vätern. Er weiss, weshalb immer mehr Mütter und Väter ein Eltern-Burnout haben.
Interview: Claudia Füssler
Bild: Getty Images

Herr Sumpf, melden sich überforderte Eltern bei Ihnen?

Oh ja. Ich habe eben ein Mail von einer jungen Mutter bekommen. Sie hat zwei Kinder, das eine ist ein Kleinkind, oft trotzig, das andere ist ein Säugling, schläft schlecht und schreit viel. Ihr Mann kommt abends erst spät nach Hause. Die Frau beschreibt sich als erschöpft und gereizt, sie glaubt, sie schaffe nicht, was alle anderen um sie herum spie­lend schafften. Das ist der Zustand realer, handelsüblicher Erschöpfung. Ihr Fall ist ein sehr typisches Beispiel. 

Was haben Sie der Frau geantwortet? 

Ich habe sie in ihrer Empfindung bestärkt. Egal, was andere sagen: Ihre Situation und ihre Überforderungs­gefühle sind so normal wie Familie nur sein kann. Ich habe ihr ver­sichert, dass dies eine der allerhäu­figsten Situationen ist, die an uns als Elternnotruf herangetragen wird. Ausserdem habe ich für sie heraus­gefunden, welche Organisationen, Dienstleister und so weiter in ihrer Nähe sie unterstützen können. Ich bin immer wieder verblüfft, wie häu­fig ich höre, dass alle anderen spielend mit den Belastungen zurecht­ kämen. Ich hätte gedacht, unter jungen Leuten gehe man heute offe­ner mit Belastungen um.

Familie wird offenbar noch immer idealisiert?

Sie ist «heilige Kuh», wie ein Bekann­ter kürzlich sagte. Diejenigen, die Erschöpfungsgefühle haben, erleben sich als alleine damit. Eine Kompo­nente, die wir in diesem Zusammen­hang übrigens oft hören, ist die fehlende konkrete Unterstützung: Diese Eltern haben meist keine Mög­lichkeit, die Kinder abzugeben. 
«Vergleiche zwischen den Generationen bringen wenig. Die Art der Belastung hat sich verändert und die Ansprüche an sich und sein Gelingen in Erziehung, Laufbahn oder Beziehung sind grösser geworden.»
Peter Sumpf, Leiter des Elternnotrufs.

Viele Eltern haben heutzutage auch das Gefühl, ihre eigenen Eltern hatten das alles besser im Griff.

Das kann täuschen und vielleicht ist da manchmal auch etwas Verklärung im Spiel. Die Eltern der heutigen Eltern entspringen oft der Generati­on der «Babyboomer», geboren und aufgewachsen in einer Phase des kontinuierlichen wirtschaftlichen Fortschritts. Die Diskussion der bestehenden Werte, zum Beispiel in der Rollenteilung oder der Erzie­hung, nahm damals ihren Anfang. Ich spreche von der 1968-er­ Generation. Vergleiche bringen da wenig: Die Art der Belastung hat sich verändert und die Ansprüche an sich und sein Gelingen in Erziehung, Laufbahn oder Beziehung sind grösser geworden.
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Sind berufliche Ambitionen ein Problem?

Die eigenen Ansprüche sind es. Egal, ob an die Karriere, die eigene Erziehungsarbeit, das Verhalten der Kinder – die Ansprüche sind enorm gestiegen. Schauen Sie mal, was es allein in der Erziehung für Normen gibt, was man da alles falsch machen kann. Und natürlich hat jeder Vater, jede Mutter den Anspruch, es richtig zu machen. Gemessen an diesen hohen Erwartungen sind die Chancen des Scheiterns grösser. Wir wissen, dass es ein Weg in die Erschöpfung ist, an sich selbst zu hohe Ansprüche zu stellen und permanent zu versuchen, diese zu erfüllen. Oft sind es aber natürlich die Ansprüche, die man aus der Gesellschaft übermittelt bekommt.

Sie meinen sozialen Druck?

Absolut. Gesellschaftliche Normen sind heute vielleicht weniger ausschliesslich, aber deutlich vielfältiger und manchmal vielleicht auch widersprüchlicher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Zu jedem Thema, das eine Familie betrifft, finden Sie zig Ratgeber, die erklären, wie etwas richtig geht. Wie gestalte ich den perfekten Kindergeburtstag? Wie unterstütze ich mein Kind bei den Aufgaben? Wie schaffe ich eine gute Beziehung zum Kind? Hinzu kommt, dass jeder weiss: Gute Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn mein Kind schulisch vielleicht nicht den Erwartungen entspricht, investiere ich hier auch noch einmal. Und übertrage damit meine Ansprüche übrigens auch auf das Kind. 

Das heisst, wir müssen an den Ansprüchen – den eigenen und den gesellschaftlichen – arbeiten?

In der Tat. Die gesellschaftlichen Ansprüche zu ändern, dauert lang, deshalb ist es sinnvoll, bei sich selbst anzufangen und sich zu fragen: Was ist wichtig und muss wirklich sein? Was ist nicht so wichtig? Das bezieht sich auf alles: Unternehmungen, finanzielle Aufwendungen, die Ansprüche an sich selbst, an das Kind und an das eigene Verhalten gegenüber dem Kind und dem Partner. Und dann lautet meine Grundbotschaft: Eltern sollen sich mehr Unterstützung holen, wo immer es geht. Das Kind in Zeiten hoher Belastung abgeben, wann immer es möglich ist. Und sich deshalb nicht schämen oder Gedanken darüber machen, dass es traumatisiert werden könnte. Darüber hinaus gibt es eine geniale Hilfe, deren Wirkung mich immer wieder erstaunt: darüber reden.

Zur Person:

Peter Sumpf ist Sozialarbeiter FH und Geschäftsleiter des Elternnotrufs.

Weiterlesen:

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