Mit Musik junge Patienten heilen
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Mit Musik junge Patienten heilen

Lesedauer: 5 Minuten

Klänge, Rhythmen, Tonfolgen – über die Mittel der Musik versuchen Therapeuten einen Zugang zu ihren jungen Patienten zu finden. Ein wichtiges Element der Musiktherapie ist dabei der Safe Place, ein sicherer Raum, der es den Kindern ermöglichen soll, sich mitzuteilen.

Text: Sibylle Dubs
Bild: Sandra Lutz Hochreutener

Ein Raum voller Musikinstrumente. Darin bewegt sich Nadia. Die Zehnjährige schlägt auf Trommeln, Becken und Gong ein. Dazu stösst sie Schreie aus. Ihre Musiktherapeutin steht am Rand, begleitet sie auf dem Xylofon. Sie spielt kleine Antworten auf Nadias wildes Spiel und gibt musikalische Impulse. Doch das Mädchen scheint diesen Versuch einer Kontaktaufnahme nicht zu beachten.

Als Betrachter stellt man sich das hyperaktive Kind im Alltag vor, wie Nadia aneckt, wie sie aufgefordert wird, still zu sein, wie ihr Umfeld vielleicht leidet. Man fragt sich, wie die Therapeutin dieses stürmische Mädchen, das gerade mit unglaublicher Kraft gegen die Rahmentrommel knallt, stoppen kann.

Im Safe Place lernt ein Kind, seine Gefühle auch ausserhalb des Therapieraums zu regulieren.

Bei dieser Szene handelt es sich um eine Videosequenz, entstanden im Rahmen der Musiktherapeuten- Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Sandra Lutz Hochreutener schaut auf den Bildschirm. Sie ist die Leiterin des Masters of Advanced Studies für klinische Musiktherapie an der ZHdK und praktiziert selbst seit 36 Jahren. «Die Therapeutin hält das aus», kommentiert sie die Sequenz mit Nadia.

Ein Therapieraum ist nicht der Ort für Kritik und Kontrolle. Im Gegenteil: Wenn sich das Verhalten des Kindes verändern soll, muss für das Mädchen ein sogenannter Safe Place, ein sicherer Raum, geschaffen werden. «Ein Kind muss sich so angenommen und geschützt fühlen, dass es alle Seiten von sich zeigen kann: die wilden, harmonischen oder die bösen.»

Die Musik macht den ersten Schritt

Dann kommt im Film ein wichtiger Moment. Nadia nimmt wahr, dass die Therapeutin ihren Schlag auf das Becken auf dem Xylofon wiederholt. Das Mädchen hält inne, nimmt Blickkontakt auf, schlägt erneut auf das Becken und stoppt sogleich den Nachhall, um zu hören, ob ihr Spiel wieder eine Antwort erhält. Als der Xylofonton erklingt, gibt Nadia einen freudigen Jauchzer von sich. 

Ein kleiner Schritt ist getan, der Beginn einer Beziehung zwischen Nadia und ihrer Therapeutin, ein erstes Ankommen in einem Raum, der zum Safe Place des Mädchens werden soll. Ziel wird sein, dass das Mädchen den Safe Place verinnerlicht. Dann wird sie auch ausserhalb des Therapieraums besser fähig sein, ihre Gefühle zu regulieren und Kontakte zu knüpfen. So ein Prozess kann lange dauern.

Der Safe Place bildet die Grundlage für die therapeutische Arbeit, sagt Sandra Lutz Hochreutener und erzählt von einem Mädchen aus ihrer Praxis. Wegen eines frühkindlichen Traumas beherrschte Angst ihr Leben. Das war auch im Therapieraum nicht anders. «Ich sagte, okay, du kannst dir eine Hütte bauen und dich drin verstecken, und du kannst auch ein Stofftier mitnehmen.»

Wochenlang versteckte sich das Mädchen die ganze Therapie hindurch in ihrem Haus aus Stühlen, Decken und Kissen. «Mit der Zeit gab es Kontakt von innen nach aussen: Das Mädchen hat auf der Flöte Töne gespielt, und ich habe von aussen mit einer anderen Flöte geantwortet. So hat sich langsam Kontakt angebahnt.» Daraus entwickelten sich instrumentale «Gespräche». Es folgten gegenseitige Besuche, bis eines Tages das Mädchen statt der Hütte einen Platz für sie beide einrichtete. Das Dach «brauche sie nicht mehr», hätte sie beiläufig gesagt.

Kommunikation durch verschlossene Türen

Musik hat gegenüber dem Reden den Vorteil, dass sie mehrere Sinne gleichzeitig berührt und stimuliert. Man hört den Klang, spürt die Vibration, sieht und fühlt die Instrumente in ihren unterschiedlichen Grössen und Materialien. Und Musik spricht sowohl körperlich wie auch auf der Gefühlsebene an. «Wenn ich hinten in der Ecke einen kleinen Ton spiele, ist der andere im Raum davon beeinflusst, auch wenn wir uns nicht anschauen», sagt Sandra Lutz Hochreutener. «Deshalb ist es auch bei verschlossenen Menschen ein effizientes Mittel. Die Schale, die rundherum ist, wird mit der Musik sanft durchbrochen.» Wie in jeder Psychotherapie gibt es auch bei der Musiktherapie eine Vielzahl von Methoden, die bei den Patienten individuell eingesetzt werden.

Musiktherapie

Musiktherapie ist ein psychotherapeutisches Therapieverfahren, das für Menschen jeden Alters als Einzel- oder Gruppentherapie angeboten wird. Die rund 300 Musiktherapeutinnen und Therapeuten in der Schweiz arbeiten in Kliniken oder Praxen. Häufige Indikationen für Musiktherapien bei Kindern sind Mutismus und andere Kommunikationsstörungen, Depressionen, psychosomatische Erscheinungsformen wie Kopf- oder Bauchweh, Essstörungen oder Autismus. Die Behandlungen erfolgen nach Überweisung von Sozialdiensten oder Ärzten oder auf private Empfehlung. Die Kosten werden von manchen Zusatzversicherungen der Krankenkassen übernommen.

Zentral ist die Improvisation: das Spielen jenseits von Richtig oder Falsch. Improvisation kann helfen, Spannungen abzubauen oder Hindernisse zu überwinden. Sie wird auch eingesetzt, um sich in der Therapie einem Thema zu nähern. Oft folgen ihr auch Rollenspiele oder Gespräche. Bei der Improvisation eröffnet sich ein «schöpferischer Raum, in welchem Wandlung und Erneuerung stattfinden kann», schreibt Sandra Lutz Hochreutener in ihrem Buch «Spiel-Musik-Therapie ». Das Buch basiert auf 540 Tonprotokollen aus ihrer Praxisarbeit, welche sie analysierte. Die Fallbeispiele zeigen eindrücklich die Vielfalt und Möglichkeiten der Musiktherapie.

Das sogenannte ‹spontane Singen› hilft Kindern, Worte zu finden, um sich auszudrücken.

Auch Lieder spielen – gerade in Kombination mit der Improvisation – eine wichtige Rolle. Das sogenannte «spontane Singen mit Text» ist eine lustvolle Form, die es Kindern erleichtert, Worte zu finden, um sich auszudrücken. Eine Videoaufnahme zeigt ein Mädchen, welches gegenüber ihrer Therapeutin sitzt. Beide haben eine Gitarre. Die Siebenjährige schlägt rhythmisch über die Saiten. Die Therapeutin übernimmt die Bewegung genau und lässt dabei ihre Gitarre in harmonischer Abfolge klingen. Dies gibt einen musikalischen Boden. Das Mädchen singt dazu in ein Mikrofon: «Hallo liebe Freunde, ich bin so alleine.»

Das Mädchen findet Worte, die ihre eigenen Gefühle ausdrücken. Dabei zeigt es körperlich kaum Emotionen. In seinem spontan erfundenen Lied trifft es einen Hund, einen Husky. «Hallo, liebe Freunde, ich bin so alleine» wird zum Refrain. Schliesslich geht das Mädchen mit dem Hund in den Wald. Da steht ein böser Räuber. Der Singfluss ist auf einmal unterbrochen. Die Situation steht offensichtlich für ein Trauma. Die Therapeutin bricht nicht ab, sondern macht auf der Gitarre ein Zwischenspiel. «Wenn die Sprache versiegt, trägt die Melodie weiter», schreibt Lutz Hochreutener dazu in ihrem Buch.

Safe Place – ein Kind in Therapie soll sich hier sicher und geborgen fühlen. 
Safe Place – ein Kind in Therapie soll sich hier sicher und geborgen fühlen. 

Tatsächlich findet das Mädchen während des musikalischen Intermezzos zu einer Lösung: «Husky, ich setze mich auf dich drauf und dann rennen wir schnell weg.» Und die Therapeutin stärkt die Lösung: «Wir rennen, rennen, rennen, rennen, rennen weg.» Nach dem Lied schreit das sonst scheue Mädchen, so laut es kann, «Hallo!» in das Mikrofon. Es bemerkt, wie die Instrumente im Raum widerhallen. Dann schreit es nochmals und nochmals. 

Zurück zu Nadia. Drei Monate sind seit ihrer ersten wilden Therapiesitzung vergangen. Eine neue Filmaufnahme zeigt den gleichen Ort. Nach zehn Therapiesitzungen scheint er ein Safe Place für Nadia geworden zu sein. Sie spielt rhythmisch auf der Lotusflöte, und die Therapeutin stützt den Rhythmus mit der Trommel. Nadia versucht, gleichzeitig zur Flöte auch andere Instrumente zu spielen. Es gelingt ihr. Doch dann verliert sie den Rhythmus, den sie so lange wiederholte. Sie geht zur Therapeutin, die sanft weiterspielt. Nadia hält das Ohr an die Trommel und stimmt wieder mit ein. Es ist eine neue Qualität von Beziehung, welche das Mädchen hier erlebt. «Die verstehen sich», denkt der Betrachter und ist berührt.

Musiktherapie als Gewaltprävention: «TrommelPower» in Schulen

Die «TrommelPower»-Methode ist ein spezifisches Konzept für die präventive Arbeit in Schulhäusern. Musiktherapeutisch geschulte Trainer besuchen Klassen, bei denen Ausgrenzung, Verweigerung, Konflikte, Unsicherheit oder Angst ein Thema sind. Entwickelt wurde die Methode von einem Team um den Münchner Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Andreas Wölfl: «Die Trommel kann sowohl Kraft und Stärke als auch Ärger und Wut ausdrücken. Im Trommelspiel können die verschiedenen Qualitäten erfahren werden und die Kinder lernen beides zu unterscheiden.»

Die Grundlagen der Methode stammen aus der klinischen Arbeit mit aggressiven Jugendlichen. «In der Analyse der Biografien gewaltbereiter Jugendlicher wurde schnell deutlich, dass eine frühzeitigere Auseinandersetzung mit dem Thema bei vielen eine negative Gewaltkarriere hätte verhindern können», stellt Wölfl fest. «TrommelPower» will mit den Ressourcen und der Spielfreude der Schüler ihre Kompetenzen im Umgang mit Stress, Spannungen, Angst und Konflikten fördern. Durch das gemeinsame musikalisch-kreative Erleben entsteht häufig auch ein anderer Kontakt zwischen Lehrperson und den Schülern, der die Beziehung offener und vertrauter macht. Das Projekt wird auch in der Schweiz angeboten.

Weitere Infos finden Sie hier.

Sibylle Dubs
ist freie Autorin. Die Musikpädagogin übt selber viel mehr, seit das Klavier zu Hause in der Küche steht. Der Esstisch wurde ins Wohnzimmer ausquartiert. Doch auch wenn die Musik in den Alltag integriert ist, müssen ihre Kinder Teenager noch regelmässig ans Spielen erinnert werden.

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