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Elternbildung

Zu einer destruktiven Beziehung gehören zwei!

Ein Familienvater trinkt, zieht sich zurück, wirkt depressiv. Die siebenjährige Tochter fühlt sich allein und ausgeschlossen. Seine Frau bittet Jesper Juul um Rat – und wird vor eine grundlegende Entscheidung gestellt.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

Lieber Jesper Juul, ich brauche Rat.

Mein Mann und ich sind seit acht Jahren verheiratet und haben eine siebenjährige, wunderbare Tochter. Als ich ihn kennenlernte, hat er oft getrunken. Das wurde mit der Zeit zu einer festen Gewohnheit. Alkohol war ein Begleiter jeder Auseinandersetzung.

Mein Mann arbeitet vorwiegend nachmittags und abends. Seine Präsenz zu Hause beschränkt sich meist auf den Sonntag. Erst wenn sein Schlafbedürfnis gedeckt ist, hat er für die Tochter etwas Zeit, die er am liebsten in der Wohnung verbringt. Ich muss oft intervenieren, damit es zu einer gemeinsamen Aktivität kommt. Dann schaut er mit ihr eine Kindersendung, oder wir essen zusammen.

Die Rollenaufteilung in der Familie ist klassisch: Der Mann bringt das Geld nach Hause, die Frau steht hinterm Herd und erzieht die Kinder. Damit bin ich nicht einverstanden. Ich bin anders erzogen worden, fügte mich aber zum Wohl des Kindes. Nach Jahren musste ich feststellen, dass mein Mann depressiv ist. Er hat das auch zugegeben, nachdem er über Selbstmordgedanken gesprochen hatte.

Ich arbeite, habe promoviert und bin total erschöpft. Wir haben auch finanzielle Probleme. Und alles, was mit unserer Tochter zu tun hat, regle ich im Alleingang. Unterstützung bekomme ich gar keine – und zwar seit Anfang an. Die Kommunikation zwischen mir und meinem Mann ist momentan auf ein Telefongespräch reduziert.

Unsere Tochter spürt die Frustration und Nervosität meinerseits und ist unglücklich, dass sie wenig von ihrem Papa hat. Sie vermisst seine Aufmerksamkeit und leidet darunter. Seit einem Jahr ist sie sehr weinerlich, fühlt sich oft von Kindern ausgeschlossen, sagt öfters, sie habe einen schlechten Tag und sei traurig. Sie hat keine Strategie entwickelt, um nach einem Ersatz oder Ausweg zu suchen, wenn sie ausgeschlossen wird. Sonst gibt sie gern den Ton an, das liegt in ihrem Temperament. Allerdings kann sie nicht diplomatisch sein.

Eine Trennung? Dann gibt es ja keinen Kontakt mehr zwischen Vater und Tochter

Eigentlich fühlen wir uns beide ausgeschlossen, nicht wahrgenommen. Unsere Bedürfnisse werden gar nicht erkannt. Ich bewege mich in einem Teufelskreis.

Ich habe Hilfe gesucht, gehe zur Kindertherapeutin meiner Tochter und kann in Gesprächen etwas von meinem Frust erkennen, begründen und verstehen. Auch das Verhalten meiner Tochter spreche ich an, da sie mir gegenüber seit Jahren grob ist. Und ich habe vor, mit meinem Mann bei unserem Hausarzt seine Depression und Behandlungsmög­lichkeiten zu besprechen.

Ich habe über eine Trennung nachgedacht. Aber ich befürchte, dass es dann gar keinen Austausch mehr zwischen Tochter und Vater gibt. Anderseits bietet eine glückli­che Mutter wohl mehr Halt als eine überforderte und unglückliche, die keinen Ausweg sieht. Wie sehen Sie das, Herr Juul?

Antwort von Jesper Juul:

Vielen Dank für Ihr Vertrauen und die ehrliche, direkte Art, mit welcher Sie Ihre Familiensituation schildern; das ist für mich und auch für viele andere Familien, die mit ähnlichen Problemen kämpfen, hilfreich. Es gibt aber eine wesentliche Informa­tion, die ich Ihrem Brief nicht ent­nehmen kann: Lieben Sie Ihren Mann? Ich frage das deshalb: Sollten Sie es nicht tun, ist es für mich schwer vorstellbar, woher Sie die Energie und das Durchhaltevermögen nehmen werden, um die nächs­ten drei bis fünf Jahre zu überstehen, unabhängig davon, welche Entschei­dung Sie treffen.
«Es ist, als ob Sie ihm die Autoschlüssel in die Hand drü­cken und ihn darum bitten würden, mit Ihnen allen betrunken zu fah­ren.»
Jesper Juul
Ich bin überzeugt davon, dass der Schmerz Ihrer Tochter Ihnen schon gezeigt hat, dass Sie ihr keinen Gefallen damit getan haben, die Leere Ihrer Ehe über so viele Jahre hinweg zu erdulden. Sie beide sind der Dynamik zum Opfer gefallen, welche vom inkompetentesten Mit­glied der Familie, Ihrem Mann, defi­niert wird.

Es braucht immer zwei Personen, um eine destruktive Beziehung zu schaffen, und in Ihrem Fall haben Sie Ihrem Mann die Macht gegeben, die er jetzt hat. Es ist, als ob Sie ihm die Autoschlüssel in die Hand drü­cken und ihn darum bitten würden, mit Ihnen allen betrunken zu fah­ren. Vor einem moralischen Richter verliert der Alkoholisierte immer, aber im richtigen Leben sind Sie bei­de gleichermassen verantwortlich, und nur Ihre Tochter ist das Opfer.

Ich hebe dies in der Hoffnung hervor, dass Sie damit anfangen wer­den, Ihre wertvolle Energie dafür zu verwenden, für sich selber zu kämp­fen und nicht gegen ihn. Je länger Sie so weitermachen wie bisher, je schuldiger wird er sich fühlen, und Schuld macht ihn durstig. Wenn es Ihnen gelingt, die Verantwortung für sich selber und Ihre Tochter zu übernehmen, könnte es ihn dazu inspirieren, die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

Wenn es wahr ist, dass er seit vie­len Jahren unter einer starken De­pression leidet, hat er den destruktivsten Weg, damit umzugehen, gewählt, nämlich zu einem introver­tierten, unverantwortlichen, selbst­ zerstörerischen Mann und Vater zu werden. Ich sage bewusst «gewählt», weil es andere Möglichkeiten gab, zum Beispiel den Schmerz mit Ihnen zu teilen oder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
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2 Kommentare

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Von Madeleine am 22.02.2017 20:09

Mir erscheint Jesper Juules Antwort aufgrund der vorliegend geschilderten Lage nachvollziehbar. Beim Lesen empfinde ich die Anfrage der Mutter als Bitte um Rechtfertigung einer Trennung. Nachvollziehbar, und aus meiner Sicht sehr verständlich.
Ich selbst bin in einer Beziehung in der das Thema wesentlich schwieriger ist. Mein Mann, den ich, vorweggenommen, liebe und der der Vater unserer beiden Kinder ist, trinkt ebenfalls sehr viel und regelmässig Alkohol. Seit Längerem ist dies bei uns Gesprächsthema, wir können sehr offen darüber sprechen, meist konstruktiv und wertfrei. Ich kann ansprechen, dass es mir zuviel ist, dass ich eine Abhängigkeit seinerseits zum Alkohol empfinde, dass ich eine Veränderung möchte. Er sieht es jedoch als zwar übermässiges Trinkverhalten, empfindet es jedoch nicht als Suchtkrankheit und sieht darum eine Reduktion als ausreichende Massnahme.
Im Gegensatz zum obigen Artikel nimmt mein Mann jedoch ausgiebig am Familienleben teil, er ist ein liebevoller Papa und Ehemann, aufmerksam und fürsorglich. Seine körperliche Gewöhnung an den Alkohol hat zur Folge, dass er obwohl er trinkt, praktisch nie betrunken wirkt. Aus seiner Sicht gibt es somit also für Niemanden eine Einschränkung. Alles läuft, der Job, der Haushalt (den er grösstenteils schmeisst), die Familie. Für ihn gibt es somit keinen Grund aufzuhören oder den Konsum stark einzuschränken.
Einzig ich bin diejenige der es zuviel ist. Die nicht möchte, dass die Kinder in einem Umfeld aufwachsen in denen solche Mengen Alkohol "normal" sind. Eine zeitlang war ich dann an ebendiesem Punkt wie diese Mutter, dass ich - vorrangig aber nicht ausschliesslich aus Schutz für meine Kinder - an eine Trennung gedacht habe. Und dann war es der Psychologe in der Suchtberatung, der mir andere Sichtweisen aufgezeigt hat. Er sagte z.B. dass das Suchtproblem mit dem die Kinder aufwachsen nicht gelöst wird, durch eine Trennung. Dass ihr Papa dann viel mehr in die "jetzt erst recht"-Position gehen könnte, und ich noch viel weniger mitbekomme was wirklich läuft.
Er sagte mir, dass eine Trennung zu dem Tiefpunkt führen könnte, der ihn zu einer Therapie bewegt, oder eben auch nicht. Dass das weder in meiner Macht noch in meiner Verantwortung stehe. Dass es vielmehr eine Erwartung meinerseits ist, dass mein Mann meine Sicht der Dinge übernimmt und sich dieser unterordnet, anstatt dass ich ihm die Verantwortung eines selbstständigen Erwachsenen überlasse, seinen eigenen Umgang und Ausweg aus der Situation zu finden.
Somit frage ich mich, bei der Antwortmöglichkeit 2 die Jesper Juul gegeben hat, was ist die Konsequenz wenn sich der Mann gegen eine Entwöhnungskur entscheidet?

Ich würde zu gern mit Herrn Juules darüber ausführlich sprechen. Es würde mich unheimlich interessieren, ob er wirklich nur den Weg der Trennung sieht?

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 24.02.2017 14:30

Haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihr Schreiben an Jesper Juul.
Sie wählen eindrückliche Worte, und wir danken Ihnen für Ihre Offenheit.

Wie Sie vielleicht wissen, ist unser Kolumnist sehr schwer krank.
Er leidet an einer Entzündung der Rückenmarkflüssigkeit, ist vom Brustkorb abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl.
Ein Redaktor der ZEIT hat ihn kürzlich zu Hause besucht: http://www.zeit.de/2017/06/schicksalsschlaege-familientherapeut-jesper-juul

Es gibt Tage, an denen er zu schwach ist zum Schreiben.

Es ist deshalb zur Zeit nicht möglich, mit Jeser Juul direkt in Kontakt zu treten.

Wenn Sie eine konkrete Fragen an Jesper Juul haben, leiten wir diese gerne an ihn weiter.
Ob er sie beantworten kann, können wir allerdings nicht versprechen.

Herzliche Grüsse und alles Gute für Sie!

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