Teilen

Empathie ist kein Geschenk, sondern eine Verpflichtung

Lesedauer: 4 min
Verständnisvoll und einfühlsam zu sein, wurde mit dem Lockdown zu einer alltäglichen Herausforderung. Wie sich gezeigt hat, lohnt es sich in so einer Ausnahmesituation, ganz rational an der Empathie zu arbeiten.
Text: Julia Meyer-Hermann

Bild: Herbert Zimmermann / 13 Photo

Die letzten Wochen, das weiss ich jetzt, waren ein Lehrstück im empathischen Miteinander. Eine ziemlich herausfordernde Übung, bei der man vorab gar nicht ahnte, welchen Stoff man da eigentlich zu bewältigen hatte.

Kurz nach dem Ausbruch der Pandemie hiess es in vielen Medien, die Ausnahmesituation sei auch eine Chance für mehr Empathie. Meine zwölfjährige Tochter, die ohnehin sehr idealistisch denkt, las die Schlag­zeilen und sagte: «Die Menschheit muss sich jetzt beweisen.»

Als ich ihr die Massnahmen konkret erklärte, schrumpfte ihr Enthusiasmus ein wenig. Keine Treffen mit Freun­dinnen. Kein Schwimmverein. Auch kein Eis in der ersten Frühlings­sonne. Obwohl ihr die Krankheit doch vermutlich nichts anhaben würde!

Ich erklärte meinen beiden Kindern, dass es auch in unserem Umfeld Menschen gebe, die wir schützen müssen: Ihre Omi, meine Mutter, ist fast 80 Jahre alt. Die Mutter einer Kindergartenfreundin hat soeben eine Krebserkrankung überwunden. Eine Freundin von mir, gerade erst 40, gilt wegen einer Autoimmunkrankheit als Hochrisikopatientin. Das Fazit fiel den Kindern nicht leicht, war aber eindeutig: Wir müssen unsere Bedürfnisse zurückstellen. Rücksicht auf Schwächere nehmen. Solidarität zeigen.

Von #staythefuckathome zu #fuckcorona

Wenn ich Freundinnen in den ­ersten Tagen anrief, um zu fragen, wie es ihnen während des Lockdowns ging, klangen die Antworten ähnlich: «Wir gehen es ganz ruhig an. Wir konzentrieren uns gerade aufeinander. Ist irgendwie entspannt.» Nur eine Woche später hörte sich das ganz anders an. «Es ist schwierig», hiess es da schon. «Herausfordernd», nannte es meine Schwester. «Hier kracht es oft», sagte eine Kollegin.

Ich kenne viele Freiberufler, die diese Krise nicht unbeschadet überstehen werden. In den sozialen Netzwerken las ich zunehmend mehr Kommentare, dass «Alte beieinander in der Sonne sässen, während man selbst für diese Menschen seine Zukunft riskiere». Der Hashtag #staythefuckathome wurde von #fuckcorona abgelöst.

Seit Beginn der ­Pandemie fragte ich mich manches Mal, ob so eine Zeit Egoismus fördert.

Auch ich konnte die wachsende An­spannung aus unserem häuslichen Miteinander bestätigen. In meinem Hinterkopf summte wie ein ständiger Störton die Angst, wie das denn weitergehen solle. Was würde das für unsere berufliche Zukunft und unsere Wirtschaft bedeuten? Mein Mann ist Redaktor, ich bin freiberufliche Autorin. Wir sind seit dem Lockdown im Homeoffice.

Unsere Grosse geht in die 7. Klas­se eines Gymnasiums, unser Sohn in den Kinder­garten. Latein und Physik im Homeschooling neben einem bewegungshungrigen Sechsjährigen? Telefonkonferenzen, während die Kinder streiten?

Als ich einem mir bis dahin unbekannten Chefredaktor am Telefon ein Thema vorschlug, brüllte der Sohn im Hintergrund nach Klopapier. Im Nachhinein ist das eine witzige Geschichte, weil der Mann wahnsinnig lachte und den Artikel trotzdem kaufte. Aber wie hätte ich reagiert, wenn mich das den Auftrag gekostet hätte? Empathisch? Mit Verständnis für den Jüngsten in unserer Familie? Vermutlich nicht.

Ich musste während dieser Wochen im Ausnahmezustand ei­nige Male an den Satz aus Bertolt Brechts «Dreigroschenoper» denken: «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.» Als Jugendliche hat mich der Gedanke verstört, dass moralisches Verhalten an Wohlstand geknüpft sein soll. Seit Beginn der Pandemie – mit all ihren Hamsterkäufen und den Diebstählen von Atemschutzmasken – frage ich mich manches Mal, ob so eine Zeit Egoismus fördert.

Wie soll man empathisch sein, wenn man nervlich am Limit ist?

Das beginnt bereits in der Familie. Wie gut funktioniert denn überhaupt die empathische Einfühlung fürs Gegenüber, wenn man nervlich am Limit ist? Wenn man nicht nur seine Arbeit kaum bewältigen kann, sondern gleichzeitig auch noch Angst um die berufliche Existenz hat? Bei uns gab es einige Situationen, in denen weder der Perspektivwechsel noch die empathische Kommunikation funktionierten.

Ein Beispiel: Die präpubertäre Tochter zickt mich an, während ich selbst wegen einer Nachtschicht am Schreibtisch völlig übermüdet bin. Ich denke reflexartig: «Wie undankbar, ich halte doch hier den Laden am Laufen.» Erst ein paar Minuten Rumgebrülle und Türenknallen später fällt mir auf: Sie vermisst ihre Freundinnen, den gewohnten Alltag, die geregelten Schulabläufe. Ihr Nervenkostüm leidet unter dem gleichen Mangel wie meines.

Gestritten wurde öfter als sonst

Was uns dabei geholfen hat, ist eine Art kognitive oder auch rationale Empathie. Gestritten wurde trotzdem öfter als sonst. Aber wir konnten die Streitigkeiten schnell klären, indem wir uns zusammensetzten und offen besprachen, wie es uns ging. Jedem Einzelnen und uns zusammen als Gruppe.

Wir haben das dann ritualisiert. Beim Abendessen haben wir darüber geredet, was schön war an jedem Tag. Was wir zusammen gut gemacht haben. Wir als Familie wissen jetzt mehr denn je: Empathisch zu handeln, das ist kein Geschenk des Himmels, ­sondern oft eine Herausforderung. Eine Verpflichtung, an die man sich ganz rational erinnern sollte.