Frau Brunner, wenn sich Eltern scheiden lassen, müssen Kinder ab dem 6. Lebensjahr angehört werden. Sie führen solche Anhörungen für das Gericht durch. Was erzählen Ihnen diese Kinder?
Das ist unterschiedlich und hängt von der Beziehung zu den Eltern ab. Eine typische Situation ist: Das Kind hat zu beiden eine gute Beziehung, aber die Eltern sind sich uneinig, wie oft es bei wem sein soll. In solchen Fällen möchten sich Kinder oft gar nicht äussern. Oder sie möchten, dass die Zeit ganz gerecht aufgeteilt ist – bis auf die Stunde. Sie haben so das Gefühl, etwas dazu beizutragen, damit die Eltern weniger streiten.
Und wenn die Beziehung nicht zu beiden Elternteilen gut ist?
Manchmal unterstellen Fachpersonen den Kindern, dass sie doch zu beiden Elternteilen die gleiche Beziehung haben wollen, obwohl das nicht stimmt, weil sie vielleicht Probleme mit Mutter oder Vater haben. Dann fühlen sich die Kinder nicht gehört und unverstanden. Tendenziell haben Kinder in unserer Gesellschaft eine grössere emotionale Bindung zur Mutter, weil sie noch immer näher bei ihr aufwachsen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn der Vater wenig Erfahrung mit ihnen hat.

Wenn also vor der Trennung keine gleichberechtigte Rollenaufteilung gelebt wurde, kann sie danach nicht eingefordert werden.
Genau so ist es. Fachpersonen oder auch Eltern sagen dann: Es ist eine neue Situation, also arrangieren wir uns neu. Aber für die Kinder stimmt das nicht immer. Gerade jüngere Kinder haben bisweilen Mühe, längere Zeit ohne ihre vertrauteste Bezugsperson zu sein. Schnell ist dann der Vorwurf da, diese würde das Kind manipulieren. Auch Fachleute übernehmen diese Sicht teilweise. Das ist sehr frustrierend für Kinder, weil sie sich in ihren Äusserungen unverstanden fühlen und zudem in Situationen gezwungen werden, die für sie schwierig sind.
Was sollte man tun, wenn ein Kind sich weigert, zum anderen Elternteil zu gehen?
Zuerst sollten Eltern versuchen, zu verstehen, wie das Erleben des Kindes ist. Danach kann nach Wegen gesucht werden, die dem Kind angepasst sind. Dazu braucht es die Bereitschaft beider Eltern, flexible Lösungen zu finden. Wenn das nicht möglich ist, führt dies oft zu verhärteten Situationen, in denen Kinder sich immer mehr verweigern. Wir treffen auch immer wieder Kinder an, die durch solche Situationen völlig verunsichert und gestresst sind oder psychosomatische Beschwerden entwickeln.
Eine Trennung führt oft dazu, dass ich in meiner Rolle als Mutter oder Vater verunsichert werde. Allein mit dem Kind muss ich mich neu definieren.
Auszuhalten, dass das eigene Kind nicht zu einem kommen will, ist sehr schwierig.
Ja, das ist es, aber diesen Prozess gilt es durchzustehen. Unsere Kinder gehören uns nicht – weder als Vater noch als Mutter.
Sie beraten auch Familien in Trennungssituationen. Was sind die Bedürfnisse dieser Kinder?
Das Streben der Kinder ist, sich zu entwickeln, etwas von der Welt zu erfahren, zu lernen. Sie möchten, dass ihre Entwicklung, ihr Leben und ihre liebevolle Versorgung durch die Eltern weiterhin garantiert bleiben. Wie das geschehen kann, ist von Familie zu Familie unterschiedlich.
Was bewegt die Eltern, die zu Ihnen kommen?
Wir haben in der Regel Familien bei uns, bei denen es Probleme gibt. Viel Streit gibt es um die Kinderbetreuung – wer darf mehr mit dem Kind zusammen sein? Da vor dem Gesetz heute die Kinderbetreuung eng mit dem Kinderunterhalt verbunden ist, gilt dieser Streit manchmal auch den Finanzen. Viele Konflikte entstehen zudem aufgrund der Paardynamik. Und dann sind da noch emotionale Probleme.
Welche?
Eine Trennung führt oft dazu, dass ich in meiner Rolle als Mutter oder Vater verunsichert werde. Allein mit dem Kind muss ich mich neu definieren. Hinzu kommt die Angst, dass ich mein Kind weniger oft sehe. Diese Gefühle verstärken Konflikte zwischen den Eltern. Mit dem gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte haben sich zudem Familienbilder stark verändert. Bei den Rollenerwartungen von Vater und Mutter ist noch vieles ungeklärt, was bestehende Konflikte ebenfalls anheizt.
Eltern sollten respektieren, was das Kind sagt – auch wenn es nicht dem entspricht, was sie gerne hätten.
Können Sie das erklären?
Bei Frauen sehe ich häufig, dass sie sich von ihren Partnern in ihrer Care-Arbeit nicht wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen. Sie kämpfen um Entlastung. Ist die Trennung da, wollen viele Väter plötzlich mehr übernehmen. Das entwertet die vorangegangene Übernahme von Care-Arbeit noch einmal und Frauen fühlen sich in Frage gestellt.
Der Vater fürchtet sonst, dass er die Kinder zu wenig sieht?
Genau. Solange ein Vater mit traditioneller Rollenverteilung in einer sogenannt intakten Familie lebte, wusste er: Wenn ich abends von der Arbeit heimkomme, sehe ich die Kinder. Nach einer Trennung ist dies nicht mehr der Fall. Wie können also Väter genügend Kontakt zu ihren Kindern halten? Diese Frage beschäftigt sie sehr.
Was raten Sie Eltern, damit sie die Kinder nicht mit solchen Konflikten belasten?
Sie sollten näher ans Kind rücken, versuchen, seine Sicht zu verstehen, ihm besser zuhören und respektieren, was es sagt – insbesondere auch wenn es nicht dem entspricht, was sie selbst gerne hätten. Das ist eine grosse psychische Herausforderung. Es geht darum, zu akzeptieren, dass man vielleicht weit weg ist von seiner Idealvorstellung einer Familie. Wie schaffe ich es, das Traurige und Schwierige zu verarbeiten, ohne in den Kampfmodus zu gehen? Dazu gehört auch, dass man herausfindet, wie man sich emotional beruhigen kann und nicht so schnell wütend reagiert.
Zum Beispiel bei Übergaben?
Ja. Ein Streitmodus ist für Kinder dauernd spürbar. Es gibt viele kleine Reaktionen oder Äusserungen, die klarmachen, wie es um die Beziehung der Eltern steht. Mit Blick auf Kinder ist es deshalb wichtig, dass Eltern Wege finden, aus der Verletzung und aus dem Hass herauszukommen.
Manchmal brauchen Eltern statt mehr Kommunikation einfach mehr Abstand, weil sie noch viel zu sehr miteinander verstrickt sind.
Das ist nicht einfach, wenn man sehr verletzt ist. Haben Sie konkrete Tipps, wie dies gelingen kann?
Manchmal ist es eine längere Arbeit, die vielleicht auch einer Psychotherapie bedarf. Es geht darum, nicht in Verletzung und Ärger zu verharren, sondern zu versuchen, einen Umgang damit zu finden. Manchmal brauchen die Eltern statt mehr Kommunikation auch einfach mehr Abstand, weil sie noch viel zu sehr miteinander verstrickt sind.
Wie meinen Sie das?
Wenn man ein Paar ist, webt man sinnbildlich gemeinsam an einem Beziehungsgeflecht. So entstehen viele innere Verbindungen zueinander – Fäden, die aufgetrennt werden müssen, wenn man auseinandergeht. Erst wenn alle Fäden aus dem Beziehungsgewebe gelöst worden sind, ist die Trennung auch gefühlsmässig vollzogen, sodass negative Gefühle gegen die andere Person abebben können. Dieser Prozess ist nicht einfach, er braucht viel Arbeit an sich selbst.
Aber das Leben rundum läuft weiter: Arbeit, Schule, Freizeitprogramm. Wie schafft man es in der Trennungsphase, sich Zeit dafür zu nehmen?
Das ist schon ein bisschen die Quadratur des Kreises. Es ist sinnvoll, sich bewusste Zeitfenster für die emotionale Verarbeitung einzuplanen, beispielsweise wenn die Kinder schlafen oder weg sind. Vielleicht kann man sich abends eine halbe Stunde Zeit zum Weinen und Ins-Kissen-Schreien nehmen, sodass man am Tag seine Kräfte für die Kinder und die anstehende Arbeit nutzen kann. Es geht nicht darum, den Ärger oder die Trauer zu unterdrücken, sondern zu kanalisieren.
Und trotzdem: Manchmal weint oder schreit man auch vor den Kindern. Wie fängt man dies auf?
Es ist wichtig, in schwierigen Situationen mit Kindern auch über die eigenen Emotionen zu sprechen, sich den Kindern zu erklären. Natürlich sollte man nicht alle Probleme mit ihnen besprechen, aber man kann ihnen zum Beispiel sagen: Ich bin jetzt einfach wieder total wütend oder traurig über die ganze Situation. Ich komme da aber schon wieder raus. Du musst dich nicht die ganze Zeit um mich kümmern.
Ist für Kinder eine Trennung besser, wenn sich die Eltern häufig streiten?
Unangenehmer Streit, Gewalt und Zwang schädigen die psychische Gesundheit der Kinder. Dazu gibt es viele Studien, unabhängig davon, ob Eltern getrennt sind oder nicht. Die Aufgabe der Eltern ist, die konfliktmässige Spannung herunterzubringen.








