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«Mein Papa hat keine Zeit mehr für mich»

Lesedauer: 5 min

«Mein Papa hat keine Zeit mehr für mich»

Rouven, 10, verbringt jedes zweite Wochenende bei seinem Papa. Früher freute er sich darauf, heute möchte er am liebsten gar nicht mehr hin. Wie er seinem Papa wieder näherkommen kann, weiss Jugendcoach Sarah Zanoni.
Text: Sarah Zanoni

Bild: Getty Images

«Frag doch mal Sarah!»

Meine Eltern sind geschieden, deshalb gehe ich jedes zweite Wochenende zu meinem Vater. Am Anfang war das richtig toll! Mein Papa hat immer super Ausflüge mit mir gemacht. Wir waren im Zoo, auf Spielplätzen, im Kino und sogar in einem Seilpark. Aber seit einiger Zeit macht er überhaupt nichts mehr mit mir. Er ist ständig an seinem Computer am Arbeiten und hat keine Zeit wegen seinem neuen Job. Ich schaue dann ganz oft TV oder spiele am Computer. Für mich ist das nicht so schlimm. Aber was mich stört ist, dass Papa oft schlechte Laune hat und immer schnell laut wird. Jetzt möchte ich nicht mehr zu ihm am Wochenende. Aber ich traue mich nicht, es ihm oder Mama zu sagen.
Rouven, 10

Lieber Rouven
Vielen Dank, dass du dir zu diesem wichtigen Thema Rat holst. Das Thema ist deshalb so wichtig, weil ganz viele Kinder genau wie du regelmässig an den Wochenenden zu ihrem Papa oder zu ihrer Mama gehen wegen der Trennung oder Scheidung ihrer Eltern.

Deine Eltern bleiben ihr ganzes Leben lang deine Eltern.

In vielen Fällen lebt das Kind wie du weiterhin bei seiner Mutter und besucht jedes zweite Wochenende seinen Vater. Aber es gibt auch die gegenteilige Situation, wo das Kind beim Vater lebt und seine Mutter besucht. Aber ganz egal, wie – wichtig ist einfach, dass die Lösung möglichst für alle passt.

Damit trotz der Trennung der Eltern das Kind bei beiden Elternteilen sein kann, wurde das Besuchsrecht entwickelt. Damit soll sichergestellt werden, dass dein Vater den Kontakt zu dir behalten kann und auch du regelmässig Zeit mit ihm verbringen kannst.

Vertrauen zu beiden Elternteilen

Denn deine Eltern bleiben ihr ganzes Leben lang deine Eltern! Egal, ob sie miteinander verheiratet sind, zusammenwohnen – oder eben getrennt oder geschieden sind. Sie lieben dich und kümmern sich um dich, egal was zwischen ihnen vorgefallen ist. Und deshalb möchten sie beide auch mit dir zusammen sein. Umgekehrt ist es bestimmt auch so: du möchtest sowohl Mama als auch Papa haben. Du möchtest mit ihnen lachen, etwas unternehmen, offen reden und dich jederzeit auf sie verlassen können.

Fürs Grosswerden ist es sehr hilfreich, wenn man zu beiden Elternteilen Vertrauen haben kann. Vertrauen braucht es, um über alles – über alle Probleme, Fragen, Erlebnisse – mit seiner Mutter und seinem Vater sprechen zu können. Es ist wichtig, dass man keine Angst haben muss vor den Reaktionen der Eltern. Obwohl das in vielen Familien gut läuft, gibt es leider auch Kinder, die zuhause nicht über alles sprechen können. Du bist da nicht alleine, lieber Rouven.

Gib deinem Papa eine Chance und sag ihm, dass du die gemeinsamen Erlebnisse vermisst.

Schauen wir uns doch mal deine Situation an: Du beschreibst, dass es dir bei deinem Papa lange Zeit sehr gut gefallen hat. Dein Vater hat tolle Sachen mit dir unternommen und sich Zeit für dich genommen. Er war dann wirklich da für dich, er war präsent.

Inzwischen sieht es so aus, dass dein Papa mit Arbeiten am Computer beschäftigt ist und dich so nebenher noch bei sich hat. Wahrscheinlich denkt er, damit du trotzdem einigermassen zufrieden bist, lässt er dich gamen oder fernsehen. Und wenn er mit dir spricht, ist er offenbar gereizt und aufbrausend. Das ist nicht der Papa, den du kennst und mit dem du gerne deine Wochenenden verbringst. Du hast völlig recht, dass du das kritisierst.

Deinem Papa wieder näher sein

Was du jetzt tun kannst, ist: Deinem Papa eine Chance geben! Ich bin mir sicher, dass er sich nicht bewusst ist, wie sehr du eure gemeinsamen Abenteuer vermisst. Mein Rat ist: gib nicht eure Wochenenden auf, sondern versuche, einen Weg zu finden, wieder deinen alten Papa zu bekommen.
Du könntest damit beginnen, ihm von euren tollen Erlebnissen zu erzählen. Sag ihm, wie schön das für dich war. Wenn du es ihm nicht sagen magst, male die Erlebnisse und schenk ihm die Zeichnungen. Manchmal sagen Bilder mehr als Worte.

Frag ihn dann, ob ihr beim nächsten Treffen wieder etwas zusammen unternehmen könnt. Mach ihm ein paar konkrete Vorschläge: Hallenbad, Velo fahren, Minigolf spielen, etc.

Er wird vielleicht antworten, dass er wegen der Arbeit keine Zeit hat. Dann kannst du ihm sagen, dass du das zwar verstehst, aber dass er doch auch das Recht auf ein freies Wochenende hat. Und dass du ja nicht den ganzen Samstag und Sonntag brauchst – aber, dass er mit dir einfach jedes Mal einen Halbtag mit etwas Schönem verbringen soll.

Wenn alles nichts nützt

Wenn dein Papa weiterhin gereizt bleibt, solltest du das mit deiner Mama besprechen. Es ist wichtig, dass sie von deiner Angst wegen deines Vaters erfährt. Sie könnte dir helfen, mit ihm zu sprechen oder mit dir einen Brief an ihn zu schreiben.

Ich hoffe, dein Vater versteht, wie sehr er sich verändert hat und dass du ihn dir einfach so zurückwünschst, wie er war. Er sollte die Zeit mit dir wirklich schätzen, denn irgendwann bist du älter und wirst vielleicht lieber mit deinen Kumpels etwas unternehmen als mit ihm. Mein Tipp: Sag ihm wieder mal, wie lieb du ihn hast. Das zeigt ihm, wie wichtig er für dich und du für ihn bist.

Frag doch mal Sarah

In unserer Rubrik «Frag doch mal Sarah» beantwortet Jugendcoach Sarah Zanoni Fragen von Kindern und Jugendlichen.
Hast du auch eine Frage, die du ihr gerne stellen würdest? Dann sende eine E-Mail an online@fritzundfraenzi.ch oder kontaktiere uns auf unseren Social-Media-Kanälen.