Einen Favoriten unter den Berufen hatte Louisa Freitag bereits in der 2. Sekundarschule, nämlich Augenoptikerin. Trotzdem bereitete sie sich auf die Prüfung ans Gymnasium vor. «Alle mit guten Noten machten die Prüfung und ich wusste sowieso nicht, ob ich schon einen Beruf lernen wollte», erzählt sie am Wohnzimmertisch in Schaffhausen.
Die Prüfung bestand sie, doch schon am ersten Tag an der neuen Schule dachte sie: «Das ist nichts für mich. Alles viel zu theoretisch. Was bringt mir das für mein Leben?» Ihre Zweifel trug sie während mehrerer Wochen mit sich herum, erzählte ihren besten Freundinnen, dass ihr die Kanti nicht gefalle.
Nach der Rückkehr von der Kanti an die Sek fühlte ich mich schlecht und dachte, ich hätte meine Familie schwer enttäuscht.
Louisa Freitag, angehende Augenoptikerin
Auch ihre Mutter Denise merkte, dass sich ihre Tochter nicht wohlfühlte. So war sie wenig überrascht, als Louisa nach sechs Wochen Gymnasium verkündete, sie wolle zurück in die Sek und dann eine Lehre machen. «Sie war schon etwas schulmüde und gleichzeitig interessiert, aus dem Bekannten, der Schule, auszubrechen, so wie das viele in ihrem Alter wollen», sagt sie. «Im Nachhinein kommt es mir so vor, als habe sich Louisa nur beweisen wollen, dass sie das Gymi schaffen würde.» Die 17-Jährige lächelt bloss, inzwischen liegt das alles weit zurück.
«Ich war schon etwas vor den Kopf gestossen», gibt Vater Wolfgang zu. «Wir hatten mit ihr für die Prüfung geübt im Glauben, das sei jetzt ihr Weg. Da habe ich mich schon gefragt, ob es die richtige Entscheidung ist, nach so kurzer Zeit alles hinzuschmeissen.»
Zurück in die Sek
Zuerst galt es herauszufinden, wie die Rückkehr von der Kantonsschule in die Sek organisatorisch in die Wege geleitet werden musste. Vater Wolfgang befürchtete bürokratische Hürden: «Es hätte mich nicht gewundert, wenn die Verantwortlichen gesagt hätten, man könne da nicht einfach hin und her wechseln, wie es einem gerade passt.» Tatsächlich seien aber sowohl die Mittelschule als auch die Sekundarschule sehr unterstützend gewesen und hätten Louisa rasch wieder zu ihrem Platz in der alten Schule verholfen.
Für die Schulen sind Gymi-Rückkehrende nichts Neues. So zeigt eine Statistik aus dem Kanton Zürich, dass zwischen 10 und 20 Prozent der Jugendlichen nach der Probezeit am Kurzgymnasium an die Sekundarschule zurückkehren. Die Statistik unterscheidet dabei nicht zwischen freiwilligen Austritten und nicht bestandener Probezeit.
Der unerzwungene Gymi-Abbruch verunsicherte Louisa im ersten Moment. «Ich fühlte mich schlecht und verloren und dachte, ich hätte meine Familie schwer enttäuscht.» Ihr Vater, studierter Betriebswirt, betont jedoch, dass er nach der ersten Irritation über ihren Sinneswandel kein Problem damit gehabt habe, dass seine Tochter nicht den direkten Weg zur Uni einschlug. Er würde selber eine Lehre machen, sagt er, wenn er nochmals von vorne beginnen könnte, «und Klavierbauer werden».
Mit Rückstand in die Lehrstellensuche
Enttäuscht über Louisas Entscheidung sei nur die Grossmutter mütterlicherseits gewesen – «dass so ein gescheites Mädchen das Gymi einfach so verlässt». Sie hätten in den ersten Wochen viele Gespräche geführt, sagt Louisas Mutter. Dabei sei ihr einmal mehr etwas klar geworden: «Meine Tochter weiss, was sie will und was sie nicht will.»
Zurück in der Sek stieg Louisa mit Rückstand in die Lehrstellensuche ein und musste feststellen, dass ihre Wunschlehrstelle in dem Optikgeschäft, in dem sie in der 2. Sek geschnuppert hatte, schon vergeben war. Also suchte sie weiter und schnupperte in anderen Berufen und Betrieben – um zum Schluss zu kommen, dass sie bei ihrer ursprünglichen Wahl bleiben wollte, beim Betrieb, der seine Lehrstelle bereits besetzt hatte.
Ich wusste, dass die Lehre eine sehr gute Ausbildung ist.
Denise Freitag, Juristin
Ihre Eltern drängten sie nicht, doch noch eine Lehrstelle zu finden. «Eine Notlösung wäre nicht das Richtige gewesen, davon war ich immer überzeugt», sagt Denise Freitag. Als Juristin im Sozialbereich kennt sie das Schweizer Bildungssystem und dessen Möglichkeiten gut. «Ich wusste, dass die Lehre eine sehr gute Ausbildung ist.»
Eine Ausbildung, die junge Menschen unter Umständen besser auf die kommenden Herausforderungen der Arbeitswelt vorbereite als eine Matura ohne konkreten Studienwunsch, wie sie sagt. Gespräche im Freundeskreis bestärkten sie und ihren Mann darin, den Kurswechsel ihrer Tochter mitzutragen.
Brückenangebot im kreativen Bereich
Nichts überstürzen war also die Devise. Ein 10. Schuljahr würde Louisa die Zeit verschaffen, die sie brauchte, um die passende Lehrstelle zu finden. Die Frage war, welches Brückenangebot für sie das richtige war. Sie hatte weder schulische Defizite aufzuarbeiten noch Schwächen in ihren Sozialkompetenzen.
«Wir haben uns dann gefragt, in welcher Schule sie von diesem zusätzlichen Jahr am ehesten profitieren könnte», beschreibt Wolfgang Freitag die Ausgangslage. «Ich fand die International School interessant, um mein Englisch zu verbessern», sagt Louisa.
Mich für eine Lehrstelle zu bewerben und dort so zu tun, als sei dies meine Wunschlehrstelle, war herausfordernd.
Louisa Freitag, angehende Augenoptikerin
Die Lösung fand ihre Mutter schliesslich im Orientierungsjahr im Lindenforum – eigentlich ein gestalterischer Vorkurs für Jugendliche, die eine Ausbildung im kreativen oder kunsthandwerklichen Bereich anpeilen. Das Brückenangebot fördert gemäss Selbstbeschrieb aber auch die Persönlichkeitsentwicklung und den Orientierungsprozess der Teilnehmenden.
Das Jahr in der Atelierschule im schaffhausischen Lohn sei «megacool» gewesen, so Louisa. Sie habe sich ein Jahr lang mit Fotografie, Töpfern und anderem beschäftigt. Mutter Denise machte sich schon darauf gefasst, dass ihre Tochter nochmals einen neuen Plan entwickeln könnte, vielleicht etwas im kreativen Bereich. Doch im Unterschied zu vielen ihrer Mitschülerinnen am Lindenforum hat Louisa keine künstlerischen oder gestalterischen Ambitionen. «Ich bin zu wenig begabt dafür», sagt sie über sich.
Dos und Don'ts für Eltern
- Von Ihrer eigenen Berufswahl und beruflichen Laufbahn erzählen
- Ihre Erwartungen und Wünsche aussprechen, ohne sie zur Vorgabe zu machen
- Interesse zeigen
- Wünsche und Träume ernst nehmen
- Offene Fragen stellen
- Das Thema Berufswahl warmhalten
- Ihrem Kind helfen, seine Berufswahlaufgaben zu erledigen
- Kompetenzen fördern, zum Beispiel mit Erwachsenen reden, Telefongespräche führen
- Bewerbungen gegenlesen
- Ihr Kind ermutigen; nach Absagen und Enttäuschungen beistehen
- Haltung: Ihr Kind entscheidet, Sie unterstützen es dabei
Das sollten Sie sein lassen:
- Frühe Berufserfahrungen rückblickend ausschliesslich negativ bewerten
- Ideen Ihres Kindes sofort werten
- Ihr Kind drängen
- Wünsche und Träume ausreden
- Geschlossene, absolute Antworten geben (ja, nein), Vorschriften machen
- Ihr Kind unter Druck setzen
- Berufswahlaufgaben für das Kind erledigen
- Ihr Kind sich selbst überlassen, ihm zu viel Verantwortung übertragen
- Bewerbungen für Ihr Kind schreiben
- Ihr Kind vor Enttäuschungen und unangenehmen Situationen bewahren
- Haltung: «Wir wissen, was für unser Kind das Beste ist, und führen es dorthin»
Alles auf eine Karte gesetzt
Ihre Bewerbung für die Wunschlehrstelle in jenem Optikgeschäft, in dem sie auch ihre eigene Brille gekauft hatte, trieb sie parallel voran. Sie schnupperte ein weiteres Mal, schickte ihr Dossier ein. Dann begann das Warten. Ihre Mutter erinnert sich: «Diese Zeit der Ungewissheit war schwierig. Von Zeit zu Zeit bestärkten wir sie, doch wieder einmal anzurufen, um nachzufragen.»
Aus Vernunftsgründen bewarb sich Louisa bei einem weiteren Optikgeschäft, ohne wirklich dort arbeiten zu wollen. «Mich für eine Lehrstelle zu bewerben und dort so zu tun, als sei dies meine Wunschlehrstelle, war herausfordernd», erinnert sie sich.
Ihre Eltern hielten das Festhalten am Plan A für riskant, liessen Louisa aber gewähren. «Hätte es nicht geklappt, hätte sie wieder von vorne beginnen müssen», befürchtete Denise Freitag. Wäre dies ein Weltuntergang gewesen? Nein, sagen sowohl Mutter wie Vater, «es wäre ihr eine Lehre gewesen».

Die Erlösung kommt Monate nach der Bewerbung: Louisa erhält die Lehrstelle in ihrem Wunschbetrieb.
Ihre vorerst letzte Herausforderung: In ihrem Brückenjahr hatte sie sehr viel Freizeit, der eine Tag Unterricht pro Woche forderte sie überhaupt nicht. Ihre Mutter ahnte schon, dass nach einem Jahr im «Chill-Modus» der Start in die Lehre hart werden würde.
Und tatsächlich: «Ich bin zu Beginn beim Abendessen fast eingeschlafen und es dauerte Monate, bis ich mich an die langen Tage im Geschäft gewöhnt hatte», sagt Louisa. Inzwischen ist sie in ihrem neuen Leben angekommen und überlegt sich, wieder Bratschenunterricht zu nehmen. Sie fühlt sich wohl im Team, liebt ihren Beruf und sieht ihn als Sprungbrett: «Vielleicht mache ich später die Berufsmatur und studiere doch noch.»
Achtung: Bewerbung muss Ende Juli bereit sein
Viele Lehrbetriebe schalten ihre Lehrstellen am 1. August online auf. Ab diesem Zeitpunkt – der mitten in die Sommerferien fällt – nehmen sie Bewerbungen entgegen. Erfahrungsgemäss akzeptieren Betriebe, die viele Bewerbungen erhalten, schon nach wenigen Tagen keine weiteren Dossiers mehr.
Wer sich also auf eine Lehrstelle bewerben will, für die sich auch viele andere interessieren, sollte die Bewerbungsmappe spätestens am 1. August fixfertig haben – oder an dem Tag, an dem ein bestimmter Lehrbetrieb die Lehrstelle offiziell anbietet. Noch besser ist vor den Sommerferien, damit sie alle in vollen Zügen geniessen können.
Es kommt vor, dass Schulen im Fach Berufliche Orientierung erst nach den Sommerferien die Bewerbungsdossiers mit den Schülerinnen und Schülern fertigstellen. Für manche Lehrstellen ist das zu spät.
Informieren Sie sich deshalb frühzeitig, ab welchem Datum Bewerbungen für eine bestimmte Lehrstelle eingereicht werden können und auf welchem Kanal – per E-Mail, via betriebseigene Online-Plattform oder auf einem anderen Weg? Es liegt in der Verantwortung der Eltern, dass die Bewerbung rechtzeitig beim Lehrbetrieb eintrifft.





