Gestresste Eltern im Lockdown
Sexualität

«Sex ist gleich wichtig wie ein Ämtli»

Die Corona-Pandemie ist ein grosser Belastungstest für die Familie, speziell auch für das Paarleben von Eltern. Die Paar- und Sexualberaterin Bettina Disler spricht im Interview darüber, wie man als Elternpaar, jetzt wo die ganze Familie viel zuhause ist, die Nerven behält und wie Eltern in diesem Ausnahmezustand trotzdem Zeit für erotische Zweisamkeit finden.
Interview: Irena Ristic

Frau Disler, Corona hat vor allem kinderlosen Paaren viel Zeit für viel Sex gebracht, ganz im Gegensatz zu den dauergestressten Eltern. Stimmt’s?

In meinem Praxisalltag sehe ich ja nur die, die ein Problem haben (lacht). Aber grundsätzlich ist es so: Die Paare, die sich vor der Coronakrise gut verstanden haben, geniessen ihre gemeinsame Zeit und haben tendenziell auch mehr Sex. Und die anderen, die schon vorher eine Krise hatten, die haben noch weniger Sex. Unabhängig davon, ob sie nun Kinder haben oder nicht.

Homeoffice, eventuell Quarantäne – auf jeden Fall sind alle viel zuhause: Können Eltern unter diesen Umständen die Erotik überhaupt noch ausleben? 

Können ja, aber Paare müssen sich die Zeit für Zweisamkeit nehmen. Ganz wichtig ist dabei, dass sich Elternpaare bewusst sind: Sie als Paar sind der Kern der Familie und nicht die Kinder. Sich Zeit nur zu zweit zu nehmen, diese zu pflegen, ist auch ausserhalb der Coronasituation wichtig. 

Was heisst das konkret? 

Zeitfenster planen, die man genau so wichtig nimmt, wie Kindergeburtstage oder Wäschewaschen. Die Sexualität wird also gleich ernst genommen wie ein Ämtli, in dessen Rahmen man sagen kann: In dieser Zeit reden wir nicht über Probleme, schalten das Handy aus und treffen uns auch nicht im Schlabberlook. Auch wenn es derzeit schwierig ist und man nonstop zusammen ist: Behandeln Sie Ihren Partner so, wie Sie auch einen Kunden oder Ihre Nachbarin behandeln würden. Da versuchen Sie ja auch nett zu sein, ziehen sich etwas Passables an und sind offen gegenüber dem anderen.
Bettina Disler ist Paar- und Sexualberaterin. Sie absolvierte einen Masterstudiengang in sexueller Gesundheit und sexuellem Recht an der Hochschule für soziale Arbeit Luzern (HSLU). Disler lebt und arbeitet in Zürich. www.paar-sexualberatung.ch
Bettina Disler ist Paar- und Sexualberaterin. Sie absolvierte einen Masterstudiengang in sexueller Gesundheit und sexuellem Recht an der Hochschule für soziale Arbeit Luzern (HSLU). Disler lebt und arbeitet in Zürich. www.paar-sexualberatung.ch

Was raten Sie, wenn die Sexualität in einer Beziehung ganz eingeschlafen ist? 

Paaren, die zu mir in die Praxis kommen, gebe ich zum Teil experimentelle Aufgaben, um sich neu zu begegnen. Diese lösen sie übrigens sehr gerne. Eine könnte zum Beispiel sein, sich jeden Tag einen Zungenkuss zu geben, um herauszufinden, welche Art von Küssen sie toll finden. Dazu gehört, sich extra immer anders zu küssen. Wichtig ist dabei: Es muss nicht als erotische Aufgabe gesehen werden, sondern als eine Art Projekt, sich gegenseitig neu zu entdecken.
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Um neu zusammenzufinden? 

Absolut. Eine Partnerschaft ist ein Balanceakt aus Gewohnheit und Neuem. Nun ist die Gewohnheit der stärkste Klebstoff, den sie als Paar haben. Wenn sie aber stetig in dieser Komfortszene bleiben, die viele am Anfang toll finden, wird es irgendwann langweilig. Niemand ist die gleiche Person wie vor einem Jahr oder vor zehn Jahren. Man muss mit diesem Wandel auch in der Partnerschaft mitgehen. Das heisst: Updaten Sie sich gegenseitig über die aktuellen Gedanken und Wünsche. So bleiben Sie interessant füreinander. Genau dieses Updaten verpassen leider oft auch Elternpaare, weil sie sich zwischen Job und Familie verlieren. 

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