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Elternbildung

Herr Schredl, warum haben Kinder Albträume?

Schlafforscher Michael Schredl über böse Träume und was dagegen hilft. 
Interview: Sarah King
Bild: Fabian Unternährer / 13 Photo

Herr Schredl, was ist für Sie ein Traum?

Für mich ist das Träumen das subjektive Erleben während des Schlafes. Das spezifische Kennzeichen ist, dass man im Traum denkt, man sei wach. Die Zeit für Erlebnisse im Traum ist vergleichbar mit der Zeit, die Wacherlebnisse benötigen. Wir handeln in Träumen also nicht schneller als im Wachzustand. Dafür sind Sprünge möglich. Träume ich beispielsweise, auf einen Berg zu steigen, kann ich die Wande­rung einfach nach Belieben abbrechen und mich plötzlich in der Karibik am Strand wiederfinden. Im Wachzustand produziert unser Gehirn dauernd Empfindungen, Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen. Dazu werden neuronale Netze aktiviert, die auch im Schlaf aktiviert werden. Das Hirn greift auf Erfahrungen zurück, die man im Wachleben gemacht hat, und mischt alles in einer sehr kreativen Weise.
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Wenn der Traum auf Erfahrungen aus dem Wachleben beruht, wie kommt es dann zu unrealistischen Träumen wie zum Beispiel, dass man fliegen kann?

In diesem Fall reden wir von Diskontinuität: Wir können etwas träumen, das wir im Wachleben nie erlebt haben. Träume sind fantasiereich wie auch unsere Gedanken im Wachzustand: Wir sind fähig, Geschichten zu erfinden und uns vorzustellen, dass wir fliegen. Bloss fühlt es sich im Traum realer und oft schöner an. Wacherfahrungen spielen trotzdem eine Rolle, wie wir aus der Beschrei­bung von Flugträumen wissen: Meist werden Erfahrungen beschrieben, die wir kennen, zum Beispiel vom Schwimmen. Ich selbst mache eine Art Hechtsprung, wenn ich fliege.

Träumen Kinder anders als Erwachsene?

Da wir während des Traums typischerweise denken, wir seien wach, könnte ein Traum nach dem Erwachen als reale Begebenheit erinnert werden. Das kommt häufig bei kleinen Kindern vor. Sie erkennen Traum­bilder noch nicht als im Kopf produzierte Fantasievorstellungen. Die meisten Fünfjährigen hingegen können Träume als subjektives Erleben im Schlaf einordnen. Manche Träume führen aber selbst bei Erwachsenen zu Verwirrung: Träumt man von der realen Umgebung – zum Beispiel im eigenen Bett aufzuwachen –, sind Traum und wirkliches Erleben nach dem Aufwachen möglicherweise nur schwer auseinander­ zuhalten.

Gibt es auch inhaltliche Unterschiede?

Da sich das Wachleben von Kindern und Erwachsenen unterscheidet, unterscheiden sich auch ihre Träume. Jüngere Kinder träumen mehr von Tieren, Jugendliche mehr von Peers und Interaktionen mit ihnen; also Themen, die in diesen Lebensabschnitten wichtig sind. Die Träume kleiner Kinder sind nicht so ausführlich wie die Träume Erwach­sener. Das hat vermutlich mit ihrer Aus­drucksfähigkeit zu tun: Erlebnisse aus dem Wachzustand beschreiben sie ebenfalls weniger ausführlich. Zwischen den Geschlech­tern stellen wir auch Unterschiede fest. Buben träumen mehr von physischer Aggression. Bei Mädchen spielen sich die Träume vermehrt in geschlossenen Räumen ab. Vermutlich, weil Jungs mehr draussen raufen, während Mädchen mehr Aktivitäten drinnen ausüben.
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Viele Kinder berichten über Albträume. Sind Albträume krankhaft?

Ein Albtraum ist zunächst nicht krankhaft. Er wird definiert als ein Traum mit stark negativem Affekt, der in der Regel zum Erwachen führt. Zu den fünf häufigsten Themen gehören Träume, in denen man fällt, verfolgt wird, gelähmt ist, nahestehende Menschen sterben oder man zu spät kommt. Krankhaft sind solche Träume dann, wenn ihre Häufigkeit die Stimmung und die Konzentrati­onsfähigkeit beeinträchtigt sowie die Angst vor dem Einschlafen begünstigt. Als Faustregel gilt: mindestens ein Albtraum pro Woche. Bei Kindern ist das sichtbarste Merkmal die Angst vor dem Einschlafen beziehungsweise vor einem erneuten schlimmen Traum.

Warum erleben Kinder mehr Albträume?

Wenn Kinder im Verlauf ihrer Entwicklung lernen, konstruktiv mit Ängsten im Wachleben umzugehen, nehmen die Albträume – die Ängste der Nacht – auch ab. Allerdings bleibt bei den häufigen Albträumern die Häufigkeit über das Leben hinweg relativ konstant, weil hier die Veranlagung eine Rolle spielt.

Was sind die häufigsten Ursachen für Albträume?

Wir gehen vom sogenannten Veranlagungs­-Stress­-Modell aus: Dieses besagt, dass es einen genetischen Faktor gibt, der mit der Persönlichkeit zu tun hat. Amerikanische Forscher beschrieben Albträumer als Personen mit «thin boundaries» – dünnen Grenzen. Sie sind häufig sensibel, fantasievoll und kreativ. Neben dieser Veranlagung spielt der Stress eine wichtige Rolle. Das zeigte sich in unserer Forschung bei Studierenden: Je mehr Stress jemand hat, desto mehr Albträume hat er oder sie.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind Angst hat vor dem Einschlafen?

Eltern können mit ihrem Kind üben, wie es konstruktiv mit seinen Ängsten umgehen kann. Zunächst soll das Kind die wichtigste Traumszene zeichnen, so gelangt der Albtraum aus dem Kopf auf das Papier. Im zweiten Schritt überlegt es sich: Was könnte mir helfen, dass ich weniger Angst habe? Das entsprechende Element – zum Beispiel die Eltern oder ein Zauberer – fügt es in die Zeichnung. So lernt das Kind: Angst ist nicht schlimm, ich kann mir die Hilfe ausdenken. Das Bild wird über zwei Wochen fünf bis zehn Minuten pro Tag zusammen durchgegangen – am besten tagsüber, wenn das Kind im Vollbesitz seiner Vorstellungs­kraft ist. Nachts ist es besser, das Kind zu trösten und zu beruhigen, damit es wieder einschlafen kann.

Zur Person

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Prof. Dr. Michael Schredl hat Elektrotechnik und Psychologie studiert. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim (DE), wo er seit 30 Jahren Träume erforscht und seit 2017 eine Albtraumsprechstunde führt.

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