Michele Binswanger: Kinder erziehen
Elternbildung

Guerilla-Erziehung

Unsere Kolumnistin Michèle Binswanger lernt, ihren Kindern Widerstand zu leisten.
Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Ein Kind zu erziehen heisst nach meiner bescheidenen Erfahrung, alles möglichst richtig machen zu wollen und dabei konstant zu scheitern. Moderne Erziehungspsychologen haben denn auch die grösste Schwäche heutiger Eltern längst verortet: Sie wollen zu viel und zu wenig zugleich. Zeichnen den Kleinen ihren Weg ganz genau vor und räumen ihnen dann alle Steine aus dem Weg. 

Das jedenfalls erläuterte mir neulich ein Erziehungspsychologe in einem Interview: «Wissen Sie, die Kinder heute leiden eigentlich am meisten unter falsch verstandener Förderung. Es ist die Aufgabe der Eltern, Widerstand zu leisten, und die Aufgabe der Kinder, sich an diesen Widerständen zu reiben und sich Freiräume zu erkämpfen.» Nicht, dass man nicht mit den besten Vorsätzen in das «Abenteuer Elternschaft» gestartet wäre. Man denkt von sich gerne als Streiterin für Recht und Ordnung, als souveräne Mutter aller Prinzipien, eine heilige Jeanne d᾿Arc von Triple-Ps Gnaden (Triple P: «Positive Parenting Program», Anm. d. Redaktion). 
Der Sohn will das Abendessen nicht zubereiten, weil er angeblich nicht weiss, wie man Risotto macht? Widerstand. 
Aber die Schlacht stellt sich als verdammter Zermürbungskrieg heraus und der Gegner verfügt über eine Allzweckwaffe: Liebe. Man versucht also, mit den bescheidenen Mitteln, die man hat, zurechtzukommen. Es irgendwie richtig zu machen, nicht immer nachgeben, aber den Kindern trotzdem genug Raum zur Entfaltung zu lassen. Dauernd hat man aber ein schlechtes Gewissen, schon viel zu viel falsch gemacht zu haben, und gibt dann eben doch nach. Und macht damit alles noch falscher. 

Deshalb trafen mich die Worte des Psychologen wie eine Erkenntnis. Ich hätte ihm die Füsse küssen mögen. Widerstand – das evoziert Bilder von bärtigen Rebellen, die in den Kampf ziehen für Menschen, an die sie glauben, die den Geruch von Schweiss ebenso lieben wie die Peitsche des Adrenalins. Die sich abends im Dschungel um ein Feuer versammeln und ohne Sarkasmus über Freiheit und Gerechtigkeit reden. Mehr noch, die das Prinzip des Widerstandes zum dominierenden Gestaltungsprinzip des eigenen Lebens gemacht haben.
Die Tochter will in den Ausgang, hat aber die Wäsche nicht gemacht, wie sie versprochen hatte? Widerstand. 
Es geht gar nicht um richtig oder falsch. Es gibt gar kein höheres Gesetz, dem ich Kraft meiner Elternschaft zu entsprechen versuchen muss. Was Kinder brauchen, ist Widerstand. Na, wenn es weiter nichts ist. Das ist Guerilla-Erziehung. Das Taschengeld reicht nicht für den neuen Sneaker? Widerstand. Die Tochter will in den Ausgang, hat aber die Wäsche nicht gemacht, wie sie versprochen hatte? Widerstand. Der Sohn will das Abendessen nicht zubereiten, weil er angeblich nicht weiss, wie man Risotto macht? Widerstand. 

Und selbst wenn der neue Partner einen Überraschungsangriff startet, um Erziehungsgrundsätze seiner eigenen Herkunft in Stellung zu bringen, kann man sich getrost zurückhalten. Er kämpft auf der richtigen Seite. Er kämpft für die richtige Sache. Widerstand! Auch gegen die eigenen Mutterinstinkte, die Kinder vor allem Unangenehmen schützen zu wollen. Widerstand! Das bildet den Charakter. Wo sollen die lieben Kleinen sonst lernen, den Mächtigen dereinst in den Hintern zu treten? Es lebe die Revolution! Und jetzt zurück zur Tagesordnung.  

Michèle Binswanger

Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. 
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1 Kommentar

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Von Martina am 26.02.2020 09:33

Liebe Frau Binswanger, ist der Artikel ernst gemeint oder ironisch???
Warum braucht es Widerstand, wenn nicht genügend Geld für Sneakers da ist? Das regelt sich ja komplett von alleine, nichts einfacher als das! Ich verstehs nicht...

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