Mental Load: Wie entkommen wir als Eltern der Aufrechnen-Falle?
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Wie entkommen wir als Eltern der Aufrechnen-Falle?

«Ich hab schon die Wäsche gemacht, also machst du das Abendessen. Überhaupt mache ich viel mehr als du!» Kommt Ihnen diese Diskussion bekannt vor? Unsere Autorin Ulrike Légé hat am eigenen Leib erfahren, dass es bessere Lösungen als Excel-Tabellen für Paar-Diskussionen gibt.
Text: Ulrike Légé
Bild: Pexels
Als meine Erschöpfung und Frust über all meine nie-endende, nie-wertgeschätzte, nie-fair-erwiederte Familien-Arbeit so richtig über mir zusammenschwappten, hatte ich DIE Idee: Eine Excel-Tabelle zum minütlichen Auflisten, wer von uns beiden eigentlich was genau leistete. Ich hämmerte in die Tasten und knallte die Liste dann meinem Mann vor die Nase. Ab sofort bitte ausfüllen, jeden Tag!

Garantiert würde das ein für alle Mal unseren Dauerstreit, wer von uns wirklich zu Hause mehr machte, wer viel zu viel an der Backe hatte, wer immer wieder die Arschkarte zog, ganz objektiv beenden.

Das Gegenteil war der Fall. Erstmal fand Romain meine Idee völlig daneben – na klar, stänkerte ich, «du bist ja auch kurz davor mit faktischen Beweisen überführt zu werden!“. Dann las er die Tabelle und schrie empört auf: Es könne ja wohl nicht sein, dass «Rasen-Mähen» gleich viel zähle wie «Rosen-Schneiden». Oder «Nachts für kranke Kinder aufstehen» so viel wie «Z’Vieri richten» – das eine sei viel anstrengender als das andere, da müssten die Minuten doppelt gezählt werden. Mindestens.

Ach ja, konterte ich – und was ist mit all der anstrengenden geistigen Arbeit zur Familien-Organisation, die sowieso nur ich leistete während er bloss meine «Schatz, bitte erledigen»-Listen abarbeitete. Wie genau würden wir die berühmten Mental-Load-Minuten zählen?
Das Aufrechnen sollte Klarheit bringen – und brachte den nächsten Riesenkrach!
Zack, waren wir im nächsten Riesenkrach. Und merkten, auch mit noch so genauem Aufrechnen kamen wir einfach nicht weiter. Mündliche Absprachen, Tabellen, Listen, Zeitpläne – wir hatten alles ausprobiert und nichts nützte. Auch all die gängigen Tipps zur guten Familien-Organisation halfen uns nicht: Am «Delegieren» waren wir schon, soweit unser Familien-Budget halt reichte. «Kinder einspannen» taten wir längst. Und im «einfach liegenlassen» waren wir zwar deutlich besser geworden seit wir Kinder hatten, aber ganz im Siff leben wollten wir auch nicht. Was also nun?

Erst einmal: akut die Kurve kriegen, meine Excel-Tabelle ins Altpapier schiessen, stattdessen die Hundeleine schnappen und bei einem langen Spaziergang runterfahren. Wir merkten beide, das Thema Aufgaben-Verteilung war ein wunder Punkt geworden, unsere Nerven lagen bloss. In den nächsten Wochen nahmen wir uns jeden Samstagmorgen, gleich nach dem Familien-Frühstück, regelmässig eine Auszeit zum Reden.

Und stellten fest, was uns wirklich weiterbrachte:

1. Austauschen statt aufregen! Bevor wir überhaupt Richtung bessere Lösungen gehen konnten, gab es da so viel, was sich aufgestaut hatte … Bei all unseren «Machst du unsere gemeinsame Steuererklärung, wenn ich in der Zeit deine Aufgaben im Garten übernehme?»- Verhandlungen, bei all der Kritik aneinander, all dem Planen, war das komplett auf der Strecke geblieben: sich auszutauschen statt auseinanderzusetzen. Von sich selbst zu sprechen, statt dem anderen Vorwürfe zu machen. In Ruhe zuzuhören, statt gleich Patentlösungen durchzuboxen.

2. Belastungen eingestehen statt überspielen: Wieso fühlten wir uns eigentlich so überlastet und dauerangespannt, andere schafften das doch mit links, mit noch mehr Kindern und noch intensiveren Jobs? Auf dieses Totschlag-Argument waren wir viel zu lange hereingefallen. Es stand uns im Weg, unsere ganz persönlichen Belastungen als solche zu erkennen. Für UNS wurde es eben gerade zu viel. Punkt. 

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1 Kommentar

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Von Katrin am 14.01.2020 14:01

Danke für diesen Artikel, der mir aus der Seele spricht! Gezielt Aufgaben vorübergehend zu tauschen hat sich bei uns noch als zusätzliche gute Lösung herausgestellt, damit wir beide merken, was der andere alles macht. Und wenn es dann umgekehrt besser geht, wird es beibehalten, wenn nicht, wird zurückgetauscht und es ist auf jeden Fall Wertschätzung dazugekommen!

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