Familienleben

Noch einmal Ja zueinander sagen

Vor 16 Jahren gaben sich Ulrike und Romain Légé das Ja-Wort. Seither haben sie gemeinsam drei Kinder aufgezogen und so manche Krise durchgestanden. Diesen Sommen haben sie ihr Eheversprechen erneuert. Wie fühlt sich das an?
Text: Ulrike Légé
Bilder: Amanda Joy 
Im langen weissen Kleid stehe ich vorne in der Kirche und verspreche Romain meine Liebe und Treue. Meine Stimme wackelt, meine Hände zittern, als ich ihm den Ehering anstecke. Auch mein Mann kämpft mit Nervosität und blinzelt Tränen weg. Beide sind wir heilfroh, als wir uns hinsetzen und bei dem Lied Trouver dans ma vie ta présence zur Ruhe kommen dürfen. Wir halten uns an der Hand vom anderen fest, schauen erst nach unten auf unsere Ringe und dann nach oben, uns in die Augen. Aufgeregt und glücklich.

Haben wir das nicht schon einmal zusammen erlebt? Ja, damals, als wir vor 16 Jahren unsere Hochzeit feierten. Heute fühlt es sich an wie ein Déjà Vu, und ist doch ganz anders. Diesmal stehen wir nicht als junges Paar vor dem Altar, sondern erneuern unser Eheversprechen mitten im Leben. Diesmal sitzen keine 100 Gäste hinter uns. In der kleinen Kapelle sind nur wir beide und unsere drei Kinder. 
Diesmal denken wir bei «in guten und schlechten Tagen» nicht nur an die guten, denn wir haben sie auch schon erlebt, die ganz schlechten.
Diesmal denken wir bei «in guten und schlechten Tagen» nicht nur an die guten, denn wir haben sie auch schon erlebt, die ganz schlechten. Diesmal sind wir weniger überzeugt, dass uns sicher nur der Tod scheiden kann; einige Male hätten es schon fast der Stress, die Konflikte und Missverständnisse geschafft.

Auf die Idee gekommen waren wir bei einem Familien-Urlaub. Damals lebten wir in den USA und entspannten uns am Strand von Anna Maria Island in Florida. Im Sonnenuntergang stand dort ein Paar mit drei Kindern barfuss im Sand, eine Pfarrerin vor ihnen, sie tauschten Ringe. «Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit», riefen wir ihnen später im Restaurant zu. «Wir haben unser Eheversprechen erneuert», erklärten sie.

Romain und ich schauten uns an und beschlossen spontan, das würden wir auch tun. Damals war gerade unser drittes Kind zur Welt gekommen – unser Familien-Glück, unsere Ehe, unser ganzes Leben schien einfach perfekt. Vielleicht war das der Unter-den-Palmen-Urlaubs-Effekt.

In den Jahren danach wandelte sich dieser Gedanke langsam. Statt «WENN wir einmal so lange verheiratet sind wie die beiden …», dachten wir beide «FALLS wir es solange gemeinsam schaffen …». Dann, ja dann könnten wir auch unser Eheversprechen erneuern. Aber irgendwie schien bei uns der Lack abzublättern. Jedes Jahr brachte neue Auseinandersetzungen.

Nochmal umziehen – und wenn ja wohin?
Die Verantwortung für Arbeit ausserhalb und innerhalb der Familie neu unter uns aufteilen – und wenn ja, wie? Mit Schul- und Pubertätskrisen der Kinder umgehen, berufliche Flops, gesundheitliche Probleme, psychische Krisen meistern – unser Leben schien nur noch anstrengend.
Ein bisschen von der Romantik des ersten Ja-Worts.
Ein bisschen von der Romantik des ersten Ja-Worts.

Eine Absichtserklärung: Weitermachen und Bitte um Hilfe

Und wir dauernd am Streiten. Am tiefsten Tiefpunkt schleuderte ich Romain ins Gesicht: «Und wieso sollen wir dann nochmal ja, ich will sagen, wenn wir eigentlich denken: Moment mal, will ich noch?». Er war erst sprachlos und hielt dann dagegen: «Genau DARUM, weil es so verdammt schwierig ist! Weil ich nicht glaube, dass ein neues Versprechen nur Zuckerguss auf dem perfekten Kuchen sein soll. Für mich ist das eine Absicht weiterzumachen und eine Bitte um Hilfe». Das berührte, überzeugte mich.  

Mit diesem Realismus formulierten wir frei unser neues Eheversprechen. Gelobten, uns Freiheit und Nähe zu geben, den anderen wertzuschätzen und auszuhalten. Bereiteten eine Zeremonie vor, bei der jedes Kind und wir selber einen Wunsch für die Familie äussern und verschiedenfarbigen Sand in ein graviertes Glas giessen würden. In der Kirche sahen wir, wie sich die Farben vermischten, wie unmöglich es wäre, sie jemals wieder ganz zu trennen – und wie doch jede Ursprungs-Farbe erhalten blieb. Ein Symbol für unsere Familie. Und wir hörten von unserer Gemeindeleiterin, selber viele Jahre verheiratet, wie Liebe zunächst blind machen kann. Dass es Vertrauen, Willen und Zeit brauche, die Augen zu öffnen.

Wie wahr, dachten wir. Und sagten nochmal ja zueinander. Mit offenen Augen, mit denen wir die Stärken und Schwächen vom anderen viel deutlicher sehen als vor 16 Jahren.  Und mit der Hoffnung, dass uns dieses Ja auch über die nächsten Hürden tragen wird.

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1 Kommentar

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Von Regula am 15.08.2019 16:51

Superschöner und ermutigender Artikel!
Auch wir haben an unserer Silberhochzeit unser Eheversprechen in der Kirche erneuert.
Es war eigentlich schöner als unsere erste Hochzeit, ehrlicher und geerdet.
Mehr als 100 Freunde, Verwandte und Bekannte waren da, wir staunten, wie begeistert all diese Leute mit uns unsere Höhen, Tiefen und die Bereitschaft, dran zu bleiben feierten.

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