Sexualität

Herr Heer, sind offene Beziehungen die Lösung?

Wie überlebt man als Paar im hektischen Familienalltag und kommt sich nicht abhanden? Wie wichtig ist Sexualität? Und geht Liebe ohne Sex? Der Berner Paartherapeut Klaus Heer warnt vor übertriebenen Erwartungen in einer globalisierten Welt, in der alles möglich scheint.
Interview: Alma Pfeifer
Bild: Daniel Auf der Mauer /13 Photo

Herr Heer, eine Paarbeziehung auch nach Jahren des Zusammenlebens mit Kindern lebendig zu halten, ist eine grosse Herausforderung. Wie kann man sich selbst, dem andern als Paar und als Familie gerecht werden?

Sie fahnden nach dem ultimativen Geheimrezept für eine beglückende Liebe. Mit Ihrer Fahndung aber verraten Sie sich: Sie sind dem Mainstream zu Diensten. Unsere gesamte Kultur ist voll von paradiesischen Liebesvorstellungen. Die Leute hegen übereinstimmend die fixe Idee, ständig zu kurz zu kommen. Wie ein Kind, das man mit zwei, drei Jahren auf einer einsamen Land­strasse ausgesetzt hat. Einzig die ganz grosse Liebe könnte das riesige Manko in ihrer Brust auffüllen. Das ist die fundamentale Täuschung, die immerfort neue Enttäuschungen produziert.

Was also kann man tun, um sein eigenes Paarschicksal günstig zu beeinflussen? 

Eine Beziehung ist eine Gestaltungsaufgabe. Häufig heisst es an dieser Stelle, man müsse «miteinander reden». Diese Empfehlung ist genauso saftlos wie kontraproduktiv. Denn reden, das wollen und können alle – auch die vielen Männer, die als verstopft und mundfaul gelten. Es klemmt aber ganz woanders: Niemand will hören, was der andere sagt, sobald es nicht übereinstimmt mit den eigenen Ideen. Und sobald man sich angegriffen fühlt. Damit wird es vollkommen unmöglich, die notwendigen Kurskorrekturen in der Beziehung einzuleiten und durchzuziehen. Die Liebe erstickt langsam an den eigenen Störungen und am Mangel an überlebensnotwendigen neuen Impulsen. 
Klaus Heer ist einer der bekanntesten Paartherapeuten der Schweiz und Sachbuchautor («Paarlauf – Wie einsam ist die Zweisamkeit?», «Klaus Heer, was ist guter Sex?»). Bild: Ruben Ung
Klaus Heer ist einer der bekanntesten Paartherapeuten der Schweiz und Sachbuchautor («Paarlauf – Wie einsam ist die Zweisamkeit?», «Klaus Heer, was ist guter Sex?»). Bild: Ruben Ung

Was heisst das?

Liebe und Sexualität sind auf konkreten Austausch angewiesen. Es genügt nicht, Vermutungen darüber anzustellen, was die Ursache der Störungen im Bett sein könnte. Die meisten intellektuellen Vermutungen und Erklärungen für sexuelle Beklemmnisse sind falsch und Teil des Problems, denn sie sind es, die eine Lösung behindern und verhindern.

Was raten Sie konkret einem Paar, das zu Ihnen in die Praxis kommt, weil sein Sexleben eingeschlafen ist?

Das Sexleben kann nicht «einschlafen», es ist nur scheintot. Das Paar hat vielmehr seine Sexualität auf Eis gelegt. Warum? Weil sie nicht mehr den Vorstellungen entspricht, die sich die beiden von ihr machen. Diese Vorstellungen stammen entweder aus der längst verflossenen Verliebtheitszeit oder aus der allgegenwärtigen Pornowelt. Und mein Ratschlag für die beiden? Ich ermutige sie, genau nachzusehen, welchen Körperkontakt sie konkret durch ihre schwierigen Zeiten bis heute gerettet haben. Dieser lässt sich nämlich entfalten und fruchtbar machen. 
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Wie geht das konkret?

Das gilt es zu entdecken, ganz konkret neugierig und schöpferisch aktiv. In der Paartherapie unterstütze ich das Paar, über die einfache Frage nachzudenken: Wie können wir uns körperlich wieder nahekommen – ohne Sorgen und ohne Stress und ohne Angst?

Was, wenn die gegenseitigen Vorstellungen von Sex über die Jahre derart auseinandergegangen sind, dass sie im Bett nicht mehr zusammenfinden?

Ich komme, ehrlich gesagt, oft aus dem Staunen nicht heraus! Die Sexualität, das Kernland der Liebe, verwandeln viele Paare in regelrechte Kriegsgebiete. Sie machen sich Vorwürfe, bezichtigen sich der Vernachlässigung, beklagen genervt ihre sexuelle Unterversorgung, stellen strikte Forderungen, drohen mit drastischen Vergeltungsmassnahmen. Das Paar muss sich wirklich entscheiden, ob es sich dem Machtkampf widmen oder sorgfältig nach der Schnittmenge seiner Bedürfnisse suchen will. Beides geht nicht.  

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