Spreche ich davon, dass ich Lehrer bin, erhalte ich nicht selten den mitleidigen Kommentar, dass es ja oft nicht die Kinder seien, die Probleme machten, sondern die schwierigen Eltern, die sich in alles einmischten.
Ja, es gibt sie, diese anspruchsvollen Mütter und Väter. Doch bleibt es meine Überzeugung, dass Eltern in jeder noch so schwierigen Schulsituation Teil der Lösung sind. In den 25 Jahren meiner Berufspraxis als Lehrer habe ich noch keine Mutter und keinen Vater getroffen, die im Innersten nicht das Beste für ihr Kind gewollt hätten.
Leider wird die Zusammenarbeit von Schule und Eltern oft als zermürbend, aufreibend und frustrierend erlebt. Das empfinden beide Seiten so. Viele Eltern berichten mir, dass sie einfach froh seien, wenn sie später mit der Schule nichts mehr zu tun hätten.
Lehrerinnen und Lehrer im Gegenzug sind nicht selten glücklich darüber, mit diesen oder jenen Eltern endlich abgeschlossen zu haben. Dieser Zustand ist für beide Seiten äusserst energieraubend.
Wie sich Eltern und Lehrpersonen mehr gesehen fühlen
Schule ist eine Zwangs- und Pflichtgemeinschaft. Wer das Kind nicht zu Hause unterrichten will oder kann, hat sich der gegebenen Situation zu fügen. Diese Tatsache ist eine Hürde und zugleich eine Chance.
Wie sollen wir nun damit umgehen, dass wir in einer Zeit leben, in der die Individualität jedes Einzelnen ausgeprägter wird und vieles in der Schule nicht mehr so richtig passt? Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen oder zumindest in der Lehrpersonen-Eltern-Beziehung so weit berücksichtigen, dass sich beide Seiten mehr gesehen und wertgeschätzt fühlen?
Wenn ein Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas nicht kann, entsteht grosse Unruhe. Diese ist meistens unberechtigt.
Lassen Sie mich aus meiner Praxis zwei Aspekte beleuchten, die vielen Eltern einen vertrauensvollen Umgang mit der Institution Schule erschweren.
Erstens ist da die uns allen vertraute Angst, ein Kind könnte etwas nicht zum richtigen Zeitpunkt gelernt haben – und die Sorge vor den möglichen Folgen. Sowohl Schule wie Familien haben das Vertrauen in die natürlichen Lernprozesse der Kinder komplett verloren. Wann immer ein Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas nicht kann, das gemäss den Entwicklungsnormen altersentsprechend wäre, entsteht grosse Unruhe. Abklärungen werden eingeleitet, heilpädagogisch ausgebildete Fachleute aufgeboten, endlose Gespräche geführt und so weiter.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Es gibt Kinder, die von einer speziellen Unterstützung profitieren. Doch in den meisten Fällen bräuchte es vor allem eines: das Vertrauen, dass jeder Mensch genau zum richtigen Zeitpunkt lernt, was wichtig ist und was Bedeutung hat. Genauso wie es am Anfang war, als unsere Kinder sprechen und laufen lernten. Dazu braucht es Zeit – wovon wir ja eigentlich genügend hätten – und Geduld, wovon wir Erwachsenen oft zu wenig haben.
Schlechte Erinnerungen an die eigene Schulzeit triggern viele Eltern
Zweitens braucht es die Bereitschaft, genauer hinzusehen. Was meine ich damit? Schon Sigmund Freud verglich unsere Persönlichkeit mit einem Eisberg: Nur ein kleiner Teil ist sichtbar und uns damit bewusst. Der weitaus grössere Teil liegt unter der Wasseroberfläche und entzieht sich unserem Zugriff.
Mit der Schule verbinden alle Erwachsenen vielfältigste Erinnerungen. Sind diese positiv, ist es einfacher. Sind sie negativ oder gar traumatisch, was nicht selten der Fall ist, wird die Zusammenarbeit knifflig. Dabei befinden wir uns bei Elterngesprächen per se schon in einem sensiblen Bereich. Es geht um die Kinder und darum, wie es ihnen in der Schule geht. Eltern wie auch Lehrerinnen und Lehrer wollen immer nur das Beste.
In diesem sensiblen Raum braucht es die Gabe, behutsam auszusprechen, welche unbewussten Aspekte in einem Gespräch mitwirken. Nehme ich das in einem Gespräch wahr, spreche ich es an. Fragen wie «Habe ich einen wunden Punkt getroffen?», «Habt ihr schlechte Erinnerungen an die Schule, die hier hochkommen?» können bei entsprechendem Vertrauen ein Gespräch auf eine viel persönlichere Ebene bringen.
Die beiden beschriebenen Aspekte spielen immer wieder eine wichtige Rolle in unserer Arbeit mit Eltern. Die damit verbundenen Erkenntnisse allein könnten wohl schon Entspannung in die Lage bringen und zu Lösungen beitragen. Weil ich als dreifacher Vater und langjähriger Lehrer die Elternseite genauso gut kenne wie die Schulseite, erlaube ich mir, einige Worte an beide Gruppen zu richten.
Eltern sind die wichtigste Ressource für das Kind – auch wenn es älter wird. Sie sind der Anker.
Was Eltern einzigartig macht
Ich beginne mit euch, liebe Eltern, weil ihr die Wichtigsten seid. Ihr kennt euer Kind in- und auswendig. Ihr habt es durch die Nacht getragen, wenn es nicht schlafen konnte, und seid später jeden einzelnen Schritt mit ihm gegangen. Ihr kennt die Begeisterung des Kindes, wenn es etwas lernen durfte, und ihr wart da, wenn es auf die Nase fiel und wieder aufstehen musste.
Meine Achtung vor den Eltern war immer gross. Sie wurde noch grösser, als meine Frau und ich vor 18 Jahren selbst Eltern wurden. Und sie wuchs erneut, als wir unsere Kinder in die Obhut der Schule gaben. Da wurde mir erst bewusst, wie viel Vertrauen dieser erste grosse Schritt des Loslassens erfordert: das Vertrauen darauf, dass es dem eigenen Kind bei seinen Lehrpersonen und in seiner Klasse gut geht. Heute, da unsere Kinder Jugendliche und junge Erwachsene sind, habe ich noch einmal eine neue Vorstellung davon bekommen, was es bedeutet, Kinder durch das Teenageralter zu begleiten.
Eltern sind die wichtigste Ressource für das Kind – auch wenn es älter wird. Eltern sind der Anker. Stellen sich in der Schule Schwierigkeiten ein, hilft es dem Kind am meisten, wenn wir Eltern ruhig bleiben, wenn wir zuhören und gemeinsam mit dem Kind und möglicherweise mit der Schule nach Lösungen suchen.
Gibt es grosse Probleme, kann ein klärendes Gespräch mit der Lehrerin oder dem Lehrer gute Dienste leisten, telefonisch oder vor Ort. Als Lehrer schätze ich es, wenn Eltern in diesen Momenten nachfragen, wie wir eine Situation in der Schule wahrnehmen. Auch dann, wenn viele Emotionen im Spiel sind. Wir Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass ihr immer näher bei eurem Kind steht als wir, und das ist gut so. Dürfen Lehrerinnen und Lehrer ihre Wahrnehmung schildern, sind die Türen für Lösungen weit geöffnet.
Klärung schafft Raum
Als Lehrer habe ich das erlebt, als sich vor einiger Zeit ein Junge von einer Aussage von mir blossgestellt fühlte. Der Anruf des Vaters erfolgte zeitnah. Es war sehr hilfreich, dass er zunächst fragte, wie ich die Situation in der Schule erlebt hatte. Weil er auch meine Sicht hören wollte, konnte ich offen sagen, dass meine Aussage für den Jungen verletzend gewesen war und ich mich bei ihm dafür entschuldigen wollte.
Gleichzeitig konnte ich erklären, was ich mit meiner Aussage bezweckt hatte und dass ich den Jungen keineswegs verletzen wollte. Ungeklärt bleiben solche Erlebnisse hängen und stören jede weitere Zusammenarbeit. Geklärt schaffen sie Raum für vertiefte Beziehungen!
Die Schule ist ein Lernfeld mit vielen Chancen, aber auch ein Spiegel der Gesellschaft mit vielen Herausforderungen.
Bedenkt, liebe Eltern, dass ihr euer Kind am besten kennt. Manchmal wird alles zu viel und es braucht einfach eine Pause. Ein oder zwei Tage zu Hause ausruhen und das Kind kann neue Kraft für die Herausforderungen des Lebens tanken. Ihr allein entscheidet das!
Die Schule ist ein Lernfeld. Eines mit vielen Chancen und Möglichkeiten für unvergessliche Erlebnisse. Aber auch mit vielen Herausforderungen, denn sie ist der Spiegel der Gesellschaft. So viele verschiedene Menschen kommen zusammen. Es ist für uns Lehrerinnen und Lehrer eine Herkulesaufgabe, die Bedürfnisse aller unter einen Hut zu bringen und sich selbst dabei nicht zu verlieren!
Danke, wenn ihr euch dessen bewusst seid und auch dann respektvoll bleibt, wenn Handlungen der Lehrpersonen für euch nicht nachvollziehbar sind. Übrigens ist dies auch für mich in der Rolle des Vaters nicht immer einfach. Positiv zu bleiben, wenn die Kinder von der Schule erzählen, gelingt auch mir nicht immer. Bereits mehrmals musste ich von meiner Frau zurechtgewiesen werden, wenn ich mich vor unseren Kindern abschätzig über die Schule äusserte.
Was Lehrpersonen beitragen können
Wir meinen es gut mit den Kindern, wir wollen ihnen gerecht werden. Und merken dabei immer wieder aufs Neue: Wir werden nie allen gerecht.
Gut gemeint ist nicht selten das Gegenteil von gut. Das berichten mir auch viele Eltern. Dass sie sich von der Schule bevormundet und nicht hinreichend respektvoll behandelt fühlten. Dass sie für die Schwierigkeiten, die in der Schule auftreten, verantwortlich gemacht würden.
Respektvoll mit Eltern zusammenzuarbeiten, ist an Schulen unbestritten. Dabei können wir Lehrerinnen und Lehrer auch auf unsere Erfahrung setzen. In der überwiegenden Mehrheit machen Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Weg. Sie lernen später dazu, was ihnen während der Schulzeit noch nicht möglich war – wenn sie es denn brauchen.
Buchtipp
Wir sehen immer wieder, wie sich ehemalige Schülerinnen und Schüler entwickeln und plötzlich grosse Entwicklungssprünge machen. Dieses Wissen hilft uns enorm für die Zusammenarbeit mit den Eltern. Denn es gibt uns einen Erfahrungsvorsprung sowie Vertrauen und hilft uns, Lernprozesse mit Geduld zu begleiten.
Können wir diese Ruhe und Geduld in Elterngespräche einbringen, ist das äusserst hilfreich. Vertrauen wir den natürlichen Lernrhythmen der Kinder nicht, sind wir verzweifelt. Und unter Druck geben wir diesen oft an die Eltern weiter, was sie ratlos und einsam zurücklässt.
Wir Lehrpersonen haben tiefe Einblicke in Familiengeschichten. Sind wir uns dessen bewusst und gehen mit dem Geschenk dieser Einblicke achtsam um, dann gibt es auch in schwierigen Situationen plötzlich ganz viele Möglichkeiten. Es zeigen sich Lösungen, die auch von den Eltern mitgetragen werden können!
Gemeinsam Lösungen finden
Erleben Eltern mit ihren Kindern eine schwierige Zeit, kann die Offenheit von uns Lehrerinnen und Lehrern ungemein helfen. Wenn wir mit Eltern anspruchsvolle Erfahrungen mit unseren eigenen Kindern teilen, entsteht dieses wohlwollende «Wir sitzen im selben Boot»-Gefühl. So konnte ich zum Beispiel Eltern viel einfacher zu einer Erziehungsberatung motivieren, wenn ich ihnen schilderte, wie ich privat und beruflich bereits davon profitiert hatte.
Ich wünsche mir in der Debatte um die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern viel Offenheit und Mut, um passende Wege zu suchen.
Seit einigen Jahren bringe ich zu Beginn jedes Elterngesprächs zum Ausdruck, wie sehr ich mich freue, dass das Kind Teil der Klasse ist. Damit habe ich sehr schöne Erfahrungen gemacht. Es ist dann manchmal, als würde ein über Eltern und Kind liegender Schleier der Anspannung wegfallen. Das öffnet uns die Türen für gemeinsame Schritte, auch dann, wenn es nicht einfach läuft und Lösungen nicht offensichtlich sind.
Ich wünsche mir in der ganzen Schuldebatte rund um die Elternzusammenarbeit viel Offenheit und Mut, um gemeinsam mit den Eltern passende Wege zu suchen und diese dann auch auszuprobieren. Beachten wir auch, dass unsere am Anfang beschriebene Angst und das fehlende Vertrauen vor allem eine Angelegenheit der Erwachsenen sind. Wir dürfen die Kinder hin und wieder aus diesem Fokus befreien.
Eltern und Lehrpersonen können auf sich selbst schauen, ihren Ängsten nachspüren und herausfinden, was sie auf die Seite des Vertrauens bringt!









