Teilen

«Mittlerweile haben wir fast keine Konflikte mehr»

Aus Ausgabe
10 / Oktober 2026
Lesedauer: 4 min
Sybille, 53, und Sascha Rellstab, 49, aus Frauenfeld TG trennten sich vor gut vier Jahren, nachdem sie sich ­auseinandergelebt hatten. Tochter Soey, 12, betreuen sie zu gleichen Teilen. Sie findet es toll, zwei Zuhause zu haben.
Aufgezeichnet von Sibille Moor

Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo

Sybille: «Nach 13 Jahren Beziehung merkten wir, dass wir uns auseinandergelebt hatten. Wir hätten zwar noch zehn Jahre so weitermachen können, aber dann wären wir beide unzufrieden gewesen.»

Sascha: «Wir funktionierten als Familie zwar immer noch gut, auch organisatorisch. Ich wollte Soey gerne eine intakte Familie bieten und habe daher vorgeschlagen, dass wir eine Paartherapie machen, aber Sybille wollte das auf keinen Fall.»

Sybille: «Ich weiss heute nicht mehr genau, weshalb ich dies so vehement ablehnte.»

Sascha: «Als Sybille die Paartherapie ausschlug, sah ich den Sinn hinter der Beziehung nicht mehr. Zuvor hatten wir nie vor Soey gestritten und wurden auch nie laut. Aber unsere letzten zwei Streite waren laut und vor Soey. Im letzten, das war im Mai 2022, sagten wir: Dann trennen wir uns halt. Wir schliefen danach noch zwei Wochen im gleichen Bett, bis Sybille fand, ich solle in ein anderes Zimmer gehen. Schliesslich machten wir ab, dass wir zusammen in unserem Haus bleiben, bis jemand mit einem neuen Partner zusammenzieht.»

Sybille: «Soey war damals acht Jahre alt und hat am Anfang versucht, uns wieder zusammenzubringen. Sie hat den Tisch schön gedeckt und feines Essen ­serviert. Dann erklärten wir ihr, dass wir kein Paar mehr sind, auch nicht mehr werden, uns aber trotzdem noch gut verstehen.»

Als ich erfuhr, dass Sascha eine neue Partnerin hatte, traf mich das. Mir wurde bewusst, dass die Trennung endgültig war.

Sybille

Sascha: «Im August 2022 lernte ich meine neue Partnerin kennen und zog im April 2023 mit ihr zusammen. Mir war wichtig, eine Wohnung in der Nähe zu finden, weil wir Soey 50:50 betreuen. Das hatten wir schon vor der Trennung so gemacht.»

Soey: «Ich kann mich nicht mehr gut an die Trennung erinnern. Aber dass Papi so schnell eine neue Freundin hatte, war schwierig für mich.»

Sybille: «Als ich erfuhr, dass Sascha eine neue Partnerin hatte, traf mich das im ersten Moment. Mir wurde bewusst, dass die Trennung endgültig war, und ich fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auch als er dann ausgezogen war, ging es mir zwei, drei Wochen lang schlecht. Und das, obwohl ich mich eigentlich gefreut hatte, das Haus für mich und Soey allein zu haben. Ich kann nicht genau sagen, welche Gefühle da hochkamen. Vielleicht das Gefühl, allein zurückzubleiben. Auf jeden Fall musste ich einige Dinge im Haus verändern, damit ich mich besser fühlte.»

Sascha: «Auch Soey hatte am Anfang etwas Mühe. Sie bekam rasch Heimweh nach dem anderen Elternteil. Deshalb änderten wir für kurze Zeit unseren Rhythmus und sie wechselte jeden Tag zwischen Sybille und mir – auch wenn das für uns sehr mühsam war. Nach einigen Monaten kehrten wir zum Dreitagesrhythmus zurück und das klappt seither gut.»

Sybille: «Mittlerweile haben Sascha und ich fast keine Konflikte mehr. Natürlich ärgere ich mich manchmal über ihn oder finde nicht alles gut, was er macht. Ich muss das aber nicht kommentieren, sondern kann einfach darüberstehen.»

Nur wenn man etwas über das Leben einer anderen Person weiss, kann man Empathie entwickeln oder Entscheidungen nachvollziehen.

Sascha

Sascha: «Wir haben einander immer schon einen grossen Spielraum gelassen. Auch wenn wir Streit hatten, konnten wir danach wieder normal miteinander sprechen.»

Sybille: «Als Eltern sprechen wir uns gut ab, was in Soeys Leben läuft – auch damit sie uns nicht gegeneinander ausspielen kann.»

Sascha: «Zudem tauschen wir uns auch darüber aus, was bei uns im Leben läuft. Denn nur wenn man etwas über das Leben einer anderen Person weiss, kann man Empathie entwickeln oder Entscheidungen nachvollziehen.»

Soey: «Ich finde es super, dass meine Eltern sich immer noch gut verstehen. Zwei Zuhause zu haben, ist toll und ich fühle mich in beiden wohl.»

Sybille: «Wir verbringen auch einmal im Jahr gemeinsam ein verlängertes Wochenende mit Freunden. Für meinen neuen Partner ist das ungewohnt, aber er lässt sich darauf ein. Auch Nachbarn oder Lehrpersonen sind oft überrascht, wie gut wir die Situation handhaben. In den Köpfen der Menschen ist es immer noch normal, dass man sich nach einer Trennung nicht ausstehen kann und Konflikte hat.»