Teilen

«Ich habe ständig Angst, dass meinem Sohn etwas passiert»

Aus Ausgabe
10 / Oktober 2026
Lesedauer: 6 min
Eine Mutter wendet sich an den Elternnotruf. Sie möchte ihrem Teenager eigentlich mehr zutrauen, tappt aber immer wieder in die Kontrollfalle. Ein Bild hilft ihr.
Aufgezeichnet von Joëlle Amstutz

Bild: Adobe Stock

Mutter: Guten Tag. Ich habe einen 16-jährigen Sohn und merke häufig, dass ich ihn schlecht loslassen kann. Ich habe ständig Angst, dass etwas passiert. Möchte immer wissen, wo er ist, kontrolliere manchmal sogar sein Handy und schreibe ihm oft Nachrichten. Eigentlich weiss ich, dass das nicht gut für unsere Beziehung ist, und merke, dass ich ihn so von mir wegstosse. Aber es passiert mir immer wieder und es kommt deshalb auch öfter zu Streit zwischen uns.

Beraterin: Das, was Sie beschreiben, höre ich sehr oft von Eltern in dieser Phase. Wenn aus dem Kind ein Jugendlicher wird, der zu­nehmend autonom werden will, ­beginnt auch für die Eltern ein Veränderungsprozess. Es ist herausfordernd, die Balance zwischen Präsenz und Vertrauen zu finden. Das braucht Übung und auch ein bisschen Nachsicht mit sich selbst. Wenn wir in diesem Gespräch etwas finden könnten, das Ihnen hilft, den Kreislauf aus Kontrolle und Streit zu durchbrechen, woran würden Sie das erkennen?

Mutter: Ich wäre ein bisschen vertrauensvoller und müsste weniger kontrollieren. Er macht seine Sache eigentlich ganz gut, und ich weiss grundsätzlich, dass er seinen Weg gehen wird.

Ich habe das Gefühl, dass sich verschiedene Anteile in Ihnen Gehör verschaffen wollen.

Beraterin

Beraterin: Wenn ich Ihnen so zuhöre, habe ich das Gefühl, dass sich da verschiedene Anteile in Ihnen Gehör verschaffen wollen. Da ist einerseits ein beschützender Anteil, der besorgt und ängstlich ist. Andererseits gibt es einen Anteil, der gelassener und vertrauensvoller ist. Es gibt eine Methode, mit der man diese inneren Anteile genauer anschauen kann. Möchten Sie das mit mir ausprobieren?

Mutter: Ja, gern, das tönt spannend.

Beraterin: Also, dann stellen Sie sich vor, dass Sie sich als Steuerfrau in einem Ruderboot befinden und Ihre verschiedenen Anteile sitzen an den Rudern. Zwei von ihnen haben wir schon: die Beschützende und die Vertrauensvolle. Gibt es noch weitere Anteile, die in solchen Momenten mit im Boot sitzen?

Mutter: Ich denke, da wäre sicher noch die Resignierte, die nicht mehr mag und aufgeben will. Am Schluss der Streitigkeiten sage ich oft Dinge wie «Dann sage ich halt gar nichts mehr» oder «Mach doch alles allein» oder Schlimmeres.

Beraterin: Verstehe. Für die Resi­gnierte gilt alles oder nichts. Habe ich das so richtig verstanden?

Mutter: Ja, genau.

Beraterin: Okay, dann haben wir bis jetzt die Beschützende, die Vertrauensvolle und die Resignierte. Gibt es noch einen Anteil?

Mutter: Ja, ich fühle mich oft wie eine schlechte Mutter, wenn ich nicht die Kontrolle habe, wenn ich die Regeln nicht durchsetze. Ja, genau, da sitzt noch die Kontrollierende.

Die meisten Ängste haben eigentlich mehr mit mir als mit meinem Sohn zu tun.

Mutter

Beraterin: Was denken Sie, welche gute Absicht verfolgt jeder dieser Anteile? Was möchte er für Sie oder Ihren Sohn erreichen?

Mutter: Ich glaube, die meisten Anteile haben eigentlich mehr mit mir als mit meinem Sohn zu tun. Sie zeigen vor allem meine Sorgen und Ängste. Die Beschützerin möchte verhindern, dass ihm etwas passiert. Die Kontrollierende will mir das Gefühl geben, dass ich alles tue, was eine gute Mutter tun sollte. Die Vertrauende sagt mir, dass mein Sohn seinen eigenen Weg gehen darf. Und die Resignierte zeigt mir, dass ich in diesen Spannungssituationen an meine Grenzen komme.

Beraterin: Was ich heraushöre: All diese Anteile wollen eigentlich etwas Gutes für Sie tun. Sie wollen schützen, sei es Sie selbst oder Ihren Sohn – oder sie möchten etwas bewahren, das Ihnen wichtig ist. Nur, das passt manchmal gar nicht mehr zur aktuellen Situation. Beim Bild vom Ruderboot heisst das: Sie rudern gerade nicht in die Richtung, in die Sie eigentlich wollen.

Mutter: Ja, das stimmt, das Boot dreht sich im Kreis. Die anderen Anteile werden von der Kontrolle einfach übersteuert. Oder, wenn die Resignierte übernimmt, wird gar nicht mehr gerudert.

Der Vertrauenden und der Beschützerin möchte ich die Ruder geben, die wissen am besten, wo es langgeht.

Mutter

Beraterin: Welchem Anteil oder welchen Anteilen möchten Sie in diesen Momenten die Ruder in die Hand geben und welche dürfen zwar mit an Bord bleiben, sollten sich aber eher auf die Passagierbank zurückziehen?

Mutter: Der Vertrauenden natürlich, aber auch der Beschützerin möchte ich die Ruder geben. Ich will ja doch auch noch meine Meinung sagen, wenn ich etwas nicht richtig finde oder wenn ich mir Sorgen mache.

Beraterin: Können Sie mir die beiden näher beschreiben?

Mutter: Ja, die Vertrauende ist ruhig und hoffnungsvoll. Sie ist eher eine Begleiterin und unterstützt auch die Beschützerin darin, ruhig zu bleiben. Diese ist als Mutter präsent, aber mit Abstand. Sie sagt, was sie denkt, ohne in Angst und Panik zu verfallen.

Beraterin: Gäbe es einen Leitsatz, den die beiden sagen könnten?

Mutter: Ich muss nicht alles kon­trollieren. Ich kann da sein, aufmerksam bleiben und meinem Sohn zutrauen, Erfahrungen zu machen.

Beraterin: Die Herausforderung wird also sein, dass die ruhige Vertrauende und die präsente Beschützerin ihren Platz am Ruder bekommen. Wie gelingt es Ihnen, diesen Teilen mehr Raum zu geben?

Mutter: Ich glaube, das Bild hilft mir schon recht gut. Ich werde versuchen, der Kontrollierenden und der Resignierten zu sagen, dass sie auf der Passagierbank Platz nehmen dürfen, weil die anderen im Moment besser wissen, wo es langgeht.

Elternnotruf

Bei Themen rund um den Familien- und Erziehungsalltag ist der Verein Elternnotruf seit über 40 Jahren für Eltern, Angehörige und Fachpersonen eine wichtige Anlaufstelle – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Die Beratungen finden telefonisch, per Mail, Chat oder vor Ort statt.
www.elternnotruf.ch
Telefon: 0848 35 45 55 (zum Festnetztarif)

Beraterin: Das tönt sehr gut. Das Bewusstsein, wer gerade rudert, gibt Ihnen schon mehr Wahlmöglichkeiten. Vielleicht merken Sie in den nächsten Tagen, dass die Vertrauende und die Beschützerin mit jeder Übung ein bisschen stärker werden. Vielleicht wäre es auch spannend, mit Ihrem Sohn über Ihre und seine eigenen Anteile in den Krisensituationen zu reden. Falls Sie merken, dass Sie noch mehr Werkzeuge brauchen, um die Anteile zu stärken – wir sind hier. Sie können uns jederzeit wieder anrufen.

Dieses Protokoll ist die stark verkürzte und auf das Wesentliche reduzierte Aufzeichnung eines längeren Beratungsgesprächs. Wir möchten damit einerseits Einblick geben in unsere Arbeit und andererseits den Leserinnen und Lesern Denkanstösse für ähnliche Fragestellungen vermitteln.
Yvonne Müller, Co-Leiterin Elternnotruf